6. September 2018 | Hauptkirche St. Petri zu Hamburg

Überall da lebt Gott, lebt der Segen der Gegenseitigkeit

06. September 2018 von Kirsten Fehrs

Gottesdienst zur China-Time, Dialogpredigt von Bischöfin Kirsten Fehrs und Pastor Dr. Liu Ruomin

Predigttext
Jeremia 29,7: Suchet der Stadt Bestes, und betet für sie zum Herrn; denn wenn's ihr wohl geht, so geht's auch euch wohl.
Chinesische Übersetzung: „Sucht Frieden für die Stadt, dann wird sie Stadt des Friedens sein“.

Matthäus 5: 13-16: Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten. Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Bischöfin Fehrs:
Liebe China-Time-Gemeinde hier in St. Petri!

Es ist ein sehnsuchtsvolles Lied, das wir da eben gehört haben. Danke dem Chor für den wunderschönen Gesang! Es geht um Heimweh, um schlaflose Nächte, es geht um den Traum von einem anderen, besseren Leben.

Wann bloß wird es besser sein? Wann hört er auf, der Kummer? Wann endlich fällt die Mauer? Diese Fragen kennen wir, liebe Gemeinde, wenn wir in einer Krise stecken. So geht es auch den Israeliten. Sie befinden sich in der tiefsten Krise ihres Volkes. Was ist passiert?

Liu Ruomin:
Wir befinden uns im 6. Jahrhundert vor Christus, also 2500 Jahre liegt das alles zurück. Babylonische Truppen haben die Israeliten geschlagen und Jerusalem, die Stadt der Frieden, erobert. Und der babylonische König Nebukadnezar weiß, wie er der feindlichen Stadt am meisten schaden kann. Er deportiert die Oberschicht. Die Elite, die Menschen mit Wissen und Können siedelt er in Babylon an. Der König ist großzügig. Die neuen Bürger bekommen Wohnungen und Arbeit, sie genießen Religionsfreiheit. Und so schlecht ist es in Babylon eigentlich gar nicht. Wissenschaft und Technologie sind hoch entwickelt, und die Landschaft ist wunderschön. Aber die Israeliten sitzen ‚by the rivers of Babylon’ und jammern über ihr Schicksal. Sie sehnen sich nach ihrer Vergangenheit und wollen zurück in ihr altes Leben.

Bald wird alles gut werden, bald wird man wieder in Jerusalem sein. Bald wird alles wie früher. Das behaupten auch ihre Propheten. So, wie wir uns in den Krisen unseres Lebens ja auch gerne beschwichtigen lassen: Bald bist du wieder auf den Beinen. Bald hast du wieder Kraft. Bald tut es nicht mehr weh. Die Zeit heilt alle Wunden.
In dieser Situation erreicht die Israeliten nun ein Brief des Propheten Jeremia, der in Jerusalem zurückgeblieben ist.

Bischöfin Fehrs:
Und Jeremia mutet den Menschen in der Fremde einiges zu. Nein, prophezeit er, so bald kommt ihr nicht zurück. 70 Jahre wird das Exil noch mindestens dauern, zwei, sogar drei Generationen. Erst eure Enkel werden zurückkehren. Ihr nicht mehr.
Harte Worte.
Mit dieser Krankheit musst du leben.
Deine Trauer wird dich dein Leben lang begleiten.

Arbeit wirst du in deinem Alter nicht mehr finden.
Wahrheit ist nicht immer leicht auszuhalten. Aber die Lüge, das weiß Jeremia, das Drumherum-Reden, all das verunsichert in einer Krise erst recht. Und so gehört auch das zur Wahrheit: Die Frage stellen zu dürfen, wo Gott denn eigentlich ist, jetzt, wo es ihnen schlecht geht und sie sich fremd fühlen. Jetzt, wo all das, worauf sie sich bisher verlassen haben, nicht mehr da ist und nicht mehr gilt. Ist Gott jetzt also auch unbekannt verzogen?

Jeremia antwortet, klar und wahr: Gott ist auch jetzt da, auch in der Fremde. Schaut hin. Sucht ihn, überall, wo ihr seid! Er wird sich finden lassen! Er ist nicht gebunden, weder an einen Ort noch an eine bestimmte Form, nicht mal an eine Kirche. Er ist bei euch, obwohl ihr im Ausland seid, in der Fremde.

Deshalb: Sucht. Sucht ihn hier und jetzt. Sucht ihn in der Stadt Bestes. Und das Beste heißt ja: Frieden. Gemeinschaft. Liebe. Wo dies alles wohnt, wohnt auch Gott.

Mir gefällt das. Ein WIR derer, die der Stadt Bestes suchen. Das Verb ist dabei entscheidend: Suchen. Wer sucht, der weiß nicht schon alles. Der schaut sich um. Fragt nach und hört zu. Nimmt Anteil. Wer sucht, geht immer auch ein Stück von sich weg, um zum anderen hinzukommen. Das Beste ist nie nur für mich. Sondern immer nur füreinander. Und im Miteinander. Eben nicht: „Zuerst ich!“ Nicht „America or Germany first! – Nein: Zuerst Wir. Unsere gemeinsame Welt, unser Planet zuerst.

Liu Ruomin:
Der Gott der Bibel ist auch „in der Fremde“ präsent. Gott lässt sich finden, wo man anders lebt und betet, wo man eine andere Kultur und andere Sprachen pflegt.

Unser Gott, der Schöpfer, ist der universale Gott! Wie ein damaliger Bischof in China, K. H. Ting es betont, der Christus ist der universale Christus. Er ist nicht nur der Herr für die Gemeinde, sondern auch der Herr für alle und immer da!

In der Zeit der Kulturrevolution existierte keine öffentliche Religionsausübung. Aber Christen besuchten geheime Gottesdienste in den Städten und auf dem Land. Sie trafen sich an den verschiedensten Orten. Sie lasen die Bibel mitten in der Nacht oder beteten zusammen in den Häusern.  Deswegen gab es kurz nach Ende der Kulturrevolution schon 4 Millionen Protestanten (im Jahre 1949 nur etwa 1.8 Mio. Christen, davon 750.000 Protestanten). Es ist auch ein geschichtlicher Grund für die Entwicklung der Hauskirche nach der Kulturrevolution in China, dass es schon eine Tradition für viele Christen ist, sie sich immer weiter zu Hause zum Gebet, Bibelkreis und Gottesdienst zu treffen.

Bischöfin Fehrs:
Mir ist aus eurer Geschichte und dem Film eben noch einmal deutlich geworden, wie wichtig es ist, gemeinsam zu glauben und zu beten. Eine Heimat zu haben in Gottes Wort. Das Halt gibt, wie ein feste Burg, und Kraft schenkt, neue Wege zu gehen.

Denn: Es geht weiter! Mit genau diesen Gedanken der Hoffnung, die über das Jetzt hinaussehen, mit diesem Zutrauen, dass Verletzung, Flucht und Verlorenheit niemals das letzte Wort haben – mit dieser Botschaft sollen wir auch heute in dieser Welt stehen. Inmitten der Städte unserer Zeit. Mit all den sozialen und politischen Herausforderungen. Wir sind gesandt, sagt diese Exilgeschichte, dafür einzustehen, dass jeder Mensch Lebensrecht hat auf dieser Welt. Und in jeder Stadt. In Hamburg allemal!

Diese Stadt verändert sich, jeden Tag. Inzwischen hat jeder dritte Hamburger einen Migrationshintergrund, viele kommen aus Asien und manche auch aus China. Davon profitiert nicht nur unsere Stadt, sondern auch unsere Kirchen werden bereichert, wie wir hier heute erleben können. Denn in China wachsen die Gemeinden – auch weil sie neue Wege gehen, um die Menschen zu erreichen. Da können wir nur voneinander lernen.

Das ist Gottes Geschichte mit uns: Kein Mensch ist von der Gemeinschaft der Geliebten und Geachteten ausgeschlossen, weder die Alteingesessenen noch die Neubürger, die Gehandicapten und die Vermögenden, die, die man von Herzen liebt und die, die einem herzlich egal sind. Integration – ist dafür das moderne Wort. Oder theologisch ausgedrückt: Es lebe der Segen der Gegenseitigkeit! In dieser Stadt. Und weltweit.

Liu Ruomin:
Die chinesische Christ/inn/en betonen es häufig, dass wir die Reisenden in der Welt sind, sogar dass wir die Gäste in der Welt sind. Und doch leben wir mitten in dieser Welt, und wir sollen in dieser Welt leben. Wir richten uns ein, gründen Familien, leben unser Leben. Aber wir wissen auch, dass dieses Leben vergänglich und längst nicht alles ist. Wir vertrauen darauf, dass Gott uns und alles letztendlich zu einem guten Ende führt. Und in diesem Vertrauen können wir unsere Verantwortung für diese Welt wahrnehmen.

„Sucht der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn, denn wenn ihr es wohlergeht, so geht’s auch euch wohl.“  Angesichts der historischen Umstände ist diese freundliche prophetische Ansage ein harter Brocken. Noch deutlicher wird das, wenn man die Kernaussage etwas näher am hebräischen Wortlaut oder nach chinesische Übersetzung zusammenfasst: „Sucht Frieden für die Stadt, dann wird sie Stadt des Friedens sein“, sagt Jeremia dann auch. Denn wenn es dem Ort, an dem ihr lebt, gut geht, geht es auch euch gut.

Bischöfin Fehrs:
„Schalom“ also, liebe Geschwister aus aller Welt! Schalom – denn das heißt ja: Soziale Gerechtigkeit und Frieden für alle und Gott dabei in der Mitte. Was das heutzutage konkret meinen kann? Denken wir hochaktuell an die Veränderung durch die Digitalisierung – alle reden davon, dass die Gesellschaft moderner wird, dass die Kommunikation schneller und die Maschinen klüger werden. Auch ich finde diesen Fortschritt faszinierend, viel Gutes ist darin. Alle können mitreden – was für eine Chance für eine weltweite Demokratie! Aber nur dann, wenn der Mensch in seiner einzigartigen Würde nicht aus dem Blick gerät. Wenn auch Digitalisierung sich in den Dienst des Lebens stellt, eines guten Lebens, dass allen Menschen zukommen soll.

Das ist Schalom. Wo das WIR wohnt, wohnt Gott. 

Dort, wo man Flüchtlinge aufnimmt, wohnt Gott. Vor hundert Jahren gab es schon einmal eine chinesische Gemeinschaft in dieser Stadt, in St. Pauli. Die Nazis haben sie brutal zerstört. Auch das soll uns eine Mahnung sein, gegen jede Fremdenfeindlichkeit einzutreten. Ich bin froh, dass Sie zu Hamburg dazugehören! Und also: Dort, wo man Ja sagt zum klaren Nein gegen Intoleranz und Hass, da ist Gott! Und da bleibt er! Überall da, wo Kinder furchtlos aufwachsen, und der alte Mensch seine Kinderseele behalten darf. Und wo Chinesen und Hamburger miteinander beten und singen. Überall da lebt Gott, lebt der Segen der Gegenseitigkeit.

Liu Ruomin:
Dietrich Bonhoeffer hat in seiner Dissertation geschrieben, da war er nur cirka 20 Jahre alt: „Die Kirche ist „Christus als Gemeinde existierend“. Die christliche Gemeinde existiert also „Füreinander“ und „Miteinander“. „Füreinander-Sein“ wiederum ist zu verstehen als „Tat der Liebe“. Wenn Glaube an Gott und der Segen für die Stadt so eng zusammenhängen, wie der Prophet Jeremia es anvisiert, dann ist es in Ordnung, dass wir uns von Fall zu Fall als Gemeinde verstehen. Dann nämlich, wenn wir für die Stadt konkret etwas unternehmen wollen. Inspiriert von der Vision sozialer und kultureller Gerechtigkeit, fragen wir, was jeder beitragen kann, egal woher sie kommt, egal ob sie eine andere Religion oder ob jemand keine Religion hat. Fragen wir danach, was das Beste für die Stadt ist. Suchen wir Antworten. Als Christengemeinde können wir darauf vertrauen, dass wir bei der Suche nach Antworten, Gott auf der Spur sind. 
Amen.

Datum
06.09.2018
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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