Sonntag, 30. August 2026

Verleihung des Erich-Kästner-Preises 2026 an Samuel Koch

31. August 2026 von Kirsten Fehrs

Laudatio von Bischöfin Kirsten Fehrs für den diesjährigen Erich-Kästner-Preisträger, Schauspieler, Redner und Autor Samuel Koch.

Verehrte Gäste, lieber Samuel,

beginne ich mit einer persönlichen Impression: Wenn ich an Samuel Koch denke, sehe ich ihn sofort vor mir in einer brechend vollen Messehalle beim Kirchentag. Hunderte begeisterte Jugendliche streben direkt nach unserer Bibelarbeit auf die Bühne, um mit dir, lieber Samuel, zu reden. Und du, du hörst zu. Bist so nahbar. Liebenswürdig. Barrierefrei zugewandt. „Samuel, wir haben dein Buch im Unterricht behandelt – und ich habe es wirklich gelesen!!“ „Echt?“, antwortest du. „Freiwillig??“ – „Könntest du mir ein Autogramm geben“, sagt eine andere und guckt dich mit großen Augen an. Und du sagst: „Tja, das ist leider im Moment etwas schwierig, weil ich ja nicht schreiben kann. Aber Fingerabdruck, Fingerabdruck geht immer.“ So geht es stundenlang weiter, deine Herzlichkeits-Kondition scheint unendlich. Am Ende gehen die Menschen anders von der Bühne als sie gekommen sind: glücklich, geehrt, mit neuen Gedanken, an der Herzhaut berührt.

Es ist mir eine große Freude und aufrichtige Ehre, lieber Samuel Koch und liebe Jury, heute die Laudatio zur Überreichung des Erich-Kästner-Preises 2026 halten zu dürfen. Für Samuel Koch, die Menschenfreundlichkeit in Person. Der immer Haltung beweist – auf der Bühne und dahinter. Der Raum und Zeit vergessen kann, wenn es darum geht, den Kummer, aber auch die Sehnsüchte und die Lebenshoffnung von Kindern und Jugendlichen zu verstehen. Lieder mit ihnen zu schreiben. Ihre Ängste zu teilen und ihr Gefühl, nicht gesehen zu werden. Und der es vermag, allen, den Jungen und den Alten, wirklich aus der Seele zu sprechen.

Und dazu nun: Erich Kästner. Erich Kästner und natürlich die Kinder. Die bei ihm immer wieder im Mittelpunkt stehen mit ihren persönlichen Nöten und Wendungen. Wer von uns hätte nicht mit Emil Tischbein mitgelitten, beklaut da in Berlin. Wer hätte nicht mit den fünf Freunden mitgefühlt, deren Zusammenhalt im Theaterspiel des fliegenden Klassenzimmers immer wieder auf die Probe gestellt wurde? Wen hätte nicht diese Freundschaft berührt, zwischen dem reichen Pünktchen und dem armen Anton, beide wie Pott und Pann, wahre Freundschaft kennt keine Klassenunterschiede.

Kästner schrieb mit tiefem Ernst und feinem Humor von all jenen, die Haltung bewiesen, wenn die Umstände es nicht gut mit ihnen meinten und sie herausforderten. Just in den Zwanziger und Dreißigern des vergangenen Jahrhunderts, deren Parallelen zur rechtsnationalen Stimmungsvergiftung in Politik und Leben heute wohl kaum zu leugnen ist. Und ja, nicht hinnehmbar ist es, lieber Herr Wolf, liebe Gäste, dass eine Partei sich in unserem Land wieder herausnimmt, bestimmen zu wollen, wer ein Mensch ist und wer nicht!

Zuallererst richtet sich Erich Kästners Blick also auf die Kinder, die – wie jeden Menschen – eine große Sehnsucht treibt: danach, sich entfalten zu dürfen, für andere Sinnvolles zu bewirken und dabei Mensch zu sein, ein ganz eigener Mensch. Die Kinder bei Erich Kästner bewahrten ihren Verstand, wenn die Welt um sie herum Kopf stand. Weil sie sich nicht damit abfanden, dass die Umstände bestimmen, wer sie sein dürfen – wie du, lieber Samuel Koch.

Am 04. Dezember 2010 änderte sich dein Leben innerhalb weniger Sekunden, ja ein Sekundenbruchteil zertrennte dein Leben in ein Davor und Danach. Millionen Menschen sahen im Fernsehen wie ein Sprung missglückte, der dir als Kunstturner, ja bestaunter Akrobat tausende Male vorher gelang. Wahrscheinlich hätte man fortan eine Geschichte über dich erzählen können, die mit diesem einen Satz beginnt und damit ein ganzes Leben festlegt: Samuel Koch, der junge Mann, der bei „Wetten, dass...?“ verunglückte. Aber du hast nicht zugelassen, dass man dein Leben auf diesen einen Moment reduziert. Das ist eine große Kästner'sche Qualität an dir: Du hast dir mit großem Hoffnungstrotz die Deutungshoheit über dein eigenes Leben nicht nehmen lassen.

Kästner wusste, dass Worte Macht haben. Sie können Menschen kleinmachen, festlegen, demütigen, abstempeln. Aber sie können auch Türen öffnen. Deshalb schrieb er für Kinder und Erwachsene, für die Nachdenklichen und die Unangepassten, für Menschen, die sich ihre eigene Meinung bilden und bewahren wollten.

Wie sehr, lieber Samuel, passt das zu dir! Wortkünstler, ja bestaunter Wortakrobat der leichten Sprache, die alles andere als einfach ist. Tiefsinnige Sprache, die deshalb Leichtigkeit vermittelt, weil sie mit Empathie anerkennt, dass es schwere Zeiten geben kann im Leben. Worte, so authentisch, die zugleich immer über deine persönliche Geschichte hinausweisen und andere zu neuen Perspektiven verlocken. Du sprichst über Behinderung, ohne dich auf Behinderung reduzieren zu lassen. Du sprichst über Grenzen, ohne Menschen einzureden, dass jede Grenze einfach nur überwunden werden müsse. Du sprichst über Hoffnung, ohne die Wirklichkeit schönzureden. Und trägst genau damit eine Zuversicht in diese Welt, die andere – vor allem auch junge Menschen – jetzt brauchen, um in diesem weltweiten politischen Irrsinn den Kurs des Herzens zu halten. Sich eben nicht verführen zu lassen von der angeblichen Stärke derer, die nur die einfachen Antworten können.

Auch Kästner war ja ein großer Skeptiker der einfachen Antworten. Er traute den Menschen etwas zu – vor allem ihrem eigenen Kopf und ihrer Sehnsucht nach „Wachsen-Dürfen“, nach einem guten Leben mit Anerkennung und gelingenden Beziehungen. Sein berühmter Appell „Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es!“ gilt nach wie vor. Und auch der klingt nur einfach. In Wahrheit ist dies eine an Wachheit nicht zu überbietende Lebenshaltung, die jeden herausfordert zur Liebe in Zeiten des Hasses. Als eine Antwort auf die existenzielle Frage, wie man in dieser gebrochenen, verwundeten Welt das Böse überwindet.

Das Gute – das sind bei Samuel Koch die kleinen Gesten der Zuneigung. Der große Respekt, mit dem er jeden Menschen in seinem Sosein würdigt. Es ist sein Toleranzedikt, dass es nichts gibt, was es nicht gibt. Und sein aufmerksamer Blick für die Ungesehenen, die am Rande der Bühnen der Gesellschaft stehen. Kein Zufall auch, dass er z.B. immer den Technikern dankt, weil sie es ihm ermöglichen, dass sein großes Publikum ihn auch mit leiser Stimme verstehen kann. Samuel Koch erreicht die Menschen mit seiner leisen Eindringlichkeit und seinem unerhört charmanten Humor. Jedenfalls bestimmt nicht mit lauten Parolen. Im Gegenteil: Ich kenne keinen unprätentiöseren Menschen. Du machst einfach, was dir dein Herz sagt, lieber Samuel. Immer schon. Du hast studiert. Du bist Schauspieler geworden, hast Bücher geschrieben. Du stehst auf Bühnen, spielst menschliche Rollen mit allen Möglichkeiten des Handelns und des Fühlens. Du sprichst für und vor Menschen. Du erzählst vom Leben. Von dem, was passiert ist – aber noch mehr davon, was danach möglich war: als Einladung, das eigene Leben nicht vorschnell für festgelegt zu erklären. So eben, wie es einer deiner Buchtitel auf den Punkt bringt: Das Leben geht weiter, als man denkt.

Vielleicht ist das die schönste Verbindung zu Erich Kästner und dem nach ihm benannten Preis, mit dem Samuel Koch heute ausgezeichnet wird. Kästner war ja sehr bewusst, dass die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte. Er kannte hier in Dresden kleinbürgerliche Lebensumstände. Sie prägten sein Aufwachsen. Er musste Krieg und Diktatur kennenlernen, Zerstörung, Feigheit, Zensur und Abgründe der Menschenfeindlichkeit. Trotzdem – oder gerade deshalb – schrieb er weiter. Mit Witz. Mit Klarheit. Menschlichkeit. Und mit dem beharrlichen Glauben daran, dass der und die Einzelne einen Unterschied machen kann.

Und genau deshalb ist dieser Preis an Samuel Koch mehr als eine Auszeichnung für einen außergewöhnlichen Lebensweg. Er ist eine Auszeichnung für diese Haltung der Aufrichtigkeit, die andere aufrichtet. Eine Auszeichnung für die Entscheidung, sich nicht über das definieren zu lassen, was einem widerfahren ist. Für die Fähigkeit, Verletzlichkeit nicht zu verstecken, sondern sie stärkend zu zeigen – und den Schmerzen und Traumata, die Menschen durchleiden, sensibel zu begegnen. Es ist eine Auszeichnung für den Mut, anderen Menschen Hoffnung zu geben, ohne ihnen ihre eigenen Schwierigkeiten kleinzureden.

„Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen“, schreibt der Philosoph Ernst Bloch. Und er beschreibt die Hoffnung nicht als passives Warten darauf, dass etwas irgendwie schon gut ausgeht. Im Gegenteil: „die Arbeit des Hoffens“, so schreibt er, „entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern. Der Affekt des Hoffens geht aus sich heraus, macht die Menschen weit, statt sie zu verengen, kann nicht genug von dem wissen, was sie inwendig gezielt macht, was ihnen auswendig verbündet sein mag. Die Arbeit dieses Affekts verlangt Menschen, die sich ins Werdende tätig hineinwerfen, zu dem sie selber gehören“.

Und wie du dich hineinwirfst, lieber Samuel, ins Werdende, verliebt ins Gelingen! Mit Deiner Menschenfreundlichkeit ganz ohne Pathos, mit Deinen Büchern und Deiner Schauspielkunst im engagierten Theater, aber auch Deinem Engagement für zivilgesellschaftliche Organisationen und Netzwerke – wie „Samuel Koch und Freunde e.V.“. All dies ist in unserer Zeit, in der von Neuem mit einer abgründigen Menschenfeindlichkeit zwischen verschiedenen Menschengruppen Zäune aus Abwertung und Ablehnung aufgebaut werden, von großer Bedeutung für den sozialen, den barrierefrei wertschätzenden Umgang miteinander in unserer Gesellschaft.

Samuel Koch träumt unermüdlich den Traum einer offenen Gesellschaft, in der Menschen nicht ausgegrenzt und behindert werden an dieser teilzuhaben, sondern in die sie sich einbringen können mit ihren Gaben, mit ihrem kulturellen Wissen, mit ihrer Sprache des Herzens, mit ihren Lebenserfahrungen aus körperlichen, psychischen und sozialen Einschränkungen, mit ihrem Erfahrungswissen, wie sie Zukunft entfalten: solch eine lernende und hörende Gesellschaft wird reich an Lebensqualität, weil sie ihre Ignoranz verliert. Sie profitiert, weil erst die große Vielfalt von Menschen – als Christinnen und Christen sagen wir: wie Gott sie geschaffen hat – eine lebendige, inklusive und darin eine demokratische, soziale Gesellschaft ermöglicht. Und deshalb braucht es Menschen wie Samuel Koch, die so konsequent der Hoffnung die Hand hinhalten. Aller Ungerechtigkeit und allem Irrsinn zum Trotz. Die christliche Hoffnung, lieber Samuel, die uns beide unbedingt eint, ist eben keine, die da ist, wenn alles prima läuft. Sondern sie ist eine Kraft, die bleibt, gerade, wenn gar nichts gut läuft. Und deshalb ist christliche Hoffnung auch mehr als Optimismus. Sie ist eine Verheißung, die uns nach vorn trägt – eben, weil noch nicht alles gut ist, wie es sein soll. Für jedes Geschöpf auf dieser Welt.

Dabei weiß christliche Hoffnung, dass sie das Neue nicht allein aus eigener Kraft schafft. Sehr aufmerksam nimmt sie wahr, wo wir auch in bedrohlicher Lage mit Kraft, Mut und Liebe beschenkt werden. Durch Gott. Und durch andere Menschen. Wie dich.

Völlig zu Recht, meine Damen und Herren, wird deshalb heute der Erich-Kästner-Preis 2026 an den Schauspieler, Redner und Autor, an den aktiven Hoffnungsmenschen und den inspirierenden Lebenskünstler Samuel Koch für sein bisheriges, besonderes Lebenswerk vergeben. Für seine Bücher für Kinder und Erwachsene, die Kraft geben – und dabei nie so tun, als sei das ganz einfach aus uns selbst heraus möglich. Für seine zuversichtliche Aufgeschlossenheit, dass die Zukunft ein weites, helles Land ist. Für seine Zeichen und Hinweise, mit denen wir den Barrieren in unseren Köpfen auf die Schliche kommen. Für seinen Hoffnungstrotz, damit die Humanität in unserem Land die Mehrheit behält. Für seine ungebrochene Liebe zum Leben. Getragen von einem Glauben, der ihn tief innen gewiss sein lässt, dass man niemals tiefer fallen kann als in Gottes Hand.

Von Samuel Koch mit seiner Biografie und der ihm eigenen Kraft, dem Leben Zukunft zu geben, werden wir noch manches erwarten dürfen. Wir lernen, uns nicht festlegen zu lassen von einzelnen Momenten, Grenzen oder Zuschreibungen. So wie die Kinder in Erich Kästners Büchern, die trotz aller Begrenzungen zu sich selbst finden und wachsen, um wirklich Mensch sein zu können.

Dass du weiter diese Menschenfreundlichkeit in die Welt trägst und Grenzen überwindest, das wünsche ich dem heutigen Preis- und Hoffnungsträger, Samuel Koch, von Herzen. Und ich wünsche es uns allen: Seien, bleiben wir Mensch.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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