1. Januar 2020 | Dom zu Greifswald

Vertraut Gott und vertraut einander

01. Januar 2020 von Tilman Jeremias

Neujahrstag, Jahreslosung

Liebe Gemeinde,

nun haben wir die Schwelle überschritten. Das alte Jahr ist unwiederbringlich vergangen. Das neue liegt vor uns, erst Stunden alt. Was kann helfen auf einer solchen Schwelle? Wie können wir Frieden schließen mit dem Vergangenen und Mut fassen für das, was kommt? Wie können wir klar kommen mit dem mulmigen Gefühl, dass vermutlich auch dieses Jahr vieles noch bedrohlicher, angespannter, aussichtloser wird? Gibt es ein besseres Mittel gegen die Angst vor der Zukunft, als alles nur zu überspielen und zuzudecken?

Unser Planet ist krank. Er liegt im Fieber. Aufgeheizt durch die Energieverschwendung von reichen Menschen. Aber auch wir Menschen sind krank. Wir überschütten einander mit Hass und Gewalt anstatt in Frieden versöhnt zusammenzuleben.

Kranke müssen zum Arzt. Zur Zeit Jesu hieß das durchaus, sich an bekannte Heiler zu wenden. Und so ist es keineswegs überraschend, dass ein Vater mit seinem epileptischen Sohn bei den Jüngern aufkreuzt mit der Bitte, seinen Sohn gesund zu machen. Dessen Anfälle sind so schlimm, dass sein Leben schon mehrmals am seidenen Faden hing. In der damaligen Gedankenwelt war er besessen von einem bösen Geist, der ihn immer wieder heftig schüttelte. Die Bibel schämt sich nicht zu betonen, dass der Junge dann Schaum vor dem Mund hatte und wie rasend sich ins Wasser oder ins Feuer stürzte.

Die Jünger aber sind nicht in der Lage, dem Jungen zu helfen. Als Jesus dazukommt und die Jünger ihm ihren Misserfolg schildern, schimpft der Meister über ihren kleinen Glauben. Dass sie den Jungen nicht heilen konnten, hatte also in Jesu Augen nur diesen einen Grund: Sie waren zu kleingläubig. Oder andersherum gesagt: Hätten sie nur einen ausreichend starken Glauben besessen, wäre der Junge gesund geworden.

Jetzt wendet Jesus sich dem Vater zu. Im gleichen Moment bekommt dessen Junge wieder einen epileptischen Anfall und stürzt zu Boden. Der böse Geist merkt, dass er bald ausgespielt hat. Jesus aber geht mit dem Vater erst in die Anamnese: Wie lange der Junge denn so geplagt wird, fragt Jesus. „Von Kind auf“, erwidert der Vater. Und da bricht die Verzweiflung aus ihm heraus und er ruft Jesus zu: „Wenn du etwas kannst, dann erbarme dich unser!“ Wenn du etwas kannst: Hier ist die Heilkunst gefragt, menschliche Fähigkeit, gesund zu machen. Doch das lässt Jesus nicht gelten. Hier geht es nicht um besondere Fertigkeiten eines Menschen. Hier geht es um Glauben. Jesus erwidert: „Alles ist möglich dem, der glaubt.“ Ein Satz, wie in Stein gemeißelt. Auch mit dem Zeug, Jahreslosung zu werden. Aber vielleicht ja auch missverständlich, weil er menschlichem Größenwahn Vorschub leisten könnte. „Ich kann alles“ – das ist doch die Fantasie aller Egomanen. Klar, Jesus sagt: „wenn du glaubst“. Aber alles möglich machen zu können klingt doch bedrohlich nach Weltherrschaft.

Auf diesen Satz Jesu hin nun stößt der verzweifelte Vater einen Schrei aus, und dieser Schrei ist nun die tatsächliche Jahreslosung für 2020: „Ich glaube – hilf meinem Unglauben!“ Welch ein Ausruf! In diesen fünf Worten liegt schon alle Schönheit und alle Not des Glaubens verborgen. „Ich glaube!“, schreit er. Was sollte er sonst sagen? Wenn er jetzt seine erheblichen Zweifel kundtun würde, dass sein Sohn gesund wird, wäre alles verloren. Jesus hat es doch erklärt. Alles hängt am Glauben. Also legt der Vater sein Bekenntnis ab und gesteht im gleichen Atemzug, wie brüchig dieses Bekenntnis ist. Auf unnachahmliche Weise hat er damit zum Ausdruck gebracht, was der Charakter allen Glaubens ist: Hin- und Hergerissen-Sein zwischen fester Gewissheit und bohrenden Zweifeln, nicht selten praktisch im gleichen Moment.

Glaube ist nicht Wissen, und damit immer auf wackligem Grund. Wir können Gott nicht sehen und anfassen. Wir können Gott nicht beweisen oder ihn uns selbst oder anderen zweifelsfrei präsentieren. Diese kaum erträgliche Spannung entlädt sich im Schrei des Vaters. Wie gern sähe er seinen Sohn gesund! Und wie schwer kann er es sich andererseits vorstellen, dass es Wirklichkeit wird bei all dem, was er schon für den Sohn versucht hat.

Mit einem Wort voll Autorität gebietet Jesus dem bösen Geist, den Sohn zu verlassen. Dieser fällt wie tot zu Boden. Aber er ist nicht tot. Er ist frei und geheilt.

Eigentümlich noch der Abschluss der biblischen Erzählung aus Markus 9: Die Jünger fragen Jesus anschließend, warum sie nicht in der Lage waren, diesen bösen Geist bei dem Jungen auszutreiben. Und Jesus antwortet, dass diese Art der bösen Geister nicht anders zu besiegen sei als durch Beten. Haben die Jünger also zu wenig oder zu schwach gebetet?

Ich glaube; hilf meinem Unglauben! Die Jahreslosung legt uns nahe, dass 2020 für uns ein Jahr des Vertrauens werden soll. Glaube ist in der Bibel immer Vertrauen. Glauben heißt also nicht, etwas für wahr zu halten. Biblisches Glauben hat nichts mit Dogmatik zu tun. Glauben beschreibt ein Beziehungsgeschehen. Gelingende Beziehung setzt voraus: Ich vertraue dir. Damit ist Glauben aber immer ein Wagnis. Denn Vertrauen heißt in Vorleistung zu gehen, dem anderen einen Vorschuss zu geben. Vertrauen kann belohnt werden, genauso aber auch enttäuscht werden.

Darum liegt es eigentlich in der Natur des Glaubens, dass der Zweifel mit ihm Hand in Hand geht. Das Fatale ist jedoch, dass so sehr Vertrauen die Voraussetzung für eine gelingende Beziehung ist, so sehr das Misstrauen eine solche Beziehung zerstört. Eine Partnerschaft, die von gegenseitigem Misstrauen geprägt ist, ist entweder in einer schweren Krise oder gar keine Partnerschaft mehr.

Sollen wir also 2020 vertrauensselig sein? Ist Misstrauen nicht oft auch sinnvoll und angesagt, Weltkonzernen gegenüber zum Beispiel oder skrupellosen Potentaten gegenüber? Ja sicherlich. Wir wissen, dass wir nicht jeder unbekannten Mail trauen können. Ein leichtsinnig geöffneter Anhang kann unseren Rechner per Schadsoftware lahmlegen. Misstrauen kann helfen!

In der Partnerschaft, in der Familie und in Freundschaften jedoch zerstört das Misstrauen schnell die Grundlagen für die Beziehungen. Das Urvertrauen des Kleinkinds der Mutter gegenüber ist die Idealform allen Vertrauens: Sich ganz überlassen, geborgen sein, alles vom anderen erwarten.

Kann so Gottvertrauen funktionieren? Ich glaube, das geht nur in den Sternstunden des Lebens so, wenn in geisterfüllten Momenten plötzlich alles so klar scheint, so einfach, so sicher. Gottes Liebe ist da, hat mich ins Leben gerufen und begleitet mich mein Leben lang – ja! In weit mehr Lebensmomenten wird sich das alles weniger klar, einfach und sicher anfühlen. Dann hilft die Gemeinschaft in der Gemeinde, dann hilft ein gutes Bibelwort. Dann hilft vielleicht ein Gebetsschrei: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Leider lässt Vertrauen sich nicht festhalten, nicht gegenüber anderen Menschen und nicht gegenüber Gott. Es muss eingeübt und praktiziert werden, immer wieder neu erarbeitet werden.

Aber diese Vertrauensarbeit lohnt. Denn es winkt die Verheißung, dass durch den Glauben Heilung möglich ist, innere und äußere Heilung, Versöhnung und Neuanfang für kaputte Beziehungen. Vertrauen in Gott ist Sich-Festmachen im Urgrund des Lebens, sein Leben gründen, sich einfügen in den Liebesstrom Gottes. Es bleibt ein Wagnis. Aber es macht das Leben reich und beflügelt das Vertrauen zu anderen Menschen.  

Unser Planet ist krank. Er liegt im Fieber. Aufgeheizt durch die Energieverschwendung von reichen Menschen. Aber auch wir Menschen sind krank. Wir überschütten einander mit Hass und Gewalt anstatt in Frieden versöhnt zusammenzuleben.

Die Jahreslosung hat ein tiefgehendes Rezept für diese Krankheiten: Vertraut! Vertraut Gott und vertraut einander! Was spricht dagegen, im Jahr 2020 jeden Tag mit dem gleichen Gebetsruf zu starten: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“?

Amen.

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