7. November 2016 | St. Katharinen Hamburg

„Wenn dein Kind dich morgen fragt ...“

07. November 2016 von Andreas von Maltzahn

Predigt zu Dtn 6, 4-9.20-25, Tagung Arbeitsgemeinschaft evangelischer Schulträger

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. AMEN.

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn dein Kind dich morgen fragt: Wo warst du, als die Flüchtlinge im Mittelmeer zu Tausenden ertranken – was wirst du antworten?

Wenn dein Kind dich morgen fragt: Wie bist du gereist, als das Klima sich erwärmte und Dürre und sintflutartige Regenfälle zunahmen – was wirst du sagen?

Wenn dein Kind dich morgen fragt: Was hast du unternommen, als in der Türkei Andersdenkende in den Gefängnissen verschwanden?

Wir spüren: Mit solchen Fragen müssen wir rechnen. Die Verantwortung lastet. Wir spüren unsere Ohnmacht, vielleicht aber auch, was wir versäumen.

Auch in unserem Predigttext aus der Hebräischen Bibel heißt es: Wenn dein Kind dich morgen fragt . . . Dieses Fragen aber ist anders. Hier spricht ein heranwachsender Mensch, dessen Verstehen-Wollen gerade erwacht. Vertrauensvoll und neugierig fragt er nach dem, was seinem Vater so wichtig ist: Was sind das für Vermahnungen, Gebote und Rechte, die euch der Herr, unser Gott, geboten hat?

Auf das Gebot, Gott mit ganzem Vermögen zu lieben, reagiert das Kind weder mit blindem Gehorsam noch mit trotziger Verweigerung. Es will vielmehr verstehen, was in der Welt der Erwachsenen offenbar unbedingt angeht. Wie kostbar ist solches Fragen, solches Verstehen-Wollen! Welch ein Privileg ist es, das Erwachen wesentlicher Fragen bei Kindern und Heranwachsenden begleiten zu können – sei es im schulischen Kontext, in der Gemeinde oder in familiären Zusammenhängen! Für mich ist das der große Schatz unserer Schulen in evangelischer Trägerschaft wie religiöser Bildung überhaupt – dass hier junge Menschen begleitet werden, das zu entdecken, was des Fragens würdig ist.

In seinem autobiographischen Werk „Die Nacht“ erzählt Elie Wiesel: Als Zwölfjähriger im siebenbürgischen Städtchen Sighet hatte er eine besondere Verbindung zum Synagogendiener Mosche. Der hatte ihn einmal beobachtet, wie er in der Abenddämmerung allein in der Synagoge betete:

„Warum weinst du beim Beten“, fragte er, als kenne er mich seit langem. „Ich weiß nicht“, erwiderte ich verstört. Die Frage war mir nie gekommen. Ich weinte, weil . . . weil etwas in mir weinen wollte. Ich konnte nichts dazu sagen.
 „Warum betest du?“, fragte er mich eine Weile später.  
„Ich weiß es nicht“, antwortete ich noch verwirrter und befangener. „Ich weiß es wirklich nicht.“

Von diesem Tag an sah ich ihn häufig. Er versuchte mir eindringlich zu erklären, dass jede Frage eine Kraft besitzt, welche die Antwort nicht mehr enthält.

„Der Mensch erhebt sich zu Gott durch die Fragen, die er an ihn stellt“, pflegte er immer wieder zu sagen. „Das ist die wahre Zwiesprache. Der Mensch fragt, und Gott antwortet. Aber man versteht seine Antworten nicht. Man kann sie nicht verstehen, denn sie kommen aus dem Grund der Seele und bleiben dort bis zum Tode. Die wahren Antworten, Elieser, findest du nur in dir.“
„Und warum betest du, Moshe?“,
fragte ich ihn.
„Ich bete zu Gott, der in mir ist, dass er mir die Kraft gebe, ihm wahre Fragen zu stellen.“ 

Fragen besitzen eine Kraft, welche die Antwort nicht mehr enthält ...

Von Albert Einstein wollte man einmal wissen, was für ihn die wichtigste Frage sei, die man sich im Leben stellen könne. Einstein antwortete: „Ist das Universum ein freundlicher Ort oder nicht?“  Ja, das ist entscheidend: Sind wir umgeben von sinnloser Leere? Geboren aus blindem Zufall?

Zu solchen Fragen durchzudringen;
Antwortversuche anderer zur Kenntnis zu nehmen;
die Welt der Religionen und Weltanschauungen in ihrer Vielfalt kennen und verstehen zu lernen;
dadurch befähigt zu werden, sich zum Phänomen „Religion“ kundig verhalten zu können in dieser Zeit, in der Konflikte unter dem Deckmantel von Religion ausgetragen werden;
vielleicht sogar erste Schritte zu einer selbstbestimmten religiösen Identität zu gehen –
all das ist für mich der große Auftrag und das verheißungsvolle Potential, das mit Schulen in evangelischer Trägerschaft verbunden ist. Es ist im besten Sinne Verwurzelungsarbeit. Als Bischof Abromeit und ich auf der jüngsten Tagung der Landessynode von der fruchtbaren Arbeit unserer Schulen berichteten, habe  ich an ein Wort von Simone Weil erinnert. Sie schrieb:

„Die Entwurzelung ist bei weitem die gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaft.
Wer entwurzelt ist, entwurzelt.
Wer verwurzelt ist, entwurzelt nicht.
Die Verwurzelung ist vielleicht das wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele.“

Auch das ist eine wesentliche Dimension von Bildung – Arbeit an ‚Verwurzelung‘, Menschen dabei zu begleiten und zu stärken, ‚Wurzeln‘ zu entwickeln, die ihnen Halt für ihr Leben geben. Für diese nicht hoch genug zu schätzende Arbeit möchte ich Ihnen, den Vertreter/innen der evangelischen Schulträger im Namen unserer Kirche sehr herzlich danken.

Ins Fragen zu kommen, ist wichtig. Aber wenn dein Kind dich morgen fragt, wird es auch wichtig sein, dass nicht zu verstummen, sondern sprachfähig zu sein für das, was uns in unserem Leben trägt, bewegt und hoffen lässt.

Die Antwort unseres Abschnitts aus dem Ersten Testament ist die Erzählung von der religiösen Urerfahrung Israels:

Knechte sind wir gewesen in Ägypten. Aber Gott hat uns befreit, uns herausgeführt aus der Knechtschaft, auf einen Weg mitgenommen, der uns verändert hat – ja, der uns erst wirklich zum Volk Gottes hat werden lassen.

Wenn dein Kind dich morgen fragt – von welcher religiösen Urerfahrung würden wir erzählen?

Wie Gott unser eigenes Leben berührt hat, können wir individuell und persönlich erzählen. Auch wir können vom Gott der Befreiung und der Gerechtigkeit reden – und nicht zuletzt von der großen Christus-Erfahrung, von den Tagen Jesu an durch die Zeiten hindurch:

Von dem Weg, den er gezeigt hat, dass Hingabe an Gott und die Menschen ein Leben erfüllt;
von seinem Einsatz für Menschen am Rande;
davon, dass es möglich ist, Frieden zu stiften, indem man sich der Siegens-Zwänge entledigt;
von der Hoffnung darauf, dass es Leben gibt durch den Tod hindurch –
von alledem haben wir zu erzählen. Doch zur Urerfahrung des Christentums gehört auch die Liebe Jesu zu seinem Vater. Zärtlich redet er mit Gott, lehrt uns, ihn als unseren Vater zu sehen, legt uns ans Herz, Gott zu lieben.

Das ist ja das Erstaunliche:  Der Gott Jesu Christi, derselbe, der Israel ins Leben gerufen und in die Freiheit geführt hat, der Gott Jesu Christi möchte geliebt werden. Das ist alles andere als selbstverständlich. In der griechischen Götterwelt bspw. brachte man den Göttern Opfer, Verehrung, Anbetung  entgegen – aber an eine wirkliche Beziehung war nicht gedacht. Für das antike Gottesverständnis war es grundlegend, dass Götter unbeteiligt über den Dingen thronten. Hoch über der Welt menschlichen Ringens und Leidens schwebt die griechische Gottheit unberührt in unwandelbarem, reinem Sein.

Ganz anders kommt uns da der Gott der Bibel entgegen: Er zeigt sich als leidenschaftlich, eifernd, auf Beziehung aus. Er lässt sich verwickeln in die Geschicke seines Volkes und der Menschheit. Er liebt und möchte geliebt werden.

Der Gott Jesu Christi möchte Liebe – und diese Liebe soll nicht verwechselt werden mit Pflichterfüllung. Das ist ja manchmal ein tragisches Missverständnis zwischen Vätern und Söhnen, dass Söhne denken: Wenn sie gute Söhne sind, wenn sie die Erwartungen ihrer Väter erfüllen, dann würden sie endlich geliebt. Nein, die Väter sind dann vielleicht stolz und zufrieden. Aber Liebe? Liebe erfahre ich nur dann, wenn ich um meiner selbst willen geliebt werde, so wie ich bin!

Das ist ja manchmal auch die Verwechslung im Verhältnis zu Gott, wenn wir unsere Vater-Sohn-Muster auf ihn übertragen. Ich jedenfalls kenne das von mir: Manchmal möchte ich für Gott etwas tun, damit er mir gut ist, mich liebhat. Es ist der Versuch, sich Zuneigung zu verdienen, der Liebe wert zu sein.

Schwestern und Brüder, wo Menschen so an diese Beziehung herangehen, da schmälern sie die Liebe Gottes und ihre eigene: Gott ist kein liebesunfähiger Vater, der Zuneigung zu seinem Sohn, zu seiner Tochter nur dann empfinden kann, wenn seine Erwartungen erfüllt werden.

Das Schöne ist: Gottes Liebe meint wirklich uns. Sie nimmt uns an, wie wir sind; und sie traut uns zu, dass wir nicht so bleiben müssen, wie wir sind. Gottes Liebe hofft – wie jede wirkliche Liebe – auf Erwiderung: auf Zuneigung, die wirklich ihn meint. Allein gute Taten, ein anständiges Leben – das greift zu kurz.

Darum: Wenn dein Kind dich morgen fragt – antworte mit deinem Leben, antworte mit deiner Liebe zu Gott. Sie wird dir helfen, hier und heute zu tun, was dem Leben dient.
Amen.

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