25. Dezember 2019 | Dom zu Lübeck

„Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt“

25. Dezember 2019 von Kirsten Fehrs

1. Weihnachtstag, Christfest, Gottesdienst mit Predigt zu Jesaja 52,7-10

Liebe Festgemeinde!

„Seid fröhlich und jubelt miteinander“, schmettert es bei Jesaja, „denn der Herr hat Jerusalem erlöst.“ Man hört geradezu die Fanfaren der hymnischen Begeisterung. Da gibt‘s kein zögerliches Räuspern vorm „In dulci jubilo“. Ein „literarisches Oratorium der Hoffnung“, so werden jene Kapitel des Jesajabuchs genannt, bei dem unser Predigttext den furiosen Schlusschor bildet. Übertitelt: Die frohe Botschaft.

Auf sie weist heute alles hin! Sie ist Wirklichkeit, schon jetzt, und zugleich noch auf dem Weg, auf den lieblichen Füßen des Freudenboten. Was für ein Weihnachtsbild: Friede ist bereits und Friede soll noch werden. Diese Spannung von „schon jetzt“ und „noch nicht“ ist mit Händen zu greifen: Gerade gestern in der Heiligen Nacht ist die frohe Botschaft in die Welt hineingeboren worden, mit zwei winzig kleinen, unabgelaufenen, lieblichen Füßen. Und zugleich muss Christus immer wieder neu in uns geboren werden, damit er ins Laufen kommt, der Friede. Umso mehr, als wir täglich und weltweit mit so viel Unfrieden konfrontiert sind!

Also: Seid fröhlich. Jetzt. Nicht morgen. In dem Hoffnungsoratorium spürt man eine brennende Ungeduld, dass die Verheißung endlich Wirklichkeit wird. Und wenn man weiterliest und genau hinhört, erklärt sich diese Ungeduld: Seid fröhlich und jubelt miteinander, „ihr Trümmer Jerusalems“, heißt es. Auf den Trümmern, im Blick auf den Schmerz, den Menschen einander antun können, gehen, was sage ich, tanzen die Füße des Freudenboten. Fast trotzig klingt seine frohe Botschaft: Gott ist der König. Nichts und niemand anderes. Er kommt in Liebe, nicht mit Militärstiefeln und Kampfgedröhn. Eben auf lieblichen Füßen. Er ist Freudebote in der Not. Denn es ist genug. Längst ist es genug mit all dem Leiden und dem Schmerz. Himmel noch mal, komm auf die Erde! In diese Realität mit ihren Brüchen und Rissen, ihrer Fragilität und unserer Verletzlichkeit. Dona nobis pacem.

Was für eine Power steckt in diesen Prophetenworten. Jesaja versteht es, sein Volk, das sich im Finstern wähnt, aufzurichten, aus den Ängstlichen und Entnervten aufrichtige Menschen zu machen. Und ich schaue mich um in Stadt und Land, und denke: Wie nötig hätten wir das heutzutage! Eine Energie der Hoffnung, die sich nicht einschüchtern lässt. Und ich glaube, so empfinden es viele. Dazu eine Impression: Ich wohne ja in Hamburg direkt in der Innenstadt und bin original von fünf Weihnachtsmärkten umgeben. Das ist mit dem tausendsten „Jingle Bells“ nur bedingt vergnüglich, aber was soll’s. Besonders ist‘s doch schon, dass sich täglich Hunderte drängeln, freuen, Gemeinschaft genießen. Klar, mit Glühwein und Grünkohl, aber auch gemeinsam mit ihren Kindern, die die inbrünstig schmetternde Heilsarmee anstaunen. Da sieht man Arbeitskollegen miteinander lachen und verliebte Paare Mützen kaufen, damit einem noch wärmer wird um Kopf und Herz.

Und mir kommt dann immer der Gedanke, dass die, die sich mehr auf den Weihnachtsmärkten einfinden und weniger in unseren Kirchen, sich ganz genauso sehnen nach heilsamer Geborgenheit. Nach Liebe, die wahr ist. Nach Hoffnung, die nicht müde wird. Religiös gesprochen: nach Segen, ja, Gnade; auch wenn das die allerwenigsten noch so nennen würden. Gott und Religion sind kein Thema, über das man spricht. Jedoch eine leise Sehnsucht, die man fühlt. Nicht umsonst sind die Weihnachtsoratorien der Hoffnung voll wie nie. Dass immer mehr Kerzen in Kirchen angezündet werden – um an jemanden zu denken. Dass nach einem Anschlag wie in Halle nicht nur auf Straßen, sondern auch und gerade in den Gotteshäusern der Opfer gedacht wird.

Kann doch sein, dass wir deshalb in unserer säkularen Welt so viele „Jingle Bells“, Glanzkugeln und Lichtermeere brauchen, damit Gott nahbar wird. Damit er wirklich ganz herunter kommt zu uns. Und wir mit ihm. Runterkommen – von all der Unruhe und Friedlosigkeit, von dieser rastlosen ständigen Erreichbarkeit. Herrlich, wie wär‘s, wenn wir heute am 1. Weihnachtstag mal runterkommen – so wie Gott auch? Um Mensch zu werden, liebesfähig, ja, froh zu sein … der ist ein König. Voller Hoffnung auf eine bessere Welt, die nicht vor lauter Gewalt auseinander reißt. Wie wär‘s einzustimmen mit den Wächtern Jerusalems, die zweifelsfrei mit „lauter Stimme jubeln“. Weil sie zutiefst glauben: „Wir werden‘s mit unseren Augen sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt …

„Hätten wir die Kinder nicht – wir hätten lange keine Zeichen der Hoffnung in dieser Zionsstadt gesehen“, sagt Ibrahim Azar, der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche im Heiligen Land und Jordanien. Vor genau drei Wochen haben wir Bischof Azar ebendort in Jerusalem getroffen, während einer interreligiösen Reise. Wir, das ist das Interreligiöse Forum Hamburg: der Landesrabbiner Bistritzky, eine Muslima mit ihrem Sohn, der Violine studieren will, Aleviten, Buddhisten, Bahais und ein paar Evangelische. Fast die ganze Welt der Religionen war auf Reisen ins Heilige Land, großartig – allerdings nicht ohne Risiko. Schon die Einreise in dieses total auf Sicherheit fixierte Land ist eine Herausforderung. Interreligiöse Pilgerreise – „Whats that?“ Über vier Stunden dauerten die Befragungen auf dem Flughafen in Tel Aviv. Der Landesrabbiner immer an der Seite unserer muslimischen Freunde, eindrucksvoll.

Wir haben schon lang keine Zeichen der Hoffnung gesehen – bereits am ersten Tag in Jerusalem ist für uns mit Händen zu greifen, was Bischof Azar meint. Hier ist Religion, welche auch immer, nicht nur seit über 3.000 Jahren verbunden mit heftig geglaubter Heilssehnsucht, sondern immer auch mit Konflikt und Gewalt. Es sind eben wirklich Trümmer, auf die die Geschichte der Religionen – Schicht um Schicht – aufbaut. Der einen Asche und Schutt ist der anderen Hoffnungsgrund. Und also gibt es hier kein Thema, das nicht mit Religion zu tun hätte.

Bischof Azar ist ein beeindruckend aufrechter Christenmensch. Und Palästinenser. Allerdings ohne, dass dies in seinem Pass stünde. In dem steht – nichts. Er ist demnach weder Israeli, noch Palästinenser. Er ist staatenlos. Sitzt vor uns und sagt: Ich bin Herr Nirgendwo. Umso mehr ist er beheimatet in seinem Glauben, einem Glauben, der von einer Liebe spricht, die universal die Weltenfamilie umspannt, gleich woher jemand kommt und wohin jemand geht. Jesaja sagt‘s genauso: „Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen allerVölker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.“

Das Problem in Jerusalem: Jede der Religionen beansprucht „das Heil unseres Gottes“ allein für sich. Es ist nicht mehr ein Ringen um Akzeptanz, sondern ein bisweilen gnadenloser Kampf um die eine Wahrheit. Als er noch ein Junge war, erzählt der etwa 60-jährige Bischof, spielte er mit seinen meist muslimischen Freunden leidenschaftlich Fußball; Religion war egal; Hauptsache der Fallrückzieher stimmte. Am Freitag hat er auf seine Freunde vor der Moschee gewartet, bis sie fertig gebetet hatten, und am Sonntagmorgen haben die anderen auf ihn gewartet, ungeduldig, um nach dem Gottesdienst dann endlich weiterzuspielen. Heute existiert eine 60 Meter breite Trasse zwischen den Religionen und Völkern und eine acht Meter hohe Mauer. Es gibt Israelis, die haben in ihrem Leben noch niemals einen Araber getroffen, und Muslime, die niemals einen Juden gesehen haben. Und das in diesem kleinen Land!

Die Luft brennt schnell in Jerusalem. Überhaupt im Nahen Osten. Im Jemen. In Syrien, seit neun Jahren tobt der Krieg. Und ich schaue heute auch nach Griechenland, zu den Flüchtlingslagern in Lesbos. Was für ein elendes Leid, gerade auch für die Kinder, spielt sich da schon seit Monaten vor unseren Augen ab? Wie ist bloß der Friedensnobelpreisträgerin Europa ihre Humanität so abhanden gekommen? Dass sich die Staaten in humanitären Fragen noch und noch nicht einigen können, weder in der Flüchtlingspolitik noch in Punkto vernünftiger, gemeinsamer staatlicher Seenotrettung? Gute Güte, wäre es nicht im Blick auf nun bald 75 Jahre geschenkten Friedens mehr als dran, zu stärken, was die Welt zusammenhält?

Und ich schaue zu uns, in unser Land, wo der Ton unversöhnlicher wird und feinseliger. Wo wir Worte gehört und Attacken erlebt haben, die wir glaubten in diesem Land nie wieder hören und sehen zu müssen. Und ich denke: Unsere Friedensgebete, auch interreligiöse, richten die wirklich etwas aus? Hier – wie dort? Aber ja, entgegnet Bischof Azar, jedes Gebet gibt der Hoffnung Kraft. Jedes klare Wort auch gegen Antisemitismus. Gegen Islamfeindlichkeit. Für die Würde der Kinder, gerade zu Weihnachten. Das ist unsere Sache als Christen. Das Leid der einen muss genauso wie das Leid der anderen erinnert, betrauert, genannt werden. Denn genau dadurch wird die Hoffnung geboren! Es geht im Erinnern ja stets auch um die, die überleben. Um die, die geholfen haben. Es geht um die Kinder, die heute leben wollen ohne Mauern und Zäune wie in Lesbos, ohne Krieg und Autobomben wie in Syrien, Kinder, die leben wollen ohne Rassismus hier. Also: Betet für den Frieden. Das heißt: Bleibt wach. Schaut hin. Sagt, was ihr seht. Ihr seid unsere Hoffnung. Fürchtet euch doch nicht immer so, etwas Falsches zu tun und zu sagen! Und ich höre den Engel der Weihnachtsgeschichte: Fürchtet euch nicht. Glaubt mehr! Frieden und Wohlgefallen – sie sind unsere Verheißung!

Anschließend gehen wir in die Bischofskirche, die Erlöserkirche. Sitzen ganz ruhig. Nach und nach steht einer nach dem anderen auf; wir erheben uns und irgendwann die Stimme. Die Akustik trägt unseren Ton. Erst leise, dann immer deutlicher: Gib uns Frieden. Jetzt. Die Aleviten singen‘s, die Muslima, ihr Sohn allemal – sie alle kennen‘s vom Chorsingen in der Schule. Dona nobis pacem (wird gesungen).

„Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt.“ Ja, der Friedefürst ist da, Gottes Sohn, total heruntergekommen. Er weiß von Flucht und Kälte, Liebe und Gänsehaut. Und er sagt: Gebt euch nicht zufrieden mit dem, was so unerlöst ist.

Dafür, liebe Gemeinde, ist Gott auf die Erde gekommen. Damit wir energisch hoffen und es wagen, über Mauern zu springen und auf Trümmern zu tanzen. Hoffnung, die Grenzen sprengt und Zäune überwindet und niemals aufhört zu singen: Dona nobis pacem.

Ich wünsche Euch von Herzen friedvolle Weihnachten. Sein Friede, höher als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

Datum
25.12.2019
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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