12. November 2019 | Rostock, Kirche Zum Heiligen Kreuz

Wir brauchen den wachen, vielstimmigen Diskurs der Wissenschaften

12. November 2019 von Kristina Kühnbaum-Schmidt

Predigt im Gottesdienst zum 600. Gründungstag der Universität Rostock

In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen, so heißt es in der Lesung aus dem Johannesevangelium, die Sie für diesen Tag ausgesucht haben.

Ein Haus mit vielen Wohnungen, das könnte auch ein schönes Bild für eine Universität sein. Ein Haus mit vielen, die darin wohnen, die dort ein- und ausgehen, einander begegnen, befördern, anregen, befragen, miteinander disputieren und diskutieren - das alte Ideal der universitas magistrorum et scolarium, der Universität als Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden.

Ein Haus mit vielen Wohnungen, ein Haus, das viele beherbergt. Ein Ort für unterschiedliche Fakultäten, unterschiedliche Fähigkeiten, Befähigungen und Interessen, denen die Universität Heimat gibt und die sie verbindet, die sie zusammenschaut. Und so Wilhelm von Humboldts Ideal der universitas litterarum, der Universität als der Gesamtheit der Wissenschaften in der Einheit von Forschung und Lehre, Gestalt und Ausdruck gibt.

Die Universität als ein Haus mit vielen Wohnungen, das vielen Heimat gibt und sie miteinander verbindet. Ein Haus, das Kontakt ermöglicht und in dem nach Verständigung gesucht wird. Verständigung zwischen unterschiedlichen Forschungsfeldern, zwischen Weltanschauungen und Religionen, zwischen immer schon hier Gewesenen und neu sich Beheimatenden. Hier, an dieser altehrwürdigen und trotz ihrer nunmehr 600 Jahre so jungen und frischen Rostocker Alma Mater ist das so - denn die Wissenschaften, die hier gelehrt und studiert werden, verbinden Menschen aus allen Weltgegenden. Menschen, die ihre unterschiedlichen kulturellen Hintergründe in den Forschungs- und Lehrbetrieb und in den Alltag in dieser Stadt einspielen. Wie gut - wie schön - Gott sei es gedankt!

Wissenschaften verbinden Weltwissen und Orientierungswissen. Sie widmen sich der Erkenntnis dessen, was ist. Was nach den Regeln menschlicher Vernunft als Realität zu beschreiben und zu verstehen ist. In einer Zeit, in der Vernunft und Realität in den Hintergrund gedrängt werden, in der Meinungen, Ansichten und alternative Fakten zunehmend wie tatsächliche Fakten behandelt werden und so Diskurse verfälschen und polarisieren, kann man die klare Rationalität der Wissenschaft, die über sich selbst und ihre Methoden im Diskurs mit anderen Rechenschaft gibt, gar nicht genug wertschätzen und fördern.

Denn dass der Schlaf der Vernunft Ungeheuer hervorbringt, muss uns auch heute warnend vor Augen stehen. Eine über sich selbst und die eigenen Methoden nach den Regeln der Vernunft diskursiv Rechenschaft ablegende Wissenschaft vermag auch ihrer Aufgabe nachzukommen, in unserer Realität nach Orientierung und Wegweisung zu suchen. Beides, Wissen über die Welt und Orientierung in ihr, müssen erforscht, gelehrt und gelernt werden. Denn Weltwissen und Orientierungswissen gehören zusammen.

An einem Festtag wie diesem mag uns das besonders deutlich vor Augen stehen. Denn an einem Festtag, der das Alltagsgeschehen heilsam unterbricht, können wir aufmerksamer als sonst wahrnehmen, dass und wie die wissenschaftlichen Leistungen der einzelnen Disziplinen, wie ihre Forschungsgegenstände und Themen bei der Selbsterkundung des und der Weltgestaltung durch den Menschen zusammenspielen. Hier in Rostock wird das augenfällig deutlich, z.B. an der interdisziplinären Fakultät mit ihren vier Departments. Forschungen und Programme etwa zum Bereich „Altern des Individuums und der Gesellschaft“ oder das Graduiertenkolleg zur Deutungsmacht „Religion und Belief Systems in Deutungsmachtkonflikten“ finden weit über den Binnenraum der Rostocker Universität hinaus Beachtung.

Wer einmal über den Tellerrand seiner eigenen Disziplin geschaut und sich in einer fremden Wissenschaft umgesehen hat, weiß, welche Chancen gerade die interdisziplinäre Zusammenarbeit für das Verstehen des Eigenen mit sich bringt. Und erfährt und lernt zugleich, dass und wie die eigenen Fragestellungen und Forschungsthemen andere Wissenschaftsdiskurse befruchten. Von den interdisziplinären Brückenschlägen zwischen Theologie und Geschichtswissenschaft und zwischen Theologie und Psychologie resp. Psychoanalyse, an denen ich selbst partizipieren konnte und kann, profitiere ich sehr. Sie erweitern meinen Horizont, mein In-der-Welt-sein und Auf-die-Welt-sehen - und sie haben auch meine innere Haltung, meine theologische Existenz, nachhaltig verändert und geprägt.

Apropos theologische Existenz: Das universitäre Haus hat viele Wohnungen. Von Beginn der universitären Idee an bewohnt die Theologie eine dieser Wohnungen. Allerdings war, und das ist eine Besonderheit hier in Rostock, das an dieser Universität nicht von Beginn an so. Das Gründungsprivileg Papst Martins V. vom 13. Februar 1419 schloss die Einrichtung einer theologischen Fakultät ausdrücklich aus. Wahrscheinlich, um damals, zur Zeit des Konstanzer Konzils, die in weiten Teilen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation verbreiteten kirchenreformerischen Ideen von der neuen Universität Rostock fern zu halten.

Für „die Vertreibung der Finsternis durch das Licht des christlichen Glaubenssowie des Wissens und der Weisheit – so formuliert das Gründungsprivileg den Zweck der hier neu zu installierenden Universität –  wollte der Papst damals ausgerechnet auf die Theologie lieber verzichten. Offenbar aus Angst, die Universität mit dem Keim des Konziliarismus zu infizieren. Erst 13 Jahre später wurde durch seinen Nachfolger Eugen IV. die Errichtung einer Theologischen Fakultät in Rostock angeordnet. Ob nun gerade dadurch die Ideen von Kirchenreform und Konziliarismus so befördert wurden, dass rund 100 Jahre später die reformatorische Bewegung hier im Norden nicht nur heimisch wurde, sondern sich bis in unsere Tage fest verwurzelt hat, wollen wir für heute und hier einmal dahingestellt lassen. In jedem Fall aber: Schön, dass wir schon zum 600-jährigen Jubiläum miteinander Gottesdienst feiern, auch wenn die Theologie erst 587 Jahre mit von der Partie ist.

Die theologische Fakultät hat an dieser Universität also seit fast 600 Jahren ihr festes Zuhause. Dass das auch heute selbstverständlich ist, hat seinen guten Grund nicht zuletzt im Selbstverständnis unseres freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates. Denn unser religiös und weltanschaulich neutraler Staat verhält sich inmitten der unterschiedlichen religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen seiner Bürgerinnen und Bürger „zur absoluten Wahrheitsfrage distanziert“. DerStaat will eben diese Wahrheitsfrage nicht beantworten und er kann es auch nicht – „weil ihm dafür schlicht die Kompetenz fehlt.

Das heißt aber auch, wie es der Jurist und Rechtsphilosoph Horst Dreier formuliert: „Der freiheitliche, säkulare Verfassungsstaat versteht sich nicht als Widerpart des Glaubens, sondern bietet diesem eine Plattform.Gerade weil umfassende Religionsfreiheit besteht, haben Religionsgemeinschaften, haben Kirchen Raum zur Entfaltung - im Übrigen auch dazu, sich aus religiöser Motivation heraus in öffentliche und politische Angelegenheiten einzumischen. Im Modell der freundschaftlichen Trennung von Religion und Staat bestehen aber auch sogenannte res mixtae, also Staat und Kirche gemeinsam betreffende und von beiden gemeinsam zu regelnde Angelegenheiten. Zu diesen res mixtae gehören auch die theologischen Fakultäten an den Universitäten.

Und eben weil der Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann, weil Staat und christliche Kirchen in Deutschland im „Modell der freundschaftlichen Trennung von Staat und Religion“ in vielfältiger Hinsicht miteinander verbunden sind, hat der Staat ein Interesse daran, die wissenschaftliche Theologie in die Hochschulen einzugliedern, um ihre Erkenntnisse so in den allgemeinen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs einzubinden. Zudem dienen die „wissenschaftliche Aufbereitung und Darstellung der jeweiligen Glaubensinhalte“ letztlich „ihrer Verkündigung und damit der Religionsfreiheit der Bürgerinnen und Bürger“.

Im universitären Haus mit seinen vielen Wohnungen leistet die wissenschaftliche Theologie wie alle Wissenschaften ihren Beitrag zu Weltwissen und zur Orientierung in der Welt. Sie trägt ihre Erkenntnisse ein in den universitären Diskurs. Sie vermittelt sie weiter. Sie gibt Rechenschaft über ihre Methoden. Sie reflektiert wissenschaftlich und kritisch die Praxis des christlichen Glaubens. Und trägt damit auch bei zum friedlichen Diskurs der Religionen und Weltanschauungen. Religionen aber, so beschreibt es aktuell der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas, Religionen versorgen Gemeinschaften mit Distanz gegenüber der Welt, mit Zuversicht und mit Festigung der individuellen wie der kollektiven Identität. Und wie die Philosophie machen sie, so Habermas weiter, Aussagen über die Welt als ganze.

Christus spricht: In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen - Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Für den christlichen Glauben führt der Weg zu Aussagen über die Welt als ganze im Konzert der vielen über die Frage nach der Wahrheit.

Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Für den christlichen Glauben findet sich die Wahrheit, die dem Leben aller dient, im Vertrauen, im Sich-verlassen auf Christus. Auf Christus, für den die Liebe und Sorge für uns über der Sorge für sich selbst, für sein eigenes Leben, stehen. Der sein Leben gibt, damit wir das Leben haben. Hingabe, Stellvertretung. Barmherzigkeit, Frieden.

Auf dass die Vernunft sich nicht schlafen legen möge und ihr Schlaf keine Ungeheuer gebiert, brauchen wir den wachen, lebendigen, vielstimmigen, methodisch reflektierten Diskurs der Wissenschaften, der Lehrenden und Lernenden im großen Haus der Universität. Auch hier an der Universität Rostock. Dafür wünsche ich dieser Universität, allen, die hier lehren und lernen, ihren Forschungen, Diskursen und Erkenntnissen Gottes reichen Segen! Dass die Stimme der Theologie in diesen Diskurs auch die Frage nach der Wahrheit einträgt, die dem Leben aller dient, möge hilfreich sein bei Erkenntnis und Weltwissen, ebenso wie für die Orientierung hin auf eine wirklich menschliche, eine sich an Nächstenliebe und Gottes Barmherzigkeit ausrichtende Welt.

Amen.

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