Ökumenisches Jubiläum

"Mut statt Macht": Wir feiern Ansgar, den Apostel des Nordens

In 2026 feiern wir das Ansgarjubiläum. Doch wer war der Mönch eigentlich, der vor 1200 Jahren Nordeuropa bereiste? Antworten gibt unser Erklärfilm auf YouTube.
In 2026 feiern wir das Ansgarjubiläum. Doch wer war der Mönch eigentlich, der vor 1200 Jahren Nordeuropa bereiste? Antworten gibt unser Erklärfilm auf YouTube.© Jessica Frische, Nordkirche

12. Januar 2026 von Antje Wendt

Stell dir vor: Du bist 25, hast dein bisheriges Leben in Klöstern verbracht – und plötzlich sollst du allein in ein fremdes Land aufbrechen. Ein Land, das fast niemand kennt. Wo dich vielleicht niemand willkommen heißt. Wo die Menschen dich fürchten könnten oder einfach ignorieren. Genau das tat der Mönch Ansgar im Jahr 826. Und weil seine Reise so vieles verändern sollte, feiern wir 2026 ihr Jubiläum.

Zeichen der Ökumene und Namenspatron für Kirchen, Schulen, Pfadfinder

Lerne Ansgar kennen: Unser Video zeigt sein Leben und Wirken

Alle Tipps und Termine zum Jubiläumsjahr hier...

Ansgar hat mit seiner Reise einen Anfang gemacht. Dafür, dass er Grenzen jeder Art überschritt, wird er heute geehrt. Zahlreiche Kirchengemeinden und Kirchen, aber auch Schulen oder Pfadfinderstämme sind in der Nordkirche nach Ansgar benannt.

Noch größere Bedeutung hat er als Patron des katholischen Erzbistums Hamburg und der skandinavischen Kirchen.

Mehr erfahren: Die Ökumenische Ansgarvesper organisiert die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Hamburg

In seinem Namen findet zudem jedes Jahr am 3. Februar – seinem Todestag – eine ökumenische Ansgarvesper in Hamburg statt. Orthodoxe, römisch-katholische, anglikanische und reformatorisch geprägte Christen und Christinnen feiern diese Vesper in diesem Jahr bereits zum 60. Mal. Es ist die älteste, regelmäßig gefeierte gemeinsame Vesper in der Stadt.

Leitende Geistliche der evangelisch-lutherischen und der katholischen Kirchen Hamburgs trafen sich vor Beginn der St. Ansgarvesper: v.li.n.re: Dompfarrer Thorsten Weber, Pastor Uwe Onnen (Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Hamburg), Bischöfin Kirsten Fehrs, Erzbischof Stefan Heße, Pastor Alexander Röder, Alterzbischof Werner Thissen, Pastor Jens-Martin Kruse.© Claudia Ebeling, Nordkirche

Leben im frühen Mittelalter

Skandinavien im 9. Jahrhundert? Für uns heute kaum vorstellbar: Es bewohnten wohl nur wenige hunderttausend Menschen das nördliche Europa. Sie lebten in kleinen, verstreut liegenden Siedlungen oder auf Einzelgehöften, wo sie ihr Vieh hielten. Dichte Wälder bedeckten damals das Land. Die Landwirtschaft brachte nur geringe Erträge. Die Menschen waren daher zusätzlich auf die Jagd, den Fischfang und das Sammeln von Früchten angewiesen. Als Verbindung zwischen den wenigen Handelsplätzen dienten vorrangig natürliche Wasserstraßen – Moore und Wälder machten das Reisen über Land äußerst beschwerlich und langwierig.

Schlechte Bedingungen für eine Reise

Die Bedingungen für die Reise von Mönch Ansgar waren nicht nur deshalb denkbar schlecht. Während es im Süden schon ein Netz an Klöstern gab, konnte Ansgar nicht abschätzen, ob er hier im Norden auf Menschen treffen würde, die ihn willkommen heißen würden. Die Zeit der Wikinger war gerade angebrochen und brachte erste Veränderungen durch Handel und Expansion. Doch weit mehr waren sie gefürchtet wegen ihrer brutalen Überfälle auf Klöster und Städte.  

Die Klosterkirche in Corvey hat Ansgar so nie gesehen. Sie erhielt erst im 12. Jahrhundert diese Fassade.© Kalle Noltenhans, Welterbewestwerkcorvey

Wer war Ansgar?

Ansgar war 25 Jahre alt, als er 826 zu dieser Reise aufbrach. Er war kein Adliger, kein Held – nur ein Mönch aus einfachen Verhältnissen. Mit fünf Jahren hatte seine Mutter ihn in das Kloster Corbie in Nordfrankreich gegeben. Mit 21 Jahren, 822, wurde er Leiter der Klosterschule im neugegründeten Kloster Corvey in Nordrhein-Westfalen. Als Erzbischof von Hamburg und Bremen starb Ansgar 865 in Bremen.

Ansgars Lebensgeschichte wurde von seinem Schüler und Nachfolger, Rimbert, schriftlich festgehalten. Rimbert kannte Ansgar persönlich und war mit ihm im Norden tätig. Trotzdem ist es wichtig, diese alten Quellen kritisch zu hinterfragen.

Eine Bronzefigur des Erzbischofs Ansgar vor einer Kirchenwand aus Backstein
Im Ripen wurde um das Jahr 860 auf Veranlassung von Ansgar die erste dänische Kirche gebaut. Eine moderne Bronzeskulptur erinnert vor dem Dom an den Apostel des Nordens.

Dialog statt Gewalt

Ansgar muss große Strapazen auf seinen Wegen auf sich genommen haben. Er gab alles, um den christlichen Glauben zu vermitteln. Die Überlieferung erzählt dabei nicht von einer gewaltsamen Missionstätigkeit, sondern eher von Austausch und Vermittlung – und von Unterstützung durch den dänischen König Harald, den er kurz zuvor getauft hatte, sowie dem schwedischen König, der Ansgars Wirken gegenüber tolerant war.

Ansgar verhandelte mit Königen und Stammesführern
Ansgars Mission war friedlich: Er verhandelte mit Königen und Stammesführern. Er respektierte alte Bräuche, solange sie nicht dem christlichen Glauben widersprachen.© Jessica Frische, Nordkirche

So fand Ansgar überraschend oft offene Ohren, besonders bei den Frauen in Birka, die dem neuen Glauben gegenüber aufgeschlossen waren. Vielleicht, weil er nicht mit dem Schwert kam, sondern mit Geschichten und einer Botschaft: Es gibt einen anderen Weg. Er kaufte Sklaven frei, statt sie zu befreien – weil er wusste, dass Gewalt nur neue Gewalt schafft. Ansgar sah in den Menschen des Nordens keine Feinde, die fremdartige Gottheiten anbeten. Er suchte den Dialog.

Eine kleine Kirche mit Holzwänden und ohne Turm, an den tragenden, vertikalen Ecken verziert mit verschlungenen Wikingerornamenten
Im Wikinger Zentrum in Ripen steht ein Nachbau einer Holzkirche wie aus Ansgars Zeiten. © Mediecenter Vadehavskysten

Kirchengründer, Respektsperson – oder einfacher Mönch?

Wie Ansgars Wirken beurteilt wurde, war im Laufe der Jahrhunderte sehr unterschiedlich. Gewiss ist, dass er das Christentum in den Norden brachte und erste schlichte Kirchen bauen ließ. Doch von diesen einfachen Holzkirchen sind nur Erzählungen auf uns gekommen. Erste Bilder von Ansgar entstanden ab dem 15. Jahrhundert – über 600 Jahre nach seinem Tod. Wie können sie da ein realistischen Bild Ansgars darstellen?  Den Künstlern war es viel wichtiger, ihn als würdigen, kostbar gekleideten Erzbischof zu zeigen. Eine Respektsperson. Ein Kirchengründer. So wollte man Ansgar und sein Werk sehen.

Eine große Bronzefigur des wandernden Mönches Ansgar in einer weiten Kutte
Vor dem Hamburger Dom steht eine moderne Bronzefigur Ansgars. Er ist der Patron des Hamburger Erzbistums. © Andreas Lechtape, Erzbistum Hamburg

Ansgars Erbe: Nicht Macht, sondern Mut

Erst in der Moderne änderte sich die Sicht auf Ansgar. Wenn du heute vor dem katholischen Mariendom in Hamburg stehst, siehst du keinen prunkvoll gekleideten Erzbischof, sondern einen schlichten Mönch. Kein Herrscher, kein Heiliger – einfach ein Mann, der alles riskierte, um Brücken zu bauen. Vielleicht ist das sein größtes Vermächtnis: Dass Glauben nicht Macht braucht, sondern Mut.

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Landesbischöfin Kristina Kühnbuam-Schmidt© Nordkirche / Theresa Lange

"In einer Zeit, in der Europa nach Orientierung sucht, erinnert Ansgar uns daran, dass Glaube Mut braucht: Mut zum Aufbruch, Mut zur Offenheit und den Mut, Frieden zu wagen. Modern gelesen: Wo Menschen einander zuhören und voneinander lernen, entstehen neue Räume für Vertrauen und Hoffnung." Landesbischöfin Kühnbaum-Schmidt

Wir feiern sein Jubiläum

Einige der Veranstaltungen (der Studientag der Evangelischen Akademie, der Workshop des Bibelzentrums, der Pilgerweg und der Chortag im Christian Jensen Kolleg) werden durch Fördermittel von Interreg Deutschland-Danmark und der Europäischen Union unterstützt. 

2026 feiern wir Ansgars mutige Reise und seine Ideen – grenzüberschreitend und ökumenisch, mit Veranstaltungen in Schleswig-Holstein, Hamburg und Jütland. In einer Zeit, in der Europa sich neu finden muss, bietet Ansgars Geschichte überraschende Antworten: über Berufung, Bildung, Zusammenleben, über Frieden – und darüber, was uns verbindet. 

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