31. Juli 2016 | Münster, Bad Doberan

Wir sind Kinder ein und desselben himmlischen Vaters

30. Juli 2016 von Andreas von Maltzahn

10. Sonntag nach Trinitatis (Israelsonntag), Predigt zu Römer 11,25-32

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

manchmal ist es wie im wirklichen Leben: Da war ein Paar, das keine Kinder bekommen konnte. Aber sie spürten, wie wichtig es ihnen war, ihre Liebe auch mit einem Kind zu teilen. So entschlossen sie sich zu einer Adoption. Dann kam der große Tag: Sie fuhren in das vom Amt angegebene Waisenhaus, erlebten dort verschiedene Kinder und waren sich bald einig, sich für ein kleines Mädchen zu entscheiden.

Fortan lebten sie als Familie. Für das Mädchen war die Umstellung gar nicht so leicht. Früher war es eins unter vielen Kindern gewesen, fühlte sich kaum beachtet. Nun wurde es mit Zuneigung überschüttet. Immer wieder sagte die Mutter zu ihm: „Du bist mein Ein und Alles!“ Und auch der Vater ließ das Mädchen immer wieder spüren, wie lieb er es hatte. Wie eine Pflanze nach langem Regen sich der Sonne entgegenstreckt, genoss das Mädchen diese Zuneigung. ‚Wie gut, dass sie mich ausgesucht haben‘, dachte es oft beim Einschlafen.  

Das Mädchen wuchs heran. Wie in jeder normalen Familie gab es auch Spannungen. Ja, es konnte auch richtig krachen. Aber natürlich versöhnte man sich anschließend wieder.

Die Eltern waren glücklich mit ihrer Entscheidung zur Adoption. Manchmal dachten sie: ‚Vielleicht wäre ein Geschwisterchen gut für unsere Tochter.‘ Und so adoptierten sie eines Tages ein zweites kleines Mädchen. Nun lebten sie zu viert. Doch obwohl die Eltern ihre ältere Tochter keineswegs vernachlässigten, fühlte diese sich zurückgesetzt. ‚Ich war doch euer Ein und Alles – und jetzt ist diese andere da!‘ Und auch die Jüngere hatte so ihre Probleme mit der Situation: Im Heim war sie eine unter vielen gewesen. Aber jetzt, wo sie erlebte, wie wunderbar die Zuneigung ihrer Eltern sein konnte, wollte sie diese Liebe ganz und gar. Immer gab es ihr einen Stich, wenn ihre ältere Schwester mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht wurde. ‚Die Lieblingstochter bin doch ich‘, dachte sie und tat alles, um ihre Schwester auszustechen.

Die Konkurrenz der Kinder machte den Eltern zu schaffen. Sie waren auch wirklich verschieden. Die Ältere war – wie viele Erstgeborene – meistens vernünftig. Sie versuchte, es den Eltern recht zu machen. Man konnte ihr Verantwortung übertragen. Zugleich liebte sie ihre Eltern innig.  

Die Jüngere war ein anderer Typ. Wie manche Zweitgeborenen suchte sie ihren eigenen Weg. Was ihre Eltern sich von ihr wünschten, war ihr manchmal herzlich egal. Aber wenn sie als kleiner Sonnenschein zur Tür hereinwirbelte und sich vertrauensselig in die Arme der Eltern warf, konnte niemand ihr böse sein. Wenn da nur nicht die Konkurrenz zu ihrer älteren Schwester gewesen wäre – zu ihr konnte sie gemein und furchtbar sein! Manchmal war sie geradezu voller Hass. Das schmerzte die Eltern, denn sie hatten ihre beiden Mädchen von Herzen lieb – jedes auf eigene Weise.

Manchmal ist es wie im richtigen Leben – auch im Verhältnis zwischen Judentum und Christentum? Beide sind sie Kinder ein und desselben Vaters, dürfen sich geliebt, ja, erwählt fühlen. Und doch ist ihre Geschichte voller Spannungen – vielleicht gerade, weil man sich nah ist.

Paulus ringt in seinem Brief an die Römer mit der Frage, wie das Verhältnis von Judentum und Christentum aus der Sicht Gottes zu verstehen sei:  

Warum hat Israel, das den verheißenen Retter seit Jahrhunderten sehnsüchtig erwartete, den Messias nicht erkannt?  

Warum wurde dagegen Jesus als der Christus erkannt von Menschen, die nicht zu Gottes Volk gehört hatten und nicht Träger seiner Verheißungen waren?  

Hatte sich Gott von seinem Volk abgewandt und seine Versprechen gebrochen?  

Die Antwort, die Paulus versucht, haben wir vorhin in der Epistel gehört: Gottes Liebe blieb nicht beschränkt auf das Volk Israel, sondern gilt allen Menschen. Alle sollen gerettet werden. Damit das geschehen kann, wird ein Teil Israels den Messias nicht erkennen – doch nur so lange, bis sich alle Völker Christus zugewandt haben. Dann wird ganz Israel den Messias erkennen und gerettet werden. Jüdinnen und Juden bleiben Geliebte Gottes, denn Gott hat sie zuerst erwählt.

Schwestern und Brüder, wie viel Leid wäre Juden erspart geblieben, hätte die Kirche diese biblischen Gedanken nicht immer wieder verdrängt! Christlicher Antijudaismus hat zu geistiger Brunnenvergiftung und Jahrhunderte währender Verfolgung beigetragen. Daher war es uns so wichtig, in die Präambel unserer Nordkirchenverfassung die Sätze aufzunehmen:

„Die evangelisch-lutherische Kirche in Norddeutschland bezeugt die bleibende Treue Gottes zu seinem Volk Israel. Sie bleibt im Hören auf Gottes Weisung und in der Hoffnung auf die Vollendung der Gottesherrschaft mit ihm verbunden.“

Nie sollen wir das vergessen! Judentum und Christentum sind Geschwister, haben ein und denselben Vater, sind von ihm geliebt auf je eigene Weise, bejaht und erwählt. Wollen wir uns denn ernstlich an der kindischen Frage abarbeiten, wer von uns das ‚Lieblingskind‘ sei? Vielleicht, so frage ich mich, ist Gottes ‚Erwählen‘ ja nicht auf Angehörige von Judentum und Christenheit beschränkt, sondern noch weitergefasst zu denken: Dass er alle Menschen ‚erwählte‘, indem er sie ins Leben rief!? Jeder Mensch – ein Schöpfungsakt, bejaht und vollzogen von Gott!?

Vielleicht wird sich mancher fragen, ob damit nicht alles einerlei würde – alles gleich-gültig, ob man nun Jude ist oder Christin oder Muslim. Ich denke: Nein, die Frage nach der Wahrheit bleibt! Der Wahrheitsanspruch von Religionen ist unaufgebbar. Jede Religion hat die Aufgabe, die Wahrheit der Wirklichkeit Gottes so klar wie möglich zum Ausdruck zu bringen. In verantwortlicher Weise kann sie das allerdings nur tun, wenn sie um die Begrenztheit ihrer Erkenntnis weiß, wenn sie nicht ihren Wahrheitsanspruch mit einem Absolutheitsanspruch vermischt.  

Als ich als Kind eines Abends meinen Vater fragte nach der Wahrheit über Gott angesichts der verschiedenen Religionen, gab er mir eine anschauliche Antwort. Er holte einen Ball und eine Taschenlampe und löschte das Licht. Dann strahlte er mit der Taschenlampe den Ball an und sagte:  

„Gott ist so groß, dass niemand ihn ganz und gar erkennen kann. Schau auf diesen Ball! Von welcher Seite ich ihn auch anstrahle – nie kann ich den ganzen Ball beleuchten. Immer nur ein Ausschnitt ist zu erkennen.“  

Natürlich hat dieses Bild, hat dieser Vergleich seine Grenzen. Und doch wird deutlich: Auch wenn ich überzeugt bin, dass Gott sich in Jesus, dem Christus, am deutlichsten offenbart hat, werde ich nie die ganze Wahrheit erkannt haben. Denn dann wäre ich Gott gleich, könnte seine Gedanken denken.

Fragen wir nach der Wahrheit! Lassen wir den Ausschnitt an Wahrheit bestmöglich Gestalt gewinnen, der durch den christlichen Glauben zur Welt kommen will! Fern sei es uns jedoch, unsere Sicht der Wahrheit absolut zu setzen und sie mit Überlegenheitsgefühlen zu verbinden! Das wäre unnötiges Wasser auf die Mühlen derer, die sich – aus welchen Gründen auch immer – unterlegen und minderwertig fühlen.

In einer kleinen jüdischen Geschichte fragt ein Schüler seinen Rabbi: „Woran erkennt man, dass der Messias gekommen ist?“ Antwort des Rabbis: „Wenn du im Gesicht eines fremden Menschen deinen Bruder, deine Schwester erkennst.“

In der großherzigen Art und Weise, mit der viele unseres Volkes Flüchtende willkommen geheißen und aufgenommen haben, war etwas davon zu spüren. Wir haben erkannt, dass wir Kinder ein und desselben himmlischen Vaters sind und für unsere Geschwister in Not da sein sollen. Doch nun droht diese lichte Erkenntnis verdunkelt zu werden durch die Angst, die die jüngsten Anschläge ausgelöst haben.  

Wie sollen wir umgehen mit Sorgen und Ängsten?

Das Erste: Lasst uns darüber reden! Nichts ist schlimmer, als Ängste mit sich allein abzumachen. Es auszusprechen, was mich bedrückt, ist der erste Schritt zur Besserung.

Zum Zweiten: Weil die Angst alles zu einem Brei vermanscht, lasst uns genau hinschauen und die Unterschiede wahrnehmen! Verschieden waren die psychischen Beeinträchtigungen der Gewalttäter, verschieden ihre Motive. Dem einen hätte ein aufmerksameres Umfeld geholfen, dem anderen durchgehende psychiatrische Betreuung, dem dritten eine Aufenthaltserlaubnis – und es wäre vielleicht nicht zu diesen schlimmen Angriffen gekommen.

Zum Dritten: Lasst uns nüchtern die Risiken abschätzen und danach leben! Die Gefahr, einen Verkehrsunfall zu erleiden, ist ungleich viel höher als die Gefahr, in einen Anschlag verwickelt zu werden. Geben wir deshalb das Autofahren auf? Überqueren wir deshalb nicht mehr die Straße? Also lasst uns unser Leben weiter führen wie bisher, nicht beengt durch übertriebene Angst.  

Schließlich: Lasst uns das Übel an der Wurzel angehen! Simone Weil meinte einmal:  

„Die Entwurzelung ist bei weitem die gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaft.

Wer entwurzelt ist, entwurzelt.

Wer verwurzelt ist, entwurzelt nicht.

Die Verwurzelung ist vielleicht das wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele.“

Schwestern und Brüder, Menschen, die sich als Verlierer der Entwicklung fühlen – seien es Einheimische oder Zugewanderte – brauchen Perspektiven für ihr Leben. Ihnen Aufmerksamkeit zu schenken, ein Stück Heimat anzubieten, Ziele, die das Leben lohnen und sie zugleich nicht überfordern – all dies ist Wurzelgrund, den wir als Gesellschaft und persönlich mit bereiten können. Im Kleinen wie im Großen – jede und jeder nach seinen Möglichkeiten.  

All das wird uns helfen, die Herausforderungen unserer Zeit zu bestehen. Gott stärkt uns dabei den Rücken. Wir sind nicht allein. Gott geht mit uns durch diese Zeit. Wo wir uns seinem Geist öffnen, werden uns Mut und Tatkraft zuwachsen. Es bleibt dabei: Wir sind geliebt. Wir alle. Nichts kann uns von Gottes Liebe trennen.

Amen.

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