1. April 2018 | St. Johannes-Kirche Neubrandenburg

Wo Gott ist, da ist Leben

01. April 2018 von Andreas von Maltzahn

Ostersonntag, Predigt zu 1.Sam 2,1-8a

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. AMEN.

 

Liebe Gemeinde,

es war in meiner ersten Gemeinde. Im Bibelgespräch ging es um die Auferstehung der Toten. Irgendwann fasste sich eine fromme Rentnerin ein Herz und sagte: „Herr Pastor, das glauben Sie doch selber nicht.“ Verdutzt und auch ein wenig erschrocken fragte ich zurück: „Sie glauben nicht an das ewige Leben?“ „Doch“, sagte sie, „aber nicht, dass sich irgendwann die Gräber öffnen, die Skelette herauskommen und wieder Fleisch ansetzen.“

Ich war erleichtert, dass für sie das ewige Leben nicht infrage stand, sondern nur bestimmte Bilder, wie sich Auferstehung ereignen könnte. Da gibt es nicht die eine richtige Vorstellung. Mit welchen Bildern sind wir unterwegs?

Ich habe einmal einen Pastor kennengelernt, der ließ seine Konfirmanden Formeln für zentrale Begriffe des Glaubens auswendig lernen.  So fragte er zum Beispiel: „Karl, was ist Auferstehung?“ Karl schnellte empor, und wie aus der Pistole geschossen kam die Antwort: „Geschenktes, neues Leben, Herr Pfarrer.“ Und schon saß er wieder ...

Geschenktes neues Leben: Solche Auferstehung kann man schon mitten in diesem Leben bitter nötig haben – überall da, wo die Schatten des Todes nach einem greifen. So wie z.B. bei der kinderlosen Hanna, von der das Alte Testament erzählt:

Hanna war wie tot, ihr Leib in Unfruchtbarkeit verschlossen. Wenn alle feierten, saß sie daneben – von Gott gestraft, so jedenfalls sahen es die Leute damals. Selbst die Liebe ihres Mannes konnte sie nicht mehr trösten.

Es ist schon erstaunlich, dass diese gramgebeugte Frau noch einmal aufsteht, um im Tempel ihr Herz vor Gott auszuschütten. Flehentlich bittet sie um ein Kind, will es auch nicht für sich behalten, sondern verspricht,  es dem Dienst Gottes zu weihen.

Das Wunder geschieht: Hanna wird schwanger und bringt einen Sohn zur Welt. Nach einigen Jahren geleitet sie Samuel in den Tempel, um ihr Versprechen zu halten. Und dann bricht es aus ihr heraus:
„Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn,
mein Horn ist erhöht in dem Herrn. Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils.
Es ist niemand heilig wie der Herr, außer dir ist keiner,
und ist kein Fels, wie unser Gott ist.
Lasst euer großes Rühmen und Trotzen,
freches Reden gehe nicht aus eurem Munde; denn der Herr ist ein Gott, der es merkt, und von ihm werden Taten gewogen.
Der Bogen der Starken ist zerbrochen,
und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke.
Die da satt waren, müssen um Brot dienen,       
und die Hunger litten, hungert nicht mehr. Die Unfruchtbare hat
sieben geboren, und die viele Kinder hatte, welkt dahin.
Der Herr tötet und macht lebendig,
führt ins Totenreich und wieder herauf.
Der Herr macht arm und macht reich; 
er erniedrigt und erhöht.
Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub       
und erhöht den Armen aus der Asche, dass er ihn setze unter die
Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse.“ (1.Sam 2,1-8a)

Geschenktes, neues Leben – wovon könnten wir dankbar erzählen und singen?

  • Manche werden vielleicht an die Geburt ihrer Kinder denken: So ein kleines Wesen – und doch ein ganzer Mensch! Im Leib der Mutter herangewachsen – und doch ein Geschenk!
  • Andere werden sich an eine riskante Operation erinnern, bei der nicht klar war: Würde man sie überleben? Würden Behinderungen zurückbleiben? Aber dann ging alles gut – wie wunderbar, neu leben zu dürfen. Gott sei Dank!
  • Oder: Da war eine abgrundtiefe Traurigkeit, eine endlose Depression, wie man sie sich dunkler nicht auszumalen vermag. Kein Hoffnungsschimmer am Horizont! Aber dann, wider Erwarten, kehrt das Leben doch wieder zurück: ganz langsam, allmählich, mit Rückschlägen behaftet; doch irgendwann ist es da. Die Schatten des Todes mussten weichen. „Der Herr tötet und macht lebendig, führt ins Totenreich und wieder herauf.“ (V.6)
  • Ich erinnere mich, wie es war, nach anderthalb Jahren in Uniform endlich wieder frei zu sein: Keine Angst mehr haben zu müssen, auf einen LKW geladen und über die nahe Oder nach Polen geschafft zu werden, um die Freiheitsbestrebungen von Solidarność niederzuschlagen! Nicht desertieren zu müssen, um nicht als Deutscher erneut ins Nachbarland einzumarschieren!

Wie mögen sich erst Menschen gefühlt haben, die aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt sind?

  • Manches erfahren wir auch gemeinschaftlich – denken wir bspw. an die Versöhnung von Deutschen und Franzosen. Heute scheint ein gutes Verhältnis zwischen beiden Völkern selbstverständlich. Doch noch vor gut siebzig Jahren hätte man nie für möglich gehalten, dass die Erzfeinde nach so vielen furchtbaren Kriegen einmal einander so freundschaftlich verbunden sein könnten. „Der Bogen der Starken ist zerbrochen, und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke.“ (V.4)

Warum sollen nicht auch Erzfeinde von heute in einigen Jahrzehnten gelernt haben, in Frieden miteinander zu leben?!

Schwestern und Brüder, wir könnten weitere Erfahrungen dieser Art dazusetzen. Eine Gemeinsamkeit solcher Erfahrungen liegt ja darin, dass sie höchstens zu einem Teil von uns bewirkt worden sind. Es hätte auch anders kommen können. Trotz aller eigenen Bemühungen – Gottes Segen muss dazukommen.

Hanna weiß das. Sie ist in ihrem Glück ganz auf Gott bezogen: „Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn, … denn ich freue mich deines Heils.“ (V.1)

Zugleich gibt es hier eine schmerzliche Seite: Nicht alles geht so, wie wir es uns wünschen. Hannas Gebet wurde erhört – warum nicht meines? Sollen wir etwas lernen am Leid? Die Schriftstellerin Marie v. Ebner-Eschenbach etwa war überzeugt:

„Der Schmerz ist der große Lehrer der Menschheit. Unter seinem Hauch entfalten sich die Seelen.“

Ja, es ist gut, wenn Menschen ihrem Leiden etwas Positives abgewinnen können, wenn ihr Leben – durch den Schmerz hindurch – tiefer und wesentlicher wird. Doch es gibt Leid und Schmerz, die sind einfach nur zerstörerisch! Bei ihnen kann ich mir nicht vorstellen, dass Gott sie zu Lernzwecken herbeiführte – wenn er denn die Liebe ist!

„Der Herr tötet und macht lebendig“, singt Hanna.

Wie passt dieses gegensätzliche Handeln zu ein- und demselben Gott?
Kann es sein, dass es eine Tiefe in Gott gibt,
in der diese Gegensätze keine Gegensätze mehr sind?
Eine Tiefe in Gott,
wo die Widersprüche zusammenfallen,
wo sie sich lösen?
Kann es sein, dass Jesus Christus dieses tiefe Geheimnis Gottes darstellt?
Auferstehung im Tode,
im Getötet-Werden dem Leben zum endgültigen Sieg verhelfen,
das Licht der Welt wird ausgelöscht – und entzündet gerade dadurch
ein leuchtendes Feuer der Hoffnung;
denn aus dem Ende erwächst der neue Anfang –
das Leben der Ewigkeit.
Es bleibt ein tiefes Geheimnis. Wir wissen nur:
Jetzt, in dieser Wirklichkeit gibt es noch Raum für Leiderfahrungen;
dann aber, in der Ewigkeit, werden wir Gottes Güte ungetrübt erleben.
Jetzt haben Menschen noch Macht, einander Schmerzen zu bereiten – der Preis der Freiheit, uns für oder gegen das Gute zu entscheiden;

dann aber, im ewigen Leben, werden unsere Tränen abgewischt und unsere Wunden geheilt werden. Und wir werden endlich verstehen.

Das ist das Großartige an Ostern – wir dürfen schon einmal vorausschauen:
Die Verhältnisse bleiben nicht, wie sie sind.
Das Leben wird verwandelt werden.
Gerechtigkeit wird sein und Friede und Freude.
Leben wird sein – glückseliges Leben in Gott.
Was tut es, dass wir noch nicht genau wissen, was wir nach der Auferstehung sein werden: Quicklebendige Tropfen um Urmeer der Liebe?
Wunderbare Klänge in den göttlichen Harmonien?
Wesen, den Engeln gleich?
Welche Gestalt das geschenkte, neue Leben auch annehmen wird – mit Ostern haben wir allerbesten Grund, uns nicht gefangen nehmen zu lassen von Sorgen und Ängsten. 

Gott ist da. Er wird uns beistehen.
Er ist die Kraft, die in den Schwachen mächtig ist.
Was auch geschieht – wir leben auf ihn zu.
Und wo Gott ist, da ist Leben.
Wir werden es erfahren.

Amen.

 

 

 

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