27.01.2012

Worte des Gedenkens – Gedenkveranstaltung für die Opfer der „Euthanasie“ und Zwangssterilisierung in M-V in der NS-Zeit, 27.1.12 St. Nikolai Wismar

27. Januar 2012 von Andreas von Maltzahn

Günter Nevermann, 9 Jahre, aus der Poeler Straße 102, meinem früheren Pfarrbezirk, wo ich meine Besuche machte. Zwei Straßen weiter wohnte er, bis sie ihn holten vor nicht einmal 70 Jahren. Kein namenloses Opfer, sondern Günter, ein kleiner Junge mit Eltern, die sich um ihn sorgten und nicht wussten, dass in den Behörden sein Tod vorbereitet wurde.

Unser Herz schreckt zurück, wenn wir uns sein Los und das seiner Leidensgefährten  vorstellen: Menschen, die zu Tode gebracht wurden, weil sie nicht leistungsfähig waren. Menschen, die umgebracht wurden, weil sie nicht ins Bild von völkischer Stärke und Volksgesundheit passten. Auf Befehl von oben.

Wen könnte es kalt lassen, zu hören, wie Günters Vater von der Front schreibend beim Jugendamt um Verständnis für seinen Sohn wirbt. Wen ließe es unberührt, zu erfahren, wie Günters Mutter ihren Sohn zunächst aus der tödlichen Anstalt zurückholt, als ahnte sie, dass ihm hier Unheil drohte. Und dann beugt sie sich doch dem Druck der Ämter. Wie mögen sie weiter gelebt haben  – die  Nevermanns aus der Poeler Straße 102, nur zwei Straßen entfernt von hier.

Und dann die anderen  – die in den Ämtern, Menschen der Pflichterfüllung und des Gehorsams. Hatten sie keine Wahl? War ihr Verhalten „alternativlos“? Weil auch heute vieles als „alternativlos“ hingestellt wird, will ich erinnern an einen Menschen damals, der nicht reibungslos funktionierte, sondern Widerstand leistete.

Ich denke an Lothar Kreyssig, den späteren Gründer der „Aktion Sühnezeichen“. Seit 1937 arbeitete er als Vormundschaftsrichter in Brandenburg an der Havel. Zu den ihm anvertrauten Menschen gehörten auch Menschen mit Behinderungen. In seinem Dienst als Vormundschaftsrichter bemerkte Lothar Kreyssig, dass sich Nachrichten über den Tod seiner behinderten Mündel häuften. In einem Schreiben vom 8. Juli 1940 meldete er seinen Verdacht, dass die Kranken massenhaft ermordet würden, dem Reichsjustizminister Franz Gürtner, wandte sich aber auch gegen die Entrechtung der Häftlinge in den Konzentrationslagern, indem er dem Justizminister schrieb:

»Recht ist, was dem Volke nützt. Im Namen dieser furchtbaren, von allen Hütern des Rechtes in Deutschland noch immer unwidersprochenen Lehre sind ganze Gebiete des Gemeinschaftslebens vom Rechte ausgenommen, vollkommen z. B. die Konzentrationslager, vollkommen nun auch die Heilund Pflegeanstalten.«

Neben der juristischen Argumentation sprach Lothar Kreyssig in seinem Brief an seinen obersten Dienstherrn eine noch grundsätzlichere Ebene an. Er beschreibt die Behinderungen der ihm anvertrauten Menschen in aller Deutlichkeit, um dann fortzufahren: 

„Die Frage nach dem Sinn solchen Lebens rühret an tiefste Daseinsfragen überhaupt. Sie führt unmittelbar auf die Frage nach Gott. . . . Von dorther ist die ‚Vernichtung lebensunwerten Lebens‘ überhaupt ein schwerer Gewissensanstoß. Leben ist ein Geheimnis Gottes. Sein Sinn ist weder im Blick auf das Einzelwesen noch in dessen Bezogenheit auf die völkische Gemeinschaft zu begreifen. Wahr und weiterhelfend ist nur, was Gott uns darüber sagt. Es ist darum eine ungeheuerliche Empörung und Anmaßung des Menschen, Leben beenden zu dürfen, weil er  es mit seiner beschränkten Vernunft es nicht oder nicht mehr als sinnvoll begreift. Ebenso wie das Vorhandensein solchen hinfälligen Lebens ist es eine von Gott gegebene Tatsache, dass es allewege genug Menschen gegeben hat, die fähig waren, solches Leben  zu lieben und zu betreuen, wie denn rechte Liebe ihre Größe und den Abglanz ihrer göttlichen Herkunft gerade dort hat, wo sie nicht nach Sinn und Wert fragt.“ 

Der Reichsjustizminister ließ dem Richter in Brandenburg antworten, dass die Euthanasie-Aktion  von Hitler selbst veranlasst worden sei und in Verantwortung der Kanzlei des Führers ausgeführt werde.  Lothar Kreyssig gab jedoch keine Ruhe, sondern erstattete gegen Reichsleiter Philipp Bouhler Anzeige wegen Mordes. Den Anstalten, in denen Mündel von ihm untergebracht waren, untersagte er, diese Menschen ohne seine Zustimmung zu verlegen. 

Am 13. November 1940 wurde Kreyssig vom Reichsjustizminister vorgeladen. Gürtner legte ihm das Handschreiben Hitlers vor, mit dem dieser die Mordaktion ausgelöst hatte, und das deren alleinige Rechtsgrundlage darstelle. Mit den Worten  „Ein Führerwort schafft kein Recht“, machte Kreyssig deutlich, dass er dieses nicht anerkenne. Der Reichsjustizminister stellte fest, dass er dann nicht länger Richter sein könne. Im Dezember 1940 wurde Kreyssig zwangsbeurlaubt. Versuche der Gestapo, ihn ins Konzentrationslager zu bringen, scheiterten. 

„Leben ist ein Geheimnis Gottes“,  wer dies beachtet, weiß, dass es Alternativen gibt. Wir haben eine Wahl  – und auch Verantwortung, gerade da, wo man uns weismachen will, etwas sei alternativlos.  Der Klimawandel ist nicht alternativlos. Wir können etwas dagegen tun. Die Ungerechtigkeit des Weltwirtschaftssystems ist kein Schicksal, sondern menschengemacht. Dass Menschen ungestraft Nahrungsmittel an den Börsen zurückhalten, um die Preise künstlich in die Höhe zu treiben, was noch mehr Menschen in Hunger und Elend treibt  – das muss nicht so bleiben. In unserem persönlichen Leben wie in unserem politischen Engagement können wir daran mitwirken, dass die Verhältnisse nicht bleiben, wie sie sind.

„Leben ist ein Geheimnis Gottes.“ Für dieses Leben lasst uns einstehen, wo immer es angetastet, seine Würde infrage gestellt wird. Wir sind es uns selbst schuldig und Menschen wie Günter Nevermann.

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