Lebendige Geschichte

Zeitreise: Alte "Kritzeleien" am Schrank des Uhrwerks in der Marienkirche entdeckt

Kirchenlotse Günther Gathemann zeigt mit Pastorin Rebecca Lenz die Kritzeleien am alten Uhrwerk der Kirche.
Kirchenlotse Günther Gathemann zeigt mit Pastorin Rebecca Lenz die Kritzeleien am alten Uhrwerk der Kirche.© Thorge Rühmann

20. August 2020 von Thorge Rühmann

Wenn der Pastor wegsah, malten Konfirmanden schon vor 120 Jahren Graffitis im Turm der Segeberger Marienkirche. Für Kirchenlotse Günther Gathemann eine Einladung zur Zeitreise in die Vergangenheit.

Ein kleiner Schatz verbirgt sich an der Unterseite der Treppenstufen und an weiteren Stellen im Gemäuer des Turms der Bad Segeberger Marienkirche: Hunderte Konfirmanden, Handwerker und viele andere Unbekannte haben sich mit ihrer Signatur verewigt. Kirchenlotse Günther Gathemann hat die Graffitis mit Pastorin Rebecca Lenz entdeckt.

Ältester Eintrag von 1888

Es sind völlig unterschiedliche Einträge. Manche Schriftzüge sind mit Bleistift fein-säuberlich geschrieben, andere in gut zwanzig Zentimeter großen Kreide-Lettern gekrakelt. Die Namen, Jahreszahlen, dazu notierte Wörter und kurze Sinnsprüche verteilen sich über einen großen Teil des Gemäuers. Der älteste Eintrag, der bisher entdeckt wurde, stammt von 1888. Für Gathemann eine Art historische Schatzkiste: "Der gesamte Turm lädt zu einer Zeitreise ein."

"Ein Urbedürfnis des Menschen, Spuren zu hinterlassen"

Für die Öffentlichkeit ist der Turm gesperrt, da die gut drei Stockwerke hohe Wendeltreppe aus Holz statisch nicht mehr als ausreichend sicher gilt. Die romanische Backsteinkirche St. Marien stammt aus dem Jahr 1156. "Die Jugendlichen waren damals auch nicht anders als heute", sagt Pastorin Lenz. Es sei ein Urbedürfnis des Menschen, Spuren zu hinterlassen. "Durch die Graffiti reden wir bis heute über sie und denken an sie."

Offenbar war es früher Tradition, dass die Pastoren mit den Konfirmanden einmal in den Turm stiegen. Passte der Seelsorger dann nicht auf, nutzten die Jugendlichen die Gunst der Stunde und hinterließen ihre Unterschrift. "Ich denke, das war ungestümer Schabernack", sagt Gathemann, "das war bestimmt nicht offizieller Teil des Konfirmandenunterrichts."

Auch späterer Propst hinterließ als Konfirmand sein Autogramm

Manche der Namen sind in der Region bis heute bekannt - im Guten wie im Schlechten. Den 5. Oktober 1946 hatte sich etwa Jörgen Sontag dafür ausgesucht, sein Autogramm im Turm zu hinterlassen: "Er wurde später Pastor und dann Propst", weiß Lenz. Der Theologe habe ihren Mann getauft und schließlich konfirmiert: Sontag lebt bis heute in der Region.

Otto Gubitz wurde 1906 in Hamburg geboren und wuchs in Bad Segeberg auf. Er schrieb am 13. September 1918 seinen Namen als Konfirmand auf den Uhrenschrank. Doch 1933, im Jahr der Machtergreifung Hitlers, war er bereits dessen glühender Anhänger und Segeberg eine Hochburg der Nationalsozialisten, so Kirchenlotse Gathemann. Nach dem verlorenen Weltkrieg habe Gubitz zehn Jahre in Strafgefangenenlagern in Russland gesessen. "Trotzdem blieb er ein überzeugter Nazi, bis zu seinem Tod."

Kichensanierung 2021 - Graffiti sollen fortbestehen

Auch Handwerker, die Dach- und Zimmererarbeiten ausführten, schrieben damals ihre Namen gleich neben das Gewerk. Gut möglich, dass bald neue Graffitis hinzukommen, denn ab 2021 werden im zweiten Bauabschnitt der großen Sanierung der Marienkirche Wände und Gewölbe des Mittelschiffs restauriert. Die uralte Wendeltreppe muss dann weichen, doch die Graffiti an ihrer Unterseite sollen fortbestehen: "Die wollen wir in irgendeiner Form aufbewahren", sagt Lenz. Vielleicht startet sie eine Aktion dazu, wer sich in dem Gekritzel wiedererkennt.

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