31. Oktober 2018 | Dom St. Nikolai zu Greifswald

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit“

30. Oktober 2018 von Hans-Jürgen Abromeit

Predigt zu Galater 5, 1-6 beim Reformationsempfang der Nordkirche (31.10.2018)

Liebe Gäste, liebe Gemeinde,

heute ist es soweit: In der gesamten Nordkirche gedenken wir der Reformation an einem staatlich geschützten Feiertag. Damit sind die drei vorherigen Kirchen Nordelbien, Mecklenburg und Pommern sichtbar und erlebbar ein großes Stück zusammengewachsen. Nun gedenken wir der Reformation also in der gesamten Nordkirche an einem arbeitsfreien staatlich geschützten Feiertag. Was im Osten schon seit 28 Jahren der Fall war, nämlich dass der Reformationstag dauerhaft ein staatlicher Feiertag war, gilt – als Frucht des Reformationsjubiläums 2017 – nun auch in Hamburg und Schleswig-Holstein. Allein schon diese Tatsache, dass ein kirchliches Ereignis, der Beginn der Reformation mit dem Thesenanschlag Martin Luthers am 31. Oktober 1517, zu einem staatlichen Feiertag wird, zeigt die weit über den Bereich der evangelischen Kirche hinausgehende Bedeutung der Reformation. Die Reformation war ein weltgeschichtliches Ereignis.

Woher nahm die Reformation die Kraft, die Weltgeschichte zu verändern? Es war Luthers Freiheitsverständnis, das allen anderen Veränderungen die Bahn brach. Es hatte auch Folgen für das Berufsverständnis, für das Verständnis von Wirtschaft und von Politik.

Was Martin Luther unter Freiheit verstand, war eigentlich nichts Neues. Er fand es schon in der Bibel vor, besonders beim Apostel Paulus. Aber Luther hat Paulus für seine Zeit neu gesagt und darin die zentrale Zusammenfassung des christlichen Glaubens gesehen. Eine der drei Hauptschriften von 1520 lautet: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Die Grundlage bei Paulus klingt so:

[Gal. 5, 1-6 nach der Basisbibel]

Seit 17 Jahren bin ich nun Bischof in Pommern. In dieser Zeit habe ich viele Geschichten gehört. Interessant war mir zu hören, wie sich mancher in der DDR gefühlt hat. Einige haben mir gesagt: „Eigentlich war es in der DDR gar nicht so schlecht. Der Zusammenhalt war besser. Nur, dass die Freiheit gefehlt hat.“

Frei sein will jeder. Rühren wir nicht an das Allerheiligste des Menschen, wenn wir das Thema „Freiheit“ ansprechen? Nur ich will entscheiden, was ich tue und lasse. Von anderen will ich mir nichts vorschreiben lassen - und vom Staat schon gar nicht. Selbstbestimmung ist doch das Höchste. Sage heute einem Menschen, dass das falsch ist. Schon hast du verloren. Wenn es heute eine Sehnsucht gibt, dann die nach Freiheit. Mein Leben gehört mir. Da hat mir keiner etwas zu sagen.

Frei ist, wer tun kann, was er will, und daran von anderen nicht gehindert wird. Ist diese Willkürfreiheit auch die Freiheit, von der der Apostel Paulus redet? Paulus sagt ganz klar: Wir verdanken unsere Freiheit Jesus Christus. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ (V. 1 nach Luther) Oder – wie die Basisbibel übersetzt: „Christus hat uns befreit, damit wir endgültig frei sind.“ Da muss man doch fragen: Worin bestand die Unfreiheit, die Christus weggenommen hat?

Für viele Menschen ist das Leben von Sorgen und Angst geprägt. Gerade hierzulande. Dafür haben die Angelsachsen sogar einen Begriff geprägt, die „German Angst“. Es gibt viele Gründe, sich zu fürchten. Einer drückt sich in einer sehr alten Redewendung aus. Sie lautet: „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.“[1] Der Naturzustand des Menschen sei, dass er sich anderen Menschen gegenüber wie ein Raubtier benimmt.

Wenn wir – auch in unseren Tagen – sehen, wozu der Mensch fähig ist, drängt sich uns dann nicht diese Wahrheit auf? Mitten in Europa werden Nachbarn zu Feinden. Mitten in Deutschland werden Kinder misshandelt und sterben. Da wird Mitmenschlichkeit auf die Angehörigen des eigenen Volkes beschränkt. Fremde werden gejagt. Menschen tun anderen Gewalt an, wieder andere instrumentalisieren sie für ihre Wut. Offensichtlich kann der Mensch grausam zum Menschen sein. Deswegen hat die Menschheit schon seit Jahrtausenden versucht, den Menschen durch Gesetze zu zähmen.

Die feinste Form dieser Zähmung der Unmenschlichkeit finden wir vielleicht im Judentum. Mit einem System aus Geboten und Verboten wird seit Jahrtausenden versucht, der Unmenschlichkeit des Menschen beizukommen. Jüdische Menschen wussten, weil es ihnen Gott offenbart hat: Gott will, dass Menschen gedeihlich miteinander leben und sich gegenseitig zum Besten dienen. Gott weist die Wildheit des Menschen in ihre Grenzen.

Es wird uns berichtet, dass ein jüdischer Rabbi diese Art der Gottesfurcht besonders ernst nahm. Ja, er war von Jugend auf im Gesetz erzogen worden. Er machte Gott zu seinem Lebensinhalt und zu seinem Beruf. Hundertprozentig Recht wollte er es Gott machen. Alle Gebote und Verbote des Gesetzes hat er gehalten. Und für die Reinheit des Gottesglaubens wollte er eintreten. Weil er den Glauben der Christen als viel zu frei verstand, war er sogar bereit, bei der ersten Hinrichtung eines Christen mitzuwirken. Dieser Mann, der es Gott recht machen wollte und dabei seine Hände mit Blut beschmutzte und die Freiheit mit Füßen trat, dieser Mann hieß Paulus von Tarsus. Er hat den heutigen Predigttext geschrieben.

Und nun sagt er: „Zur Freiheit hat euch Christus befreit.“ Er redet so, als ob Freiheit zur Grundlage eines christlichen Lebens gehört. Wie konnte er sich so zum Thema Freiheit äußern? Von seiner Herkunft ist das nicht zu begreifen. Wie konnte es dazu kommen, dass er die Freiheit dem Leben aus dem Gesetz in solch einer radikalen Weise gegenüberstellte? Was war mit diesem Mann vorgegangen?

Er war selbst – ohne, dass er das erwartet hatte – Jesus Christus begegnet. Hier hatte der Pharisäer Paulus gelernt, dass das Gesetz wichtig ist, dass es aber noch etwas Wichtigeres gibt. An die Stelle der Bindung an das Gesetz trat bei Paulus die Bindung an Jesus Christus. Damit wurde er befreit von der Festlegung auf ein Prinzip durch eine Beziehung zu einer lebendigen Person. Mit einem Mal veränderte sich für Paulus sein ganzes Leben. Orientierung gab nicht mehr das Befolgen von schriftlichen Prinzipien, sondern die Verbundenheit zu Jesus Christus. Paulus hatte verstanden: Mit Christus bin ich ganz fest verbunden, aber gerade dadurch bin ich ganz frei! Wer diese Freiheit im Glauben einmal geschmeckt hat, kann und darf sich nicht mehr unter Prinzipien und Gesetze einfangen lassen. Darum ruft Paulus den Galatern so eindeutig zu: „Lasst euch nicht wieder knechten!“ Das Zeichen der Knechtung wäre die Beugung unter das jüdische Gesetz gewesen, wie es durch die Beschneidung der Männer zum Ausdruck kam. Der Wolf im Menschen wird nicht durch Zwang und nicht durch Gesetz überwunden, sondern durch Freiheit. Es ist eine Freiheit in der Bindung an Jesus Christus. Für alle, die keine Juden waren, genügte die Bindung an Christus. Bitte nicht: Christus und das Gesetz. Das wäre ein Rückfall.

Die Christusfreiheit ist keine Willkür. Sie löst mich nicht von meinen Mitmenschen, sondern setzt mich zu ihnen in das rechte Verhältnis. Der Reformator Martin Luther hat in der grundlegenden reformatorischen Freiheitsschrift von 1520 („Von der Freiheit eines Christenmenschen“) diese Aussage in eine sich scheinbar widersprechende Formel gebracht. Er sagte: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Das, was Martin Luther in dieser doppelten, paradoxen Aussage zum Ausdruck bringt („Freier Herr“ / „dienstbarer Knecht“) sagt Paulus ganz schlicht: „Es zählt nur der Glaube, der sich in der Liebe auswirkt“ (V. 6b). Wer von Christus befreit ist, wird seine Freiheit nicht egoistisch nur für sich nutzen, sondern anderen mit dieser Freiheit dienen. Oder: Wer glaubt, wird auch lieben. Die Freiheit, zu der ich durch Jesus Christus befreit werde, bedeutet nicht, dass ich machen kann, was ich will. Vielmehr ist derjenige, der immer nur das tut, was er will, zutiefst versklavt durch sein eigenes Ich. Er droht, der Wolf des Menschen zu werden. Frei bin ich nicht nur für mich, sondern gerade dann, wenn ich auch für andere frei bin. Darum gehören die herrschaftliche Freiheit und der Dienst für den Nächsten zusammen.

Freiheit und Dienst wachsen aus dem Glauben. Was für eine tragende Rolle der Glaube spielt, hat einmal ganz schlicht und persönlich Jürgen Klopp gesagt, bekannt geworden als Trainer von Borussia Dortmund und heute Trainer vom FC Liverpool: „Der Glaube an Gott ist mein Halt und mein absoluter Leitfaden durchs Leben. So wie ich Gott kennengelernt habe, ist er der verlässliche Partner, der immer mit uns geht, auch wenn wir selbst nicht verlässlich sind. Das, was Jesus getan hat, sich die Sünden der Welt auferlegen, ist die großartigste Tat, die jemals vollbracht wurde.“[2]

Diese großartige Tat ist die Grundlage für alle Christen. Das haben wir gemeinsam mit der katholischen Kirche gefeiert. Gemeinsam wollen wir dafür sorgen, dass diese großartigste aller Taten auch wieder bekannt wird in unserem Land und weit darüber hinaus. Wir feiern am Reformationstag nicht die Spaltung der Kirche, sondern das, was uns eint.

Amen.

[1] Das ist ein Zitat des römischen Komödiendichters Plautus, gesprochen etwa um 200 vor Christus, bekannt geworden durch Thomas Hobbes.

[2] www.undvornehilftderliebegott.de

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