Was heißt hier alt?

"Alt sind immer nur die anderen"

Symbolbild: tilla eulenspiegel / photocase.com
Symbolbild: tilla eulenspiegel / photocase.com© tilla eulenspiegel / photocase.com

08. Oktober 2012 von Doreen Gliemann

Gesellschaft und Kirche stecken mitten im demografischen Wandel. Wie kann ein neues Altersbild die kirchliche Arbeit mit älteren Menschen verändern? Gibt es neue Antworten auf Altersfragen? Im Gespräch: Kirsten Sonnenburg (49) und Frauke Niejahr (45) aus der Arbeitsstelle „Leben im Alter“ des Kirchenkreises Hamburg-Ost.

Wie alt fühlen Sie sich?

Frauke Niejahr: 35.

Kirsten Sonnenburg: Im Moment Anfang 40 und zum Abend hin Anfang 50.

Niejahr: Nach manchen Seelsorgekontakten auch wie 85.

Ein breites Spektrum.

Sonnenburg: Wenn „Alt sein“ bedeutet, dass man zum Beispiel nicht mehr schaukeln darf, bin ich noch nicht mal 20. Ansonsten fühle ich mich so alt, wie ich wirklich bin.

Niejahr: Wenn ich meine Freundinnen treffe, von denen viele jetzt 15-jährige Kinder haben, fühle ich mich eher jünger, und wenn ich mit meiner 73-jährigen Mutter zusammen bin, die erstaunlich viele ähnliche Interessen hat, fühle ich mich im Alter gar nicht so weit von ihr entfernt.

Im 6. Altenbericht* steht der Satz, Kirche hätte ein ambivalentes Verhältnis zu älteren Menschen.

Sonnenburg: Das liegt an der Wahrnehmung, dass die „Alten“ die Menschen beim Seniorennachmittag sind, die unterhalten und betreut werden müssen. Alt sind aber eigentlich auch die Leute im Kirchengemeinderat. Die nehmen sich aber nicht als solche und damit nicht als Zielgruppe ihrer eigenen Angebote wahr.

Niejahr: "Alt sind nur die anderen" – das trifft das Denken in der Kirche sehr deutlich. Alt sind die, die versorgt werden müssen. Diese Haltung blockiert uns. Wir haben kaum Angebote für ältere Menschen, die andere Bedarfe haben, weil sie jung geblieben sind, weil sie gerne etwas unternehmen und verantworten wollen.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach am Altersbild in der Kirche ändern?

Sonnenburg: Es müsste wegkommen von der Haltung, dass alt gleich gebrechlich ist. Alt sind auch die Aktiven, viele Kirchengemeinderatsmitglieder oder Pastorinnen und Pastoren. Was heißt das jetzt für das Altersbild in unserer Gemeinde? Diese Frage muss man sich stellen.

Gibt es auch einen theologischen Hintergrund?

Niejahr: Die EKD-Studie „Uns geht’s gut“** hat gezeigt, dass viele ältere Leute ihr eigenes Alter als guten Zustand empfinden. Sie haben Spaß am Leben. Sie sehen Gott als Kraftquelle. Gott, der in der Lebensenergie, die zwischen uns fließt, spürbar ist. Diese Form der Spiritualität macht sich ja zum Beispiel auch die Burn-Out-Prophylaxe zunutze.

Die Forschung sagt, dass Christen länger leben. Wie versuchen Sie, das neue Altersbild im Kirchenkreis umzusetzen?

Sonnenburg: Am meisten bewegen und verändern kann ich, wenn ich in Pastorenkonvente gehe und dort mit Pastorinnen und Pastoren über ihr Altersbild spreche. Dadurch verändert sich dann die Arbeit in den Gemeinden. Wir merken das an unserer interaktiven Ausstellung „alterslos“, die als Wanderausstellung gut angenommen wird. Und wir haben gute Erfahrung gemacht mit unseren Angeboten, die ganz neue Wege im Zugang zu Themen des Alters aufzeigen wie die Fortbildungsangebote Kulturführerschein® und SEBALT.

Können Sie diese Projekte näher erläutern?

Sonnenburg: Wenn man Menschen ab 50 fragt, womit sie sich beschäftigen
möchten, wenn sie Zeit haben, dann wird immer Kultur genannt. Beim Kulturführerschein® vermitteln wir Methoden, wie man sich mit Gruppen Kultur lustvoll nähern kann. Später können sie in ihrer Kirchengemeinde selber Angebote schaffen, von denen Jüngere wie Ältere profitieren. Das sind auch die Grundsätze der Freiwilligenarbeit: Ich tue etwas für mich, ich tue etwas für andere, ich tue mit anderen etwas für mich und andere, und in letzter Konsequenz tun dann andere auch etwas für mich.

Wer kann mitmachen?

Sonnenburg: Zielgruppen sind Ehren- und Hauptamtliche. Der Kulturführerschein ® ist eine geschützte Ausbildung, die wir einmal im Jahr anbieten, an acht einzelnen Tagen. Die Teilnehmenden erhalten am Ende ein Zertifikat, für das sie auch eine Prüfung machen müssen.

Ein weiteres Projekt heißt SEBALT. Was bedeutet das?

Sonnenburg: Selbstbestimmt altern! Das ist ein Gruppenleiterkurs für Seniorenarbeit. Auch hier gilt der Grundsatz: Ich tue etwas für mich. Im Kurs fördern wir Kompetenzen in den Bereichen Gedächtnis, Bewegung, Alltagsfähigkeiten, Lebenssinn – um etwas für andere zu tun. Wie gehe ich mit dem eigenen Älterwerden um? Was sind die Schätze des Alters? Was sind die Dinge, vor denen wir Angst haben? Diese Fragen diskutieren wir. Wir machen den Teilnehmern ihre Potentiale bewusst, damit sie nach dem Kurs mit ihrer neuen Grundlage an Wissen und Material Angebote für Menschen ab der Lebensmitte gestalten können.

Inwiefern prägt das neue Altersbild die Angebote für Ältere, die nicht mehr zu den „fitten“ Alten gehören?

Niejahr: Traditionell wurde Seelsorge immer hierarchisch verstanden: Der Pastor kommt zu seinen Schäfchen. Die Haltung in unserem Altersbild ist aber eine andere: eine Begegnung auf Augenhöhe, bei der etwas Wechselseitiges passiert. Da gibt es in der Heimseelsorge einen Paradigmenwechsel. Deswegen sprechen wir inzwischen auch von Seelsorge im Alter. Das bedeutet auch, dass nicht nur der Pastor als einziger bevollmächtigt ist, den Segen auszuteilen. Seelsorge muss zunehmend als etwas verstanden werden, was Menschen in der Begegnung einander schenken können. Das ist der urchristliche Auftrag. Nach Matthäus 25 sagt Jesus: Wenn ihr Menschen besucht, dann trefft ihr mich. Und das nicht mehr nur in Altenheimen: Immer mehr gebrechliche Menschen bleiben so lange wie es geht zu Hause, wollen auch dort sterben.

Was kann man in der Gemeinde machen? Besuchsdienste zum Beispiel?

Sonnenburg: Einige Gemeinden haben Besuchsdienste eingerichtet, aber die können nicht alles auffangen. Es funktioniert nicht ohne zusätzliche Ressourcen. Früher konnte die Gemeindeschwester vorbeifahren, wenn Menschen nicht mehr kommen konnten. Diese Stellen wurden leider ohne Ersatz abgeschafft.

Niejahr: Wir sind in vielerlei Hinsicht ganz am Anfang. Die Gemeinden haben eine große Chance, neue Formen für Seelsorge im Alter zu entwickeln. Kirche hat ja auch einen guten Ruf, weil bekannt ist, dass wir Menschen an den Rändern des Lebens gut begegnen. Wir müssen also einerseits wieder Stellen aufbauen, die solche Informationen aufnehmen und weiterleiten, und wir brauchen Ausbildungen für Besuche. Außerdem brauchen wir eine Begleitung für Ehrenamtliche mit Supervision oder Netzwerktreffen. Es gibt also einiges zu tun.

Wie gehen Sie diese Aufgaben an?

Niejahr: Zurzeit haben wir viel mit Strukturfragen zu tun. Wir arbeiten daran, dass Kolleginnen und Kollegen aus dem Bereich Seelsorge im Alter ihr Spezialwissen im Kirchenkreis weitergeben. Ehrenamtliche, Pastorinnen und Pastoren können davon profitieren und ermutigt werden, zum Beispiel die Kontakte zu Altenheimen zu intensivieren. Ich versuche, solche Netzwerke beim Entstehen zu begleiten. Ich vertrete die Nordkirche auf der EKD-Konferenz, hier arbeiten wir an Modulen der Aus-, Fort- und Weiterbildung. Im Konvent der Altenund Pflegeheimseelsorge treffen sich monatlich Ehren- und Hauptamtliche aus den Gemeinden. Wir organisieren gemeinsam auch den jährlichen Fachtag der Nordkirche.

Ihre wichtigsten Tipps für die „neue“ Arbeit mit älteren Menschen?

Niejahr: Lust auf Veränderung!

Sonneburg: Bewusstseinswandel! Ein Gefühl dafür entwickeln, dass wir alle alt werden – oder es schon sind?!

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Informationen und Kontakt

Das Interview erschien im Magazin PORTAL des Kirchenkreises Hamburg-Ost - mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung auf nordkirche.de 
portal@kirche-hamburg-ost.de

Arbeitsstelle „Leben im Alter“ - Diakonie + Bildung
Kirsten Sonnenburg (Leitung) · Offene Altenarbeit
Telefon (040) 51 90 00-840
Pastorin Frauke Niejahr · Seelsorge im Alter
Telefon (040) 51 90 00-834
www.diakonieundbildung.de

*Sechster Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland – Altersbilder in der Gesellschaft
www.bmfsfj.de/aeltere-menschen

**Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD "Uns geht es gut"
www.ekd.de/ Uns geht es gut (pdf)

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