In der Gedenkstätte Sülstorf

Bischof Tilman Jeremias eröffnet Ökumenische Friedensdekade

Bischof Tilman Jeremias beim Open-Air-Gottesdienst in Sülstorf.
Bischof Tilman Jeremias beim Open-Air-Gottesdienst in Sülstorf.© Nordkirche/Silke Ross

08. November 2020 von Annette Klinkhardt

Mit einem Open-Air-Gottesdienst an der Gedenkstätte Sülstorf (Landkreis Ludwigslust-Parchim) hat Bischof Tilman Jeremias am 8. November die Ökumenische Friedensdekade in der Nordkirche eröffnet.

„Wenn heute die Friedensdekade beginnt, sind wir für unseren Gottesdienst hier genau an der richtigen Stelle. Im Erschrecken vor dem Grauen damals liegt die Chance zur Umkehr heute“, sagte der Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern der Nordkirche und nahm damit das Motto der diesjährigen Dekade „Umkehr zum Frieden“ auf.

Gedenken am Ort der Deportationen

Die heutige Gedenkstätte in Bahnhofsnähe ist an dem Ort errichtet, an dem im April 1945 drei Tage lang ein Zug mit Häftlingen stand. Tausende Frauen und Männer, die von SS-Leuten von einem Konzentrationslager zum nächsten deportiert wurden. Mehr als 300 Menschen starben dort an Unterernährung und Misshandlungen. Ihre Leichen wurden an den Bahngleisen verscharrt.

„Es geht nicht um Starksein, sondern um Solidarität”

„Wir wollen uns an diesem Ort selbst verpflichten zum Frieden, uns verwandeln lassen durch den Geist Gottes“, sagte der Bischof. In den Mittelpunkt seiner Predigt stellte er einen Satz Jesu aus der Bergpredigt: Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen. „Dieser schlichte warme Satz Jesu trägt wie alle anderen Seligpreisungen große verändernde Kraft in sich. Er kehrt Maßstäbe in ihr Gegenteil um, die so einleuchtend unsere Gesellschaften prägen. Diese Maßstäbe sortieren nach Sieg und Niederlage, Ruhm und Schmach, Stärke und Schwäche“, hob der Bischof hervor. Jesus dagegen stelle „das Kind in die Mitte: Es geht nicht um Durchsetzung, sondern um Urvertrauen. Es geht nicht um Selbstdarstellung, sondern um Vernetzung. Es geht nicht um Starksein, sondern um Solidarität. Wenn wir Frieden stiften, bekommen wir einen Ehrennamen, der nichts mit präsidialem Ruhm zu tun hat: Wir heißen Gottes Kinder“, so der Bischof.

Referentin Julika Koch mit Konfirmanden in Sülstorf.© Nordkirche/Silke Ross

Die drei Geistlichen der Region, Pastor Árpád Csabay von der Gemeinde Pampow-Sülstorf und Gemeindepädagogin Ina Bammann, Pastorin Wiebke Langer von der benachbarten Kirchengemeinde Gammelin-Warsow und Pastorin Kristin Gatscha aus Uelitz gestalteten den Gottesdienst. Konfirmandinnen und Konfirmanden aus der Region, die für den Gottesdienst Fürbitten formuliert hatten, legten nacheinander Blumen auf den Gedenkstein, Bischof Jeremias einen Kranz.

Ausstellung in der Sülstorfer Pfarrscheune

„Die jungen Leute haben ein großes Interesse an dem, was vor 75 Jahren hier passiert ist“, erzählt Árpád Csabay, seit 2013 Pastor in Sülstorf. Csabay ist als Teil der ungarischen Minderheit in Rumänien aufgewachsen. Er erinnert sich gut an sein Vorstellungsgespräch in der Gemeinde: „Ich stieg in Sülstorf aus dem Zug aus und sah diesen zugewachsenen Gedenkstein mit der Aufschrift ‚Dem Gedenken von 53 jüdischen Frauen aus Ungarn‘. Das hat mich bis heute nicht losgelassen.“

So hat er in Kooperation mit der benachbarten Mahn- und Gedenkstätte Wöbbelin in der Sülstorfer Pfarrscheune eine Ausstellung installiert, um die damaligen Geschehnisse nachzuzeichnen. 

Raum für Trauer

Vom KZ-Helmstedt-Beendorf begann am 9. April 1945 die tagelange Irrfahrt der Häftlinge. In vermutlich 60 Waggons wurden 4.350 Frauen und Männer zusammengepfercht. Während des gesamten Transports gab es kaum Nahrung oder Wasser. Weil ein Gleis in Wöbbelin blockiert war, stand der Zug drei Tage lang auf einem Abstellgleis des Bahnhofes von Sülstorf. Einige Dorfbewohner brachten Kartoffeln an den Zug, andere verschanzten sich in ihren Häusern. Für die Sülstorfer sei dies auch heute noch eine „Wunde“. „Eine Aufarbeitung ist erst seit der Wende möglich“, sagt Csabay. „Es ist wichtig, nicht nur über den Verstand aufzuklären. Mit den Projekten, die unsere Gedenkstätte anbietet, werden Mitgefühl und Trauer ermöglicht. Ohne das kommt eine innerliche Versöhnung nicht zustande.“

Die ökumenische Friedensdekade

wird seit 1980 gefeiert, bis zur Wende als gemeinsame Aktion in West- und Ostdeutschland. Die Kirchen begehen die Ökumenische Friedensdekade jedes Jahr an den zehn Tagen vor dem  Buß- und Bettag. Damit geben sie dem Thema Frieden im Kirchenjahr Raum. Diese zehn Tage vor dem Buß- und Bettag, in denen der Frieden im Mittelpunkt steht, haben den Zusammenhalt der Christinnen und Christen in Ost- und Westdeutschland verstärkt und das Thema zu einem Schwerpunkt im Kirchenjahr gemacht. Träger der Ökumenischen Friedensdekade sind unter anderem die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK), die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF), Brot für die Welt, die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend (aej) und Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste.

Das Referat Friedensbildung in der Nordkirche

Für die Nordkirche ist dabei Julika Koch vom Referat Friedensbildung federführend. Frieden, so die Historikerin, Diakonin und Mediatorin, könne man lernen: „An den Projekten der Gedenkstätte in Sülstorf wird ein Aspekt von Friedensbildung deutlich. Menschen hören den Geschichten vom April 1945 zu. Das schmerzt. Sie hören Fakten, und über die Geschichten kommen sie in Kontakt mit ihren Gefühlen dazu. Über Gefühle verbinden sich Menschen, auch wenn sie sich nie gesehen haben. Vielleicht entsteht daraus ein Satz wie ‚Ich will, dass Menschen nie wieder so in ihrer Würde verletzt werden‘ und eine Leidenschaft für den Frieden. Das will Friedensbildung.“

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