Zehn Jahre Zusammenarbeit

Christlich-jüdischer Dialog macht Hoffnung, dass Konflikte überwunden werden können

Landesrabbiner Yuriy Kanykov, Vereinsvorsitzende Maria Schümann und Bischof Tilman Jeremias feiern das zehnjährige Bestehen der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Mecklenburg-Vorpommern.
Landesrabbiner Yuriy Kanykov, Vereinsvorsitzende Maria Schümann und Bischof Tilman Jeremias feiern das zehnjährige Bestehen der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Mecklenburg-Vorpommern. © Annette Klinkhardt, Nordkirche

23. März 2022 von Annette Klinkhardt

Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Mecklenburg-Vorpommern hat in Schwerin ihren zehnten Geburtstag gefeiert. Überschattet wurde die Feier vom Krieg in der Ukraine. Die Zusammenarbeit der Religionsgemeinschaften mache dennoch Hoffnung, dass der Hass überwunden werden könne, so Landesrabbiner Yuriy Kadnykov.

Zu den Festrednern gehörte auch Bischof Tilman Jeremias, der selbst Mitglied des Vereins ist. „Ich kann hier nicht sprechen, ohne immer das unsagbare Leid der Ukrainerinnen und Ukrainer in Kopf und Herz zu haben. Die meisten Menschen der jüdischen Gemeinden in unserem Bundesland haben Wurzeln in Russland oder der Ukraine, sorgen sich um Angehörige, Freunde und Bekannte“, so der Bischof. 

Bischof Jeremias sprach in seiner Festrede auch den Krieg in der Ukraine an. Jahrhunderte währendes jüdisches Leben wie in Odessa sei in existenzieller Gefahr, sagte er.
Bischof Jeremias sprach in seiner Festrede auch den Krieg in der Ukraine an. Jahrhunderte währendes jüdisches Leben wie in Odessa sei in existenzieller Gefahr, sagte er. © Annette Klinkhardt, Nordkirche

„Jahrhunderte währendes jüdisches Leben wie in Odessa ist in existenzieller Gefahr. Und dennoch ist es gerade angesichts dieses barbarischen Krieges gut, dass wir heute hier zusammen sind und eine zehnjährige Geschichte der Verständigung feiern", so der Bischof. 

Wir können auch Differenzen aushalten 

In seiner Festrede wies er auch auf die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens hin. „Man kann gut Jüdin oder Jude sein ohne den Austausch mit Christen. Man kann aber niemals Christin oder Christ sein, ohne sich der jüdischen Wurzeln des eigenen Glaubens bewusst zu sein und ohne sich den jüdischen Hintergrund Jesu, des Apostels Paulus oder der Evangelien klar zu machen“, erklärte Jeremias. 

Neben gemeinsamen biblischen Glaubensgrundlagen wie dem an einen Schöpfergott oder die zehn Gebote gelte es, Differenzen klar zu benennen und auszuhalten: „Gott hat sich ein Volk erwählt aus allen Völkern, ein kleines Volk, das er liebt. ‚Ich bin dein Gott, du bist mein Volk‘– dieser Bund Gottes mit Israel gilt ewig. Wir als Kirche tun gut daran, zu akzeptieren, dass solch wesentliche Passagen der Hebräischen Bibel, also des Alten Testaments, nicht uns zugesprochen sind, sondern dem jüdischen Volk.“

Yuriy Kadnykov, der Landesrabbiner der jüdischen Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern.
Yuriy Kadnykov, der Landesrabbiner der jüdischen Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern.© Annette Klinkhardt, Nordkirche

Gute Zusammenarbeit ist Hoffnungszeichen 

„Als Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit wollen wir zeigen: Wir sind da, in der Mitte der Gesellschaft und zwar in einem Land, in dem die meisten Menschen areligiös sind. Trotz der Differenzen, die Juden und Christen seit Tausenden Jahren haben, bauen wir auf Gemeinsamkeiten auf“, so Yuriy Kadnykov, der Landesrabbiner der jüdischen Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern. 

„Das ist ein ganz wichtiger Punkt gerade jetzt, wo jede Minute Bomben fallen und Menschen sterben. Es kann ein gutes Zeichen sein, wenn wir auch in diesen schwierigen Zeiten, in denen Abneigung und Hass herrschen, zusammenarbeiten und zusammen etwas aufbauen. Das ist eine Botschaft für die Zukunft und eine gewisse Hoffnung“, sagte der Rabbiner, der selbst von der Krim stammt. 

Nächstenliebe statt Nächstenhass

Die derzeitigen Konflikte würden auch in die jüdischen Gemeinden getragen, erzählt er: „Die Konfliktlinien gehen zum Teil auch durch die Familien, weil fast alle Verwandte haben in Russland und der Ukraine. Wir versuchen, die Lage zu entspannen, indem wir ihnen erklären, dass sie mit jeder Berichtserstattung kritisch umgehen sollen, so wie wir kritisch umgehen mit unseren biblischen Texten.

Aufeinander zugehen und Unrecht zugeben

„Wenn wir statt Nächstenliebe Nächstenhass ausüben, bringt das nichts. Die große Arbeit, die jetzt vor uns liegt, ist, Menschen zu einem Zwiegespräch zu bringen, anstatt Fahnen in egal welcher Farbe zu schwenken. Der erste Schritt ist, zuzugeben, wo man unrecht hat. Das ist nicht der erste Krieg in unserer 4000-jährigen Geschichte. Die Synagogen und Kirchen bleiben bestehen, und das sind die Orte, wo die Menschen sich sicher fühlen sollen, egal welchen Pass sie haben.“

Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit ist seit 2014 Maria Schümann. 1954 geboren habe sie in der katholischen Kirche noch gelernt, dass die Juden Gottesmörder seien. In der DDR sei das Verhältnis zum Judentum ambivalent gewesen: „Offiziell war die DDR nicht judenfeindlich: In der Schule wurden die Juden als Antifaschisten proklamiert. Auf der anderen Seite galt Israel als imperialistisch. Ich bin aufgewachsen mit dem Bild im Hinterkopf, dass Juden Ausländer in Deutschland sind.“

Wir brauchen einen Dialog des Alltags

Sie freut sich über die gute Vernetzung der Gesellschaften im Norden: „Seit vier Jahren sind wir über eine Regionalkonferenz verbunden und haben besonders enge Kontakte zum Lehrhaus in Hamburg, nach Lübeck und nach Kiel.“ Gerade verschiebe sich der Schwerpunkt der Vereinsarbeit weg vom rein Theologischen: „Wir merken zunehmend, dass wir einen Dialog des Alltags brauchen. So passiert ganz viel, wenn Menschen aus unserer Region erstmals eine Synagoge besuchen und diese große Gastfreundschaft in den jüdischen Gemeinden erleben.

Gerade jüngere Leute bräuchten Angebote, bei denen sie anpacken und mitmachen können. Da passt es gut, dass der Dachverband mit dem diesjährigen Jahresthema ‚Fair Play – jeder Mensch zählt‘ den Sport in den Mittelpunkt gestellt habe. „Die vielleicht wichtigste Erfahrung aus dem Fest- und Gedenkjahr ‚1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland‘ ist, dass es ein ganz lebendiges vielfältiges jüdisches Leben in Deutschland gibt. Das gilt es auch in unserer Region zu entdecken.“

Hintergrund

Gegründet wurde die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Mecklenburg-Vorpommern bereits im Jahr 2011 von Landesrabbiner William Wolff seligen Angedenkens, Weihbischof Horst Eberlein sowie dem damaligen Schweriner Propst Holger Marquardt. Aufgrund der Pandemie musste die Feier um ein Jahr verschoben worden.

Bei der Feier zum zehnjährigen Bestehen der Gesellschaft stellte sich auch der Theologe Nikolaus Voss als neuer Beauftragter der Landesregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus vor.

Veranstaltungen
Orte
  • Orte
  • Flensburg
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Flensburg-St. Johannis
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Gertrud zu Flensburg
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Marien zu Flensburg
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Michael in Flensburg
    • Ev.-Luth. St. Nikolai-Kirchengemeinde Flensburg
    • Ev.-Luth. St. Petrigemeinde in Flensburg
  • Hamburg
    • Hauptkirche St. Jacobi
    • Hauptkirche St. Katharinen
    • Hauptkirche St. Michaelis
    • Hauptkirche St. Nikolai
    • Hauptkirche St. Petri
  • Greifswald
    • Ev. Bugenhagengemeinde Greifswald Wieck-Eldena
    • Ev. Christus-Kirchengemeinde Greifswald
    • Ev. Johannes-Kirchengemeinde Greifswald
    • Ev. Kirchengemeinde St. Jacobi Greifswald
    • Ev. Kirchengemeinde St. Marien Greifswald
    • Ev. Kirchengemeinde St. Nikolai Greifswald
  • Kiel
  • Lübeck
    • Dom zu Lübeck
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Aegidien zu Lübeck
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Jakobi Lübeck
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Marien in Lübeck
    • St. Petri zu Lübeck
  • Rostock
    • Ev.-Luth. Innenstadtgemeinde Rostock
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Rostock Heiligen Geist
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Rostock-Evershagen
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Rostock-Lütten Klein
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Johannis Rostock
    • Ev.-Luth. Luther-St.-Andreas-Gemeinde Rostock
    • Kirche Warnemünde
  • Schleswig
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Schleswig
  • Schwerin
    • Ev.-Luth. Domgemeinde Schwerin
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Nikolai Schwerin
    • Ev.-Luth. Petrusgemeinde Schwerin
    • Ev.-Luth. Schloßkirchengemeinde Schwerin

Personen und Institutionen finden

Info-Service

0800 5040 602

Montag bis Freitag von 9-18 Uhr kostenlos erreichbar - außer an bundesweiten Feiertagen

Sexualisierte Gewalt

0800 0220099

Unabhängige Ansprechstelle für Betroffene von sexualisierter Gewalt in der Nordkirche.
Montags 9-11 Uhr und mittwochs 15-17 Uhr

Telefonseelsorge

0800 1110 111

0800 1110 222

Kostenfrei, bundesweit, täglich, rund um die Uhr. Online telefonseelsorge.de

Zum Anfang der Seite