„Was hat der Gedenktag zum Holocaust mit mir zu tun?“ – Geschichte erleben – nicht nur erinnern
22. Januar 2026
Der 27. Januar ist mehr als ein Gedenktag. Er stellt uns Fragen: Wie verbinde ich mich mit der Vergangenheit? Was bedeutet Erinnerung für mich? Das Jüdische Museum in Rendsburg möchte Geschichte lebendig vermitteln. Ein Ort, der nicht belehrt, sondern einlädt: zum Zuhören, Erleben, Verstehen – auch am 27. Januar.
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Am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, legen Politikerinnen und Politiker Kränze nieder, halten Reden oder Schweigeminuten ab. Fragst du dich: Was hat dieses Gedenken mit mir zu tun? Mit meinen Erinnerungen und meinen Familiengeschichten?
Es gibt auch Momente, in denen die Vergangenheit ganz nah ist: Deine Oma erzählt von ihrer Kindheit, und plötzlich siehst du den Milchkrug vor dir, der jahrelang in ihrer Küche stand. Oder du blätterst durch ein altes Fotoalbum deiner Heimatstadt – und merkst: So viel hat sich verändert.
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Die Erzählungen unserer Eltern und Großeltern prägen uns, knüpfen an unser Leben an – geben uns aber nicht immer die Antworten, die wir auch bräuchten. Antworten auf Geschehnisse aus den Geschichtsbüchern, die uns fern sind. Die zunehmend an Farbe verlieren. Und manchmal fühlt sich die Last der Geschichte sehr schwer an.
Zwischen Erinnern und Verdrängen
Der Beauftragte für den Christlich-Jüdischen Dialog im Ökumenewerk der Nordkirche kümmert sich um die Kontakte zu der Nordkirche zu jüdischen Gemeinden und Einrichtungen.
Der 27. Januar ist kein einfacher Gedenktag. Er ruft jedes Jahr aufs Neue zwiespältige Gefühle in uns wach. Für viele von uns ist das Judentum vor allem als Mahnung präsent – an die Schoa, an das Unfassbare, das niemals vergessen werden darf. Doch die Beschäftigung damit fordert uns heraus, kann schmerzhaft sein. Manchmal möchte man sie am liebsten abschütteln, verdrängen.

Wie Geschichte greifbar wird
Jonas Kuhn ist seit 2019 Leiter des Jüdischen Museums in Rendsburg. Die Frage, wie Geschichte und Erinnerung – die gemeinsame und die persönliche – den Weg zu den Menschen finden, ist eine seiner Kernbeschäftigungen. Er verfolgt sie mit Leidenschaft und großer Überzeugungskraft.
Bei der Neukonzeption der Dauerausstellung, die seit 2023 zu sehen ist, hat er einen konsequent anderen Ansatz als bisher beschritten:
Unsere Hauptzielgruppe sind junge Menschen. Wir beobachten das Verhalten unserer Gäste im Museum und fragen uns, mit welchen Bedürfnissen sie zu uns kommen.
"Und dann ist es unser Weg, nach Möglichkeit auf diese Bedürfnisse einzugehen“, erläutert Jonas Kuhn weiter. „Auf diese Weise hat beispielsweise auch ein Boxsack seinen Weg in die Ausstellung gefunden,“ schmunzelt der Museumsleiter.

Zum Erleben einladen statt zum Konsumieren
Es geht Jonas Kuhn um ein selbst entdeckendes Lernen, um eine Vermittlung über das eigene Erleben statt eines passiven Konsumierens. Dadurch fühlen sich die Gäste wertgeschätzt und gesehen – und nehmen eine positive Erinnerung an den Museumsbesuch mit.
Damit setzen Jonas Kuhn und sein Team auf Vermittlungsmethoden, die nicht belehren, sondern einladen. Doch wie kann das gelingen? Indem es Geschichten von Menschen und Dingen nahebringt. Sie laden dazu ein, die eigenen Beziehungen zur „großen“ Geschichte zu entdecken.

Fragen stellen statt Antworten vorzugeben
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Jonas Kuhn erreicht das beispielsweise, indem er mehr Fragen stellt, als fertige Antworten anzubieten. Am Beispiel einiger Gipsornamente des ehemaligen Tora-Schreins macht er diese Methode deutlich: „Warum hat jemand vor fast 90 Jahren diese Reste nach der Pogromnacht aus der Synagoge gerettet? Worin bestand für diesen Menschen der Wert dieser zerbrochenen Rosetten und Bordüren? Warum hat er sie so lange aufbewahrt und dann 1999 anonym an das Museum gegeben?“
Neugier und Spürsinn sind geweckt. So öffnet sich der Weg zu individuellen Erfahrungen aus der eigenen Erlebniswelt und zu persönlichen Anknüpfungspunkten. Im besten Fall erleben wir uns als Teil der Geschichte. Und merken, dass Erinnerung Quelle für Dialog und Verständnis sein kann.
Brücken bauen: Zwischen Erinnerung, Verantwortung und unserem Heute
Das Museum in Rendsburg ist daher zum einen ein Ort des Bewahrens und Sammelns – und zum anderen ein Ort, der Raum lässt. Um Brücken zu bauen zwischen Erinnerung und Gegenwart, zwischen Schuld und Verantwortung, zwischen Wissen und Begreifen.

Jüdisches Leben heute: Sichtbar, vielfältig, lebendig
Intensiv mit einbezogen in die Konzeption der Dauerausstellung wurden viele externe Personengruppen. Darunter auch Juden und Jüdinnen, die heute in Schleswig-Holstein leben. Denn das Museum will gegenwärtiges jüdisches Leben sichtbar machen – und das abseits der Klischees und der schmerzhaften Vergangenheit. Illustrationen, die an Comics erinnern, Objekte zum Anfassen, ein wohnliches Ambiente helfen dabei.
Und es kommen Jüdinnen und Juden an vielen Stellen im Museum zu Wort, durch Zitate und in Bild- und Tondokumenten. Es geht um Menschen, die ihre Kultur und ihre Werte mit Würde und unangefochten leben wollen – wie wir alle.

Lebendiges Gedenken am 27. Januar 2026 in Rendsburg
Auch bei der Gedenkveranstaltung anlässlich des 27. Januars setzt Jonas Kuhn darauf, Räume zu öffnen – und das im wortwörtlichen wie im übertragenden Sinne. Bei einem Auftakt und an drei Stationen auf dem Stadtgebiet Rendsburgs sind die Teilnehmenden eingeladen, sich selbst mit Objekten und Biografien zu befassen. Kurze Impulse, Bewegung, die eigene Neugier, gemeinsames Erleben und Stille sind einige der Elemente, die das Gedenken tragen.

