So macht eine Stralsunder Initiative jüdisches Leben sichtbar
23. Januar 2026
Lange Zeit war in Stralsund kaum etwas zu sehen von den jüdischen Bürgerinnen und Bürgern, die dort vor der Shoah gelebt haben. Bis ein Hauskauf einer Cellistin 2012 den Anstoß gab, dies zu ändern. Heute organisiert die "Initiative zur Erinnerung an jüdisches Leben in Stralsund" zahlreiche Veranstaltungen, die an das Leben der jüdischen Familien erinnern.
Friederike Fechner und ihr Mann wissen nicht, was auf sie zukommt, als sie 2012 ein verfallenes Haus in der Stralsunder Innenstadt erwerben. Es ist nicht nur der Wiederaufbau eines hanseatischen Bürgerhauses. Sie entdecken auch dessen Geschichte neu: Bei ihren Recherchen zu den Vorbesitzern des Hauses stößt Friederike Fechner auf die Geschichte der jüdischen Kaufmannsfamilie Blach, der das Haus einst gehörte, und bringt in den Jahren darauf weltweit verstreute Nachkommen zusammen.
Angeregt von ihren Begegnungen, gründet Friederike Fechner 2019 die „Initiative zur Erinnerung an jüdisches Leben in Stralsund“. Sie besteht aus Mitgliedern von interessierten Stralsunderinnen und Stralsundern.
Mischung aus Bildungs- und Gedenkprojekten
„Wir haben zum Ziel, die Erinnerung an jüdisches Leben und die Erinnerung daran in Stralsund stärker sichtbar zu machen“, sagt Fechner. Dazu gehören Schulprojekte und Vorträge in ganz Deutschland und auch das digitale Gedenkbuch für die jüdischen Familien in Stralsund während der NS-Zeit.
Es ist unter www.gedenkbuch-stralsund.de abrufbar und jüdischen Familien auf der ganzen Welt eine große Hilfe auf der Suche nach ihren familiären Wurzeln: „Wir haben Kontakte nach Amerika und Australien oder auch nach Südamerika und in die Niederlande“, erzählt Friederike Fechner, die hauptberuflich als Cellistin tätig ist.
80 Stolpersteine sind bereits verlegt
Außerdem vervollständigt die Initiative die Verlegung der so genannten Stolpersteine, die vor den ehemaligen Wohnorten jüdischer Bürger in den Boden eingelassen werden. Dafür werden über den „Verein Historische Warenhäuser Wertheim und Tietz in Stralsund“, mit dem sie eng zusammenarbeiten, Spenden gesammelt. „80 Steine haben wir schon verlegt – das ist die zweithöchste Zahl im Bundesland – rund ein Drittel fehlt uns noch“.
Durch Konzerte und Lesungen will die Initiative eine Lobby in Stralsund schaffen und das Thema „Erinnerung an das ehemalige jüdische Leben in Stralsund“ stärker in die Öffentlichkeit tragen. Zudem ist in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung ein Filmclub in Gründung.
Es geht darum, den Familien wieder einen Namen zu geben
Für die 64-jährige Friederike Fechner ist es „total wichtig, dass die Geschichte immer wieder erzählt wird, damit man verhindern lernt, dass sich Geschichte wiederholt“. Niemand solle sagen können, „das haben wir nicht gewusst“. Motivation für ihre ehrenamtliche Arbeit ist für sie, „den Heilungsprozess zu befördern“. Die jüdischen Familien seien dankbar, „dass den Familien wieder ein Name gegeben wird und dass der Name den Terror überlebt hat“.
