Demokratie braucht Beteiligung – und Menschen mit Haltung
16. Februar 2026
Die Demokratie gerät zunehmend unter Druck. Rechtspopulismus, Nationalismus und Vertrauensverlust in die Politik nehmen zu. Was kann Kirche in dieser Lage beitragen? Im Interview spricht die Präses der Landessynode der Nordkirche, Anja Fährmann, darüber, warum Beteiligung ein Schlüssel ist, warum Zuhören genauso wichtig ist wie klare Kante – und was ihr persönlich Hoffnung gibt.
Nordkirche.de: Was treibt Sie persönlich an, sich für unsere Demokratie stark zu machen?
Anja Fährmann: Ich bin Juristin und Christin. Ich habe auf die Verfassung geschworen: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Und in der Bibel steht: "Der Mensch ist Gottes Ebenbild." Für mich ist das deckungsgleich. Würde ist geschenkt. Nicht verdient. Nicht abhängig von Leistung oder Lebensstil. Das ist für mich der kleinste gemeinsame Nenner menschlichen Zusammenlebens – und das treibt mich an.
Unser Dossier: Demokratie stärken und als Kirche Haltung zeigen
Unsere Demokratie ist nicht selbstverständlich. Sie lebt vom Mitmachen und auch vom Aushalten unterschiedlicher Meinungen. Was kann die Nordkirche tun, um unsere Demokratie zu schützen und zu stärken?
Ein zentrales Merkmal von Demokratie ist Teilhabe. Die Nordkirche ist 2012 aus einem großen Beteiligungsprozess heraus entstanden: mit verfassungsgebender Synode und breiter Mitwirkung auf allen Ebenen. Das schafft Vertrauen. Kirche kann Beteiligung. Teilhabe ist ein Gegengift gegen das Gefühl, dass einem etwas übergestülpt wird.
Und auch auf Gemeindeebene wird Demokratie gelebt: Wir wählen unsere Kirchengemeinderäte. Gremien werden nicht eingesetzt, sondern gewählt. Wahlergebnisse werden veröffentlicht – auch das stärkt Vertrauen.

Die nächste Tagung unserer Landessynode findet vom 19. bis 21. Februar in Lübeck-Travemünde statt.
Die Synode ist unsere größte demokratische Kontaktfläche: Menschen aus Nord, Süd, Ost und West der Nordkirche, Alt und Jung, Frauen und Männer zu gleichen Teilen kommen zusammen, aus den verschiedensten Lebenswirklichkeiten.
Bei unserer kommenden Synode im Februar bieten wir zum Beispiel einen Workshop an, in dem es darum geht, uns stark zu machen für Argumente gegen rechtspopulistische Parolen. Viele kennen das: Man weiß oft erst hinterher, was man hätte sagen wollen. Diese Sprachlosigkeit wollen wir überwinden. So ist Kirche – auf vielen Ebenen – eine demokratiestärkende Institution.
Wie kann Kirche vor Ort, in den Gemeinden in Stadt und Land, demokratiestärkend wirken?
Jede und jeder von uns ist eine kleine Demokratiezelle. In Vereinen, am Küchentisch, auf dem Schulhof: Wenn es in eine falsche Richtung geht, müssen wir widersprechen. Laut und verständlich. Das ist unbequem, aber unsere Pflicht.
Wir haben viele gute Beispiele in der Nordkirche: Projekte, die Dialog fördern, Miteinander stärken, Räume öffnen. Aber unsere größte Chance ist, Menschen zu stärken, damit sie rausgehen – in den Alltag, in den Diskurs, in die Gesellschaft. Mut machen, ein bisschen Trotzkraft.

In diesem Jahr stehen in Mecklenburg-Vorpommern Wahlen an, in Umfragen steigt die Zustimmung für die AfD, sie könnte stärkste Kraft werden. Was bedeutet das für die Stimmung im Land?
Man muss unterscheiden zwischen Medien-Stimmung und Stimmung im Land. In den Medien ist es oft apokalyptisch: Prognosen, Push-Nachrichten, Weltkrisen – alles in einer Dauerschleife. Das heizt auf.
Wenn ich Menschen begegne, höre ich vor allem: Unzufriedenheit mit Politik, Angst vor dem sozialen Abstieg, Sorge um Rente, Krieg, Infrastruktur. Das betrifft alle Schichten – im Osten wie im Westen. Die Frage ist: Warum führt das zur Wahl der AfD, obwohl sie viele dieser Probleme gar nicht löst? Da fehlt uns noch eine wirklich überzeugende Analyse. Und darum ist die erste Aufgabe: zuzuhören. Wirklich zuzuhören – ohne Überheblichkeit, ohne die Attitüde, es besser zu wissen.
Und machen Sie sich Sorgen, dass auch immer mehr Menschen mit nationalistischer Gesinnung in unseren kirchlichen Gremien sitzen könnten?
Wir haben freie und geheime Wahlen. Das ist ein hohes Gut. Formal kann niemandem verboten werden, eine zulässige Partei zu wählen. Aber: Die Grenze ist für mich da zu ziehen, wo Agitation beginnt. In dem Moment, in dem der geschützte Raum dieses Grundrechts, der freien und geheimen Wahl, verlassen wird und versucht wird, Gremien zu zersetzen und zu unterwandern und Parolen zu skandieren, die nicht mit unserem christlichen Menschenbild vereinbar sind.
Die Nordkirche hat eine klare Haltung gegen rassistische, antisemitische, völkische Ideologien. Sie widersprechen der Gottesebenbildlichkeit und der Würde des Menschen. Da ziehen wir eine klare Linie. Gleichzeitig müssen wir fragen: Warum? Warum vertritt jemand solche Positionen – und will zugleich Teil einer Kirche sein, die auf Menschenwürde gründet?
Was würden Sie jungen Menschen mitgeben?
Steh auf. Sei laut. Lerne auszuhalten. Verkämpfe dich nicht in Empörungsspiralen. Schaffe Bündnisse. Deine Stimme zählt. Du machst jeden Tag einen Unterschied. Es gab immer Krisenzeiten. Wir sind sie nur lange nicht mehr gewohnt. Aber: Steh auf für dein Glück – und es wird schon.
Was gibt Ihnen Hoffnung?
Wenn ich in der Synode in 156 Gesichter schaue – Menschen, die ihre Zeit schenken, um an etwas Größerem mitzuwirken. Das ist wie ein Schluck aus einer Hoffnungsquelle. Und da ist noch etwas: In unserem Raum weht manchmal der Geist Gottes. Wenn sich Dinge zum Guten wenden. Wir wollen das Beste – und das spürt man.
Kirche spielt im Alltag vieler Menschen kaum noch eine Rolle. Und das ist eine verpasste Chance. Wir sind ein Gegenentwurf: gegen Empörungsspiralen, gegen Lautstärke als Argument, gegen Tempo statt Tiefe. Da sitzt ein Angehöriger des Militärs neben einem Vollblutpazifisten. Da sitzen ältere Herren neben jungen, sehr selbstbewussten Frauen. Auch wenn es nervt. Auch wenn es schwer ist: Wir stehen dafür, einander auszuhalten – und einander als Ebenbilder Gottes zu sehen.
