Internationaler Frauentag

Ein Herz für Frauen in Afghanistan - Nadia Nashir hilft seit 25 Jahren in ihrer Heimat

Nadia Nashir besucht mehrmals im Jahr die Projekte ihres "Afghanischen Frauenvereins"
Nadia Nashir besucht mehrmals im Jahr die Projekte ihres "Afghanischen Frauenvereins"© epd-bild / Afghanischer Frauenverein

08. März 2017 von Simone Viere

Seit mehr als 40 Jahren lebt Nadia Nashir in Deutschland. Doch ihre ganze Schaffenskraft widmet die 61-Jährige den Mädchen und Frauen in ihrer Heimat. Nashir ist Gründerin und Vorsitzende des "Afghanischen Frauenvereins" in Osnabrück. Am Mittwoch (8. März) hat ihr Bundespräsident Joachim Gauck in Berlin das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Sie erhält die Auszeichnung anlässlich des Internationalen Frauentages gemeinsam mit 15 weiteren Frauen für ihr langjähriges, herausragendes ehrenamtliches Engagement.

Als sie 20 war, kam Nashir nach Deutschland. "Ich habe Medienwissenschaften, Soziologie und Psychologie studiert und als Journalistin und Übersetzerin gearbeitet." 1992 gründete sie zusammen mit zwölf weiteren Afghaninnen den Verein. "Seitdem arbeite ich als Entwicklungshelferin", sagt sie knapp. Bis heute ist sie Vorsitzende, Koordinatorin, Werberin und Spendeneintreiberin. Der Verein hat mittlerweile 450 Mitglieder und Förderer. Doch die große elegante Frau mit den schwarzen langen Haaren erzählt nicht gerne von sich. Lieber berichtet sie von den Menschen in Afghanistan, die ihr so am Herzen liegen.

Investitionen in Bildung und Gesundheit 

Viele Afghaninnen haben in einer vom Verein gebauten Schule gelernt und sind heute selbst Lehrerinnen. Andere bestreiten als Näherinnen den Unterhalt für ihre Großfamilien. "Das ist ein riesiger Fortschritt in einem Land, in dem die Taliban einst Mädchen den Schulbesuch komplett verboten hatten", sagt Nashir. Mittlerweile hat sie sogar viele Männer auf ihrer Seite: "In einem Dorf haben uns die Väter sogar gebeten, ein Gymnasium für ihre Töchter zu bauen."

Der Verein betreibt Schulen und Gesundheitsstationen und investiert in die Wasserversorgung vor allem in ländlichen Regionen Afghanistans. Im Jahr 2015 wurden rund 30.000 Menschen medizinisch versorgt. Aus 500 Brunnen beziehen mehr als 100.000 Menschen frisches sauberes Trinkwasser. In fünf Schulen, zwei Ausbildungsstätten und den Alphabetisierungsprogrammen lernen Tausende Schülerinnen.

Hoffnungsvoller Blick in die Zukunft

Nashir ist es wichtig, den negativen Schlagzeilen aus ihrem Heimatland diese Ausblicke auf eine hoffnungsvolle Zukunft entgegenzusetzen. Bis vor einem Jahr hat ihr dabei Roger Willemsen zur Seite gestanden. Der Moderator und Autor war seit 2006 bis zu seinem Tod im Februar 2016 Schirmherr des Vereins. Wenn die Vorsitzende von ihm spricht, ist sie voll des Lobes und Dankes: "Mit seinem grenzenlosen Einsatz hat er wie kein anderer eine Brücke der Toleranz und des Verstehens zwischen Deutschland und Afghanistan geschlagen."

Nashir: "Die Sicherheitslage ist nirgendwo im Land konstant"

Auch Nashir selbst ist eine nimmermüde Antreiberin. Immer wieder startet sie Nothilfe-Aufrufe, etwa wenn es im bitterkalten Winter in Flüchtlingslagern an Decken und Lebensmitteln mangelt. Mehrmals im Jahr bereist sie die Projekte. Nahezu täglich telefoniert sie mit Lehrerinnen und Helferinnen vor Ort. Seit neuestem riefen immer häufiger verzweifelte, nach Afghanistan abgeschobene Flüchtlinge an. "Das ist doch ein Unding", erregt sie sich: "Die haben dort nichts, keine Unterkunft, keinen Job, keine Sicherheit." Die Sicherheitslage sei nirgendwo im Land konstant.

Mit der westlichen Politik gegenüber Afghanistan ist Nashir oft nicht einverstanden. Durch den übereilten Abzug der Truppen seien Tausende in der Arbeitslosigkeit gelandet. Es werde zu viel in militärische Projekte investiert, anstatt in die Infrastruktur. Entwicklungshilfe berücksichtige zu selten die Gegebenheiten vor Ort.   

"Für die Frauen und Mädchen im Land muss noch viel getan werden"

Nadia Nashir hat ihr eigenes Engagement nie infrage gestellt. "Aber ich bin realistischer geworden, was das Tempo der Veränderungen im Land angeht." Für die Frauen und Mädchen im Land, für ihre Rechte und Chancen müsse noch viel getan werden. "Für sie lohnt es sich, weiterzumachen."

Info

Zum Internationalen Frauentag am 8. März gehen Frauen weltweit für ihre Rechte an die Öffentlichkeit. Erste Anregungen kamen von Frauendemonstrationen ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den USA. Die Startinitiative folgte dann aus der sozialistischen und sozialdemokratischen Arbeiterbewegung vor dem Ersten Weltkrieg: 1910 beschloss die Sozialistische Internationale der Frauen in Kopenhagen, jedes Jahr mit einem Aktionstag den Kampf der Frauen für mehr Rechte und bessere Lebensbedingungen voranzutreiben. 

Bereits im März 1911 gingen rund eine Million Frauen in Deutschland, Dänemark, Österreich-Ungarn und der Schweiz auf die Straßen. Erste Forderung war das Frauenwahlrecht, das in Deutschland 1919 durchgesetzt wurde. Die Frauen kämpften außerdem für kürzere Arbeitszeiten bei gleichem Lohn, niedrigere Lebensmittelpreise, eine regelmäßige Schulspeisung und legalen Schwangerschaftsabbruch.

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