3. Dezember 2023 | St. Petri-Dom in Schleswig

Eröffnung der 65. Aktion „Brot für die Welt“

03. Dezember 2023 von Nora Steen

Predigt Joh. 6, 1

Der Friede Gottes sei mit euch allen!

Wandel säen. Samen in die Erde der Gegenwart streuen. Mit der Möglichkeit rechnen, dass die Früchte irgendwann geerntet werden können. Wenn möglicherweise auch nicht von mir, sondern von denen, die nach mir kommen.

Vor einigen Wochen saß ich mit jungen Theologinnen und Theologen aus unserer Kirche zusammen. Sie sind gerade in der praktischen Ausbildung zur Pastorin, zum Pastor, im Vikariat. Ihr Hauptwunsch: Dass wir in der Kirche im Miteinander der verschiedenen Generationen im Blick haben, dass wir mit unserem Wirken immer auch den Grundstein für die Arbeit derer legen, die nach uns kommen. Dass wir möglicherweise Bäume pflanzen, deren Früchte aber erst die genießen können, die nach uns diese Welt aktiv gestalten werden.

Dieses Bild gefällt mir. Weil es zeigt: Bereit sein, Wandel zu säen, bedarf eines weiten Horizonts. Denn es bedeutet – im übertragenen Sinn –, dass ich nicht nur für den Eigenbedarf anpflanze und nicht nur zum Ziel habe, meine eigenen individuellen Bedürfnisse innerhalb meiner privaten Grenzen zu befriedigen.

Wandel säen. Hin und wieder diese Erkenntnis ins Herz lassen, dass mein persönliches Universum und meine persönlichen Bedürfnisse für mich zwar im Zentrum stehen, für alle anderen acht Milliarden Menschen auf der Welt aber nicht. Und auch unsere individuellen Universen hier im Dom – sie werden nicht in jeder Hinsicht kompatibel miteinander sein.

Wandel säen. Das bedeutet – es geht um mehr als um das Aufrechterhalten meiner persönlichen Komfortzone. Und dass wir weltweit auch dann nicht zu einer guten Zukunft kommen, wenn wir uns einfach damit zufriedengeben, dass da acht Milliarden kleine Universen nebeneinanderher existieren und jeweils um sich selbst kreisen und ihre Vorgärten pflegen.

Rein rational wissen wir das ja längst. So funktioniert gesellschaftliches Zusammenleben nicht. Nicht vor Ort und nicht global. Alles hängt miteinander zusammen. Die Art und Weise, wie ich mein eigenes kleines Universum gestalte, hat Auswirkungen und hört nicht an meinem Gartenzaun auf. Meine Entscheidung, welche Produkte ich einkaufe, was bei mir auf den Teller kommt, hat Konsequenzen für andere. Für die Landwirtschaft hier in Schleswig-Holstein, genauso aber auch weltweit.

Dass rund 800 Millionen Menschen an Hunger leiden – das ist keine Tatsache, mit der wir hier einfach so ruhig weiterleben können innerhalb unserer eigenen kleinen Grenzen.

Und: Natürlich wissen wir das alles. Wie aber geht das – Wandel nicht nur säen, sondern dann auch ganz praktisch umsetzen? Vom Wissen um die Notwendigkeit nach einer raschen Transformation unseres Lebens wirklich ins Tun zu kommen?

Hier ist der Knackpunkt. Nahezu in allen Bereichen unseres Lebens. Egal ob Klimawandel, Ernährungsgerechtigkeit, Flüchtlingspolitik oder die soziale Schere, die auch in unserem Land immer weiter auseinandergeht. Wir wissen, dass es so nicht weitergeht. Dass Wandel nötig ist. Aber: Wir wissen nicht, wie.

Führende Kommunikationsagenturen sagen – ihr müsst Lust machen auf Wandel. Erzählt Geschichten des Gelingens. Gebt positive Beispiele dafür, dass Wandel nicht nur möglich ist, sondern schon geschieht. Hier und jetzt.

Dieser Ansatz gefällt mir. Weil sich immer wieder in der Geschichte gezeigt hat: Aus exemplarischem Handeln – der Salzmarsch in Indien, die erst nur individuellen Proteste gegen Rassismus in den USA – wurden große Bewegungen und führten schließlich zu einschneidenden politischen Veränderungen.

Ich möchte Ihnen heute auch eine solche positive Geschichte eines gelingenden Wandels erzählen. Nur, sie ist nicht aktuell, sondern vor rund 2000 Jahren geschehen. Sie steht in dem Buch, das voll solcher Geschichten ist – in denen Menschen Vertrautes verlassen und sich einlassen auf Neues. In denen Menschen über sich hinauswachsen. Ihren Platz finden. Frieden stiften. Menschen zum Aufbrechen ermutigen und sie dann begleiten, bis zum Ziel. In dem Buch, das von Anfang bis Ende voller Lust und Leiden am Leben, am Lieben ist und das Mut macht, selbst loszugehen: der Bibel. Dem großen Handbuch für Wandel und Transformation. 2000 Jahre alt.

Jesus kommt am Ufer des Sees Tiberias an. Dort warten Menschen auf ihn. 5000 Menschen steht da. Sie warten schon lange. Haben Erwartungen an den, von dem gesagt wird, er könne unheilbar Kranke heilen, Ausgestoßene rehabilitieren. Sie warten, dass endlich was passiert. Dass endlich einer sagt, wie es anders werden kann.

Und: Sie haben Hunger.
Jesus sieht sie. Die vielen. Und fordert seine Jünger, die immer um ihn sind, heraus. Fragt: Wie viel Brot brauchen wir, damit alle hier satt werden? Und was kostet das? Und einer von ihnen, Philippus, rechnet. Und er muss eigentlich gar nicht rechnen, denn er weiß auch so – der Haushalt ist zu knapp. Das wird nicht reichen. Niemals.

Klar also schon im ersten Moment: Auf diesem konventionellen Weg, nach den Gesetzen des Marktes – Kaufen, Nehmen und Geben – ist dieses Problem nicht zu lösen. In Zeiten von drohenden Haushaltssperren nur allzu gut nachvollziehbar.

Und da ist ein Junge. Der hat fünf Brote und zwei Fische. Bedeutsame Zahlen. Fünf Brote – die fünf Bücher Mose, die Thora, die jüdische Bibel. In ihnen steht alles, was wir brauchen, um in Freiheit und Würde zu leben. Und zwei Fische – Der Fisch als geheimes Zeichen für Jesus bei den ersten christlichen Gemeinden. Und die Zahl zwei – die zwei Gesetzestafeln, die Mose von Gott auf dem Berg Sinai entgegennahm. Die 10 Gebote. Die alle Regeln umfassen, die unser Miteinander auf diesem Planeten menschenwürdig machen.

Die Thora und die 10 Gebote also – Worte, die Menschen satt machen. Weil sie für Gerechtigkeit untereinander sorgen und für Würde.
Und dieses Wenige, diese fünf Brote und zwei Fische, dieses Wenige wird verteilt. Hoffnungsbrot könnte man sagen, denn rational betrachtet ist diese Menge ein Witz angesichts des so großen Bedarfs.

Aber: sie sind mehr als genug. Zwölf Körbe an Resten sind übrig. Auch die Zwölf steht natürlich für etwas. Für die zwölf Stämme Israels. Das Gottesvolk. Zwölf ist die Zahl, die sagt: Es ist alles richtig und vollkommen.

Und die Menschen dort am Ufer des Sees Tiberias verstehen sofort: Hier ist etwas geschehen, das die normalen Erwartungen übersteigt. Hier ist ein Miteinander entstanden, das alle satt macht. Und das sogar noch über sich hinauswächst. Gutes im Überfluss. Teilhabe für Alle. Ein Gefühl dafür, wie es sein muss, wenn in unserer Welt alles gut ist.

Ja, diese Geschichte ist ein Gleichnis. Ein Gleichnis, das mit viel Metaphorik spielt. Aber das zugleich zeigt, dass nicht immer der Weg des haushalterisch klaren Denkens, des genauen gegeneinander Rechnens, zum Wandel führt.

Dass es vielmehr manchmal gut ist, der Dynamik unserer Gemeinschaft zu vertrauen. Einfach etwas reinzugeben, so wenig es auch sein mag – ohne genau absehen zu können, was damit geschieht.

Einfach loslegen mit dem Handeln. Darauf vertrauen, dass auch wir als Weltgemeinschaft in der Lage sind, das Visier unserer 7,5 Milliarden persönlichen Universen herunterzulassen und anzuerkennen: Eine gerechte Verteilung von Nahrung gibt es nur, wenn wir das Beziehungsnetz, das uns mit den Bäuerinnen in Kenia und dem Landwirt in Kappeln verbindet, wahrnehmen und sehen: Für den Eigenbedarf zu pflanzen ist schön, aber das reicht nicht. Nicht mehr. Denn die Welt ist komplexer denn je. Und dass fast jedes fünfte Kind weltweit unterentwickelt ist, weil es an ausreichender und gesunder Nahrung fehlt, kann uns nicht kaltlassen, auch wenn es im eigenen Vorgarten sprießt und wächst und die Ernte reichlich ist.

Die 5000 Menschen dort am See Tiberias haben erlebt, wie das gehen kann. Fünf Brote und zwei Fische – und alle wurden satt. Und zwar nicht nur physisch, sondern auch ihre Seele wurde satt. Sie spürten – da hat jemand erkannt, was wir brauchen. Hier werden wir gesehen.

Hier, an solchen Orten, beginnt der Wandel. Und wie wir heute Morgen sehen – das ist keine neue, sondern eine alte Erkenntnis. Mindestens 2000 Jahre alt.

Und ich bin davon überzeugt: Die Möglichkeit, auch im Jahr 2023 den ersten Stein für Veränderungen ins Rollen zu bringen, gibt es auch heute. Aber sie bedeutet: Wir müssen überhaupt noch daran glauben, dass Wandel möglich ist. Und dass er durch zivilgesellschaftliches Engagement beginnt und wir nicht abwarten können, bis die Politik entscheidet.

Natürlich sehe ich auch: Wir sind müde geworden. Die Zeiten stehen nicht gut – die Pandemie steckt uns noch in den Knochen, die so entsetzlichen Kriege vor unserer Haustür mit so wenig Aussicht auf Frieden. Dennoch. Wir werden gebraucht. Abschottung und ein Rückzug ins Private ist nichts, was uns weiterbringt.

Und ich wünsche mir so sehr: Lasst uns weiter Geschichten vom gelingenden Wandel erzählen. Um zu ermutigen, um an der Hoffnung festzuhalten, dass Veränderung möglich ist und dass wir, in unserem kleinen privaten Kosmos, tatsächlich etwas zum Wandel beitragen können.

Geschichten vom Wandel erzählen. Das tut auch die große evangelische Hilfsorganisation Brot für die Welt. Und das ist gut so. Weil wir dadurch hören, was alles anders werden kann in Kenia und anderswo – wenn wir selbst unser Verhalten ändern. Weil wir nur so spüren – Teilen hat nichts mit Verzicht zu tun, sondern Teilen bereichert. Wenn ich weiß, dass auch die, die die Lebensmittel produziert haben, von ihrem Lohn angemessen leben können, schmeckt es mir auch besser.

Wandel säen. Samen in die Erde der Gegenwart streuen. Mit der Möglichkeit rechnen, dass die Früchte irgendwann geerntet werden können. Wenn möglicherweise auch nicht von mir, sondern von denen, die nach mir kommen.

Die Konfis haben gestern in der Backstube beim Bäcker Brot gebacken. Sie erzählen ja auch gleich noch davon. Und vielleicht habt ihr gemerkt, was alles dahintersteckt, bis so ein Brot bei euch zu Hause angekommen ist.

Genauso kann es losgehen mit dem Wandel. Mal über den eigenen Gartenzaun hinausschauen. Brot backen. Merken, dass die Welt ist größer als das, was ich selbst in meinem kleinen Leben davon wahrnehme.

Dafür steht Brot für die Welt – das Hilfswerk der evangelischen Kirchen für weltweite Entwicklungszusammenarbeit.

Und es ist gut und hilfreich, heute am 1. Advent wach zu werden dafür, dass unsere Welt nur dann eine gute Zukunft hat, wenn wir die globalen Folgen unseres Handelns hier vor Ort nicht aus dem Blick verlieren. Und mehr noch, wenn wir zulassen, dass diese Tatsache unser Herz und unseren Verstand erreicht und wir nicht unberührt bleiben.

Wandel – eine Änderung unseres Verhaltens – das gibt es nur, wenn unser Herz erkannt hat: So wie es ist, kann es nicht weitergehen. Berechnungen, Strukturveränderungen allein – so wichtig sie natürlich sind – reichen nicht. Politische Entscheidungen reichen nicht, wenn sie von der Gesellschaft, von uns, nicht mit Leben gefüllt werden. Es braucht uns!

Und, es braucht noch etwas anderes. Und hier kommen wir zu einer Kernbotschaft des christlichen Glaubens: Es braucht Vertrauen. Ohne Vertrauen darauf, dass es anders werden kann, wird Wandel nicht gelingen. Ohne das Vertrauen der 5000, dass da am Ufer des Sees Tiberias irgendwas geschehen wird, was ihr Leben möglicherweise für immer verändern könnte und sie deshalb einfach losgegangen sind dorthin – ohne genau zu wissen, was sich da ereignet, wäre diese Geschichte mit den fünf Broten und zwei Fischen nicht geschehen.

Ohne Vertrauen geht es nicht. Vertrauen darauf, dass eine gerechte Verteilung von Nahrungsmitteln kein Wunschtraum bleibt, sondern Wirklichkeit werden kann – denn ist ja genug für alle da, würden wir es gerecht verteilen.

Losgehen. Unsere eigenen Geschichten vom Wandel schreiben. Im Vertrauen darauf, dass wir das Rüstzeug dafür haben. Dass Veränderung möglich ist. Dazu helfe uns Gott.
Amen

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