Rassismus

Internationaler Tag gegen Rassismus: Ein Thema für Kirche?

Rund um den Internationalen Tag gegen Rassismus, am 21. März, finden bundesweit die Internationalen Wochen gegen Rassismus statt mit zahlreichen Veranstaltungen und Kampagnen.
Rund um den Internationalen Tag gegen Rassismus, am 21. März, finden bundesweit die Internationalen Wochen gegen Rassismus statt mit zahlreichen Veranstaltungen und Kampagnen.© Stiftung gegen Rassismus

19. März 2023 von Claudia Ebeling

Am 21. März ist der "Internationale Tag gegen Rassismus". In der Bahn, im Supermarkt oder vor Clubs: Menschen mit einer dunkleren Hautfarbe oder dunkleren Haaren sind jederzeit rassistischen Angriffen ausgesetzt. Ist das ein Thema für die Kirche? Und welche Aufgabe hat die Kirche hier?

Unter dem diesjährigen Motto "Misch Dich ein" engagieren sich zahlreiche Organisationen und Gruppen zwei Wochen lang bis zum 2. April gegen Rassismus. Das Diakonische Werk Schleswig-Holstein ruft unter #BewegtGegenRassismus zu einer Social Media-Aktion auf. Die bundesweite Eröffnung der "Internationalen Wochen gegen Rassismus" findet in Schwerin statt.

"Natürlich ist Kirche kein rassismusfreier Ort. Auch in den kirchlichen Strukturen und Einrichtungen werden rassistische Erfahrungen gemacht", sagt Nicolas Moumouni, Referent für Interkulturelle Kirchenentwicklung der Nordkirche.

Nicolas Moumouni hat im Januar sein Amt angetreten. Seine Aufgabe ist es, die Nordkirche zu einer offenen Kirche für alle Menschen, unabhängig von ihrer Sprache, Kultur, ihrer Herkunft oder religiösen Tradition, zu führen.

Nicolas Moumouni, Referent für Interkulturelle Kirchenentwicklung
Im Januar hat Nicolas Moumouni sein Amt als Referent für Interkulturelle Kirchenentwicklung angetreten. Seine Stelle ist Teil des Gesamtkonzeptes der Nordkirche, eine offene Kirche für alle Menschen zu sein.© privat

Eine Kirche für alle Menschen sein

Mitglieder, Gremien und Mitarbeitende der Nordkirche sind nicht vielfältig. Und das, obwohl auch die Nordkirche den Anspruch hat, eine Kirche für alle Menschen zu sein. Dabei leben Christinnen und Christen aus anderen kulturellen und ethnischen Kontexten seit vielen Generationen hier.

Dennoch kommen sie so gut wie nicht in die Gottesdienste nordkirchlicher Gemeinden, engagieren sich fast nie in deren Gruppen oder Kirchengemeinderäten, lassen ihre Kinder selten von nordkirchlichen Pastor:innen taufen oder ihre Angehörigen von ihnen beerdigen. 

"Rassismus – ob bewusst oder unbewusst – ist auch in der Nordkirche einer der Gründe dafür", sagt Nicolas Moumouni. Nur viel zu lange wurde oder konnte nicht öffentlich darüber gesprochen werden. Dies will er jetzt verändern: "Kirche muss aus meiner Sicht dringend handeln. Sie muss „Schutzräume“ für alle ihre Mitglieder und Besucher:innen bieten. Und es geht auch um Verantwortungsübernahme."

Vier Fragen an Nicolas Moumouni

Ist unsere Nordkirche für Christinnen und Christen mit Migrationsgeschichte nicht attraktiv? Warum?

Bereits als Referent für Migration und Integration bei der Diakonie setzte ich mich angesichts der migrationspolitischen Realitäten für eine einladende Kirche ein. Die Nordkirche und ihre vielen Einrichtungen sind den Christ:innen mit Migrationsgeschichte auf ihrem Gebiet gut bekannt und umgekehrt auch. Die Nordkirche ist Teil der aufnehmenden Gesellschaft und verfügt über die Ressourcen, die Christ:innen mit anderer Sprache und Herkunft dringend nötig haben.

Eine Willkommenskultur im Sinne von Powersharing durch Raumnutzung und Zugang zu Ressourcen findet leider nicht wirklich statt. Ich höre immer wieder „gute Gründe“ für ein Nebeneinander anstelle eines Miteinanders.

Außerdem hat es die Nordkirche aus meiner Sicht versäumt, die auf ihrem Gebiet geborenen Kinder mit Zuwanderungsgeschichte durch konkrete Angebote systematisch mit zu denken und einzubinden.

Können Sie die dringendsten Dinge nennen, die sich ändern müssen?

Wenn ich Schlüsselentscheidungen in der Nordkirche treffen könnte, würde ich als erstes jetzt schon auf gezielte Kampagnen setzen, die BiPoC in den Mittelpunkt stellen und aktiv ansprechen mitzugestalten. Kirche ist nicht nur ein Ort für Verkündigung, sondern auch mit ihren Diensten und Werken eine sehr große Arbeitgeberin.  

Zum zweiten sollte sich die Nordkirche mit ihren eigenen Strukturen auseinandersetzen. Das fängt gerade erst an. Die eigene Belegschaft muss dabei besonders in den Blick genommen werden: Sprechen wir vielleicht unbewusst nur die gleichen an? Was ist mit den wenigen BiPoC in unseren Reihen? Welche Aufgaben übernehmen sie und gibt es Räume, wo sie über ihre Erfahrung in kirchlichen Räumen als Lernraum reden dürfen?  Wird ihnen überhaupt zugehört?

Mir ist außerdem bekannt, dass viele internationale Gemeinde händeringend nach Räumen suchen. Kann die Nordkirche mit ihren 1900 Kirchengebäuden solidarisch sein – auch wenn als Vermieterin?

Welche Aufgaben möchten Sie als erstes umsetzen?

Zunächst möchte ich in den kommenden Monaten Fortbildungen für kirchliche Mitarbeitenden entwickeln, auf bestehende Angbote hinweisen und interessierte Einrichtungen beraten. Erste Anfragen von einigen Kirchengemeinden liegen mir auch bereits vor.

Eine Gemeinde möchte beispielsweise für ihre 80 Konfirmand:innen ein Antirassismustraining im Unterricht aufnehmen und hat aber Angst, ob es gut im Kollegium selbst ankommt. Das zeigt mir, dass wir die Hauptamtlichen bei diesem Thema mitnehmen müssen. Vielleicht sollten sie zunächst geschult werden, bevor die Konfis daran sind.

Rassistische Strukturen sind historisch gewachsen und die eigene Sozialisation hat massiv dazu beigetragen, dass wir unsere eigenen Privilegien nicht immer wahrnehmen und reflektieren können. Eine interkulturelle Kirchenentwicklung bedeutet auch, Rassismus zu verlernen und an unserer eigenen Sprache zu arbeiten, damit wir keine Rassismen in unseren Gemeinden reproduzieren und dadurch Menschen verletzen und ausschließen.

Ein gemeines Lernen ist möglich und dringend nötig – auch gelegentlich in unterschiedlichen Räumen.

Was ist Ihre Vision für die Nordkirche in zehn oder 20 Jahren?

Meine Vision für die Nordkirche in 10 oder 20 Jahren sollte sich nicht nur an Zahlen, sondern auch der qualitativen Arbeit messen lassen. Ich wünsche mir Pastor:innen und kirchliche Mitarbeitende, die rassismus- und machtkritisch noch mehr Handlungssicherheit in einer pluralen Gesellschaft haben.

Das Thema Rassismus ist kein Tabuthema mehr in der Nordkirche und sie positioniert sich immer und deutlich dagegen – auch in eigenen Reihen. Ich würde mich auch freuen, wenn es noch mehr Pastor:innen mit Zuwanderungsgeschichte in der Nordkirche gibt.

Stellen wie meine sollten auf EKD-Ebene systematisch und dauerhaft implementiert werden.  

Nordkirche auf dem Weg: Interkulturelle Öffnung

Alle Informationen zum Prozess der Interkulturellen Kirchenentwicklung auf unserer Website: www.nordkirche-interkulturell.de

Im Jahr 2017 hat die Erste Kirchenleitung der Nordkirche ein Grundsatzpapier zur Interkulturellen Öffnung beschlossen und einen mehrjährigen Prozess angeschoben. Nach zahlreichen Workshops, Befragungen und der Arbeit von Qualitätszirkeln in neun Themenfeldern steht nun ein Gesamtkonzept, das die Kirchenleitung im Januar 2022 verabschiedet hat. Eine der beschlossenen Maßnahmen war die Einrichtung der Stelle von Nicolas Moumouni.

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