24. Februar 2018 | Dom zu Lübeck

Kinderbeteiligung verändert Nordkirche

24. Februar 2018 von Kirsten Fehrs

Himmelsblicker-Konferenz, Impuls auf der „Konferenz Kinderbunte Nordkirche“

Liebe Schwestern und Brüder,

ich hebe meine Augen auf, so beginnt der älteste Segenspsalm in der Bibel. Ich hebe meine Augen auf und grüße alle Himmelsblicker hier und heute – großartig, was an diesem Ort schon geschehen und entstanden ist.

Himmelsblicker - es geht zuallererst um Perspektivwechsel. Einen organisierten Perspektivwechsel. Ein Von-unten-herauf, ein Andersherum, ein Umgekehrt, weg vom Klein-klein ins große Ganze. Ich behaupte: Genau das ist Inhalt unseres Glaubens. Den Himmel für wahr halten, auch wenn‘s im Alltag mal unterirdisch zugeht. Immer das Weite suchen inmitten mancher Herzensenge und Angst. Die Verheißung erhoffen auch inmitten bedrückender Weltenbotschaften.

Perspektivwechsel also. Jedes Jahr im Dezember freue ich mich auf den Besuch der Kinderbischöfe. Und der Kinderbischöfinnen. (Hier ist – das ist schon mal das erste - das Genderthema hervorragend zufriedengestellt: Meist kommen in die Bischofskanzlei mehr Damen als Herren). Sie sind charmant, interessiert, klug und keksaffin. Vor allem aber haben sie ein Herzensanliegen. Und Sendungsbewusstsein. Um Flüchtlinge, hochaktuell, ging es ihnen 2015. Wie sie leben und warum sie geflohen sind und wie man teilen kann, was man hat – und die Kinderbischöfe waren berührt davon, was sie gesehen und gehört haben. Das können sie nämlich besonders gut: hinhören. Und verstehen, was jemand wirklich braucht. Eine selten gewordene Gabe in dieser Zeit der Zutexter. Und so haben sie prompt einen Spielplatz für die Flüchtlingsunterkunft organisiert. Und damit den damaligen Sozialsenator nachdenklich gemacht. Und ob ihrer kritischen Nachfragen sogar ein kleines bisschen ärgerlich, wie er mir gestand, wenn auch lachend.

Um Müll – und wie man ihn verhindern kann, ging es den anderen Kinderbischöfen 2017. Und die Kibis, wie man sie auch nennt, schauten ein wenig streng auf meinen Naschteller mit all den kleinen, einzeln eingepackten Müsliriegeln. Es ist viel zu viel, was wir wegwerfen, sagen sie. Und ich fühle mich ein wenig ertappt… Unnötige Verpackung, unnötige Verschwendung, sagen sie. Mit dem, was der Supermarkt an der Ecke täglich wegwirft, kann man hundert Menschen mit einem Drei-Gänge-Menü versorgen. Und dann diese Achtlosigkeit, seinen Müll überall zu fallen zu lassen und die Welt der anderen zu vermüllen… Es ging ihnen nicht allein um Umweltfragen, sondern auch um Schöpfungs-Ästhetik. Schönheit zu würdigen – und zu pflegen – ist ein Sozialfaktor, sagen sie. Bitteschön, noch Fragen?

Das ist nichts weniger als Weltverantwortung. Weltverantwortung der Kleinen. Nachhaltig, eindeutig, ein wenig kompromisslos auch. In jedem Fall gegenwärtig. Es zählt nicht, was gestern war oder morgen sein könnte, es zählt das Jetzt. Die Tat. Die Idee. Das Sein. Die Unmittelbarkeit. In der Liebe. Und im Streit.

Kein Wunder, dass dort, wo Kinder aktiv in unserer Kirche mitbestimmen, Leben in die Bude kommt. Ob Kinderkantorei, Kindergottesdienst, Kinderkonferenzen – Kinder lösen immer etwas aus: Bewegung oder Schmunzeln oder auch Unsicherheit – und ganz oft eine Freude, die alles andere ist als oberflächlich. Denn es wird ja immer auch ein bisschen die gute alte Madame „Ordnung“ aus ihrer Behäbigkeit aufgeweckt.

Für mich ist das symbolisch verdichtet hier genau an diesem Ort, im Lübecker Dom, erlebbar. Sonntags nämlich werden die Kinder gleich zu Beginn des Gottesdienstes freundlichst begrüßt und ziehen fröhlich zu ihrem Gottesdienst nebenan aus, um die Erhabenheit von Kirchraum und Orgelklang mit Leichtigkeit und Spiel einzutauschen. Und dann, das ist immer eine besondere Zäsur, die man genau merkt – dann kommen sie zum gemeinsamen Abendmahl zurück, fröhlich schnatternd und mit ihrem gebastelten Bartimäus im Arm, durchaus auch mit lautem Lachen inmitten der Liturgie mit ihrem heiligen Ernst. Für die einen eine humorige Störung, für die anderen eher anstrengend. Denn dieser Einzug der Kleinen ist eben auch provozierend im Wortsinne: die Kinder rufen heraus aus dem liturgischen Geborgenheitsgefühl des immer Bekannten. Sie rufen sozusagen ihr spontanes Halleluja mitten ins andächtige „Christe, du Lamm Gottes“. Und sie geben damit einen elementaren theologischen Impuls: Die Kinder erinnern uns nämlich, dass es für die Gemeinde Jesu Christi konstitutiv ist, dass Halleluja und Todesnot, Liebe und Schmerz zusammen gehören, dass also Kreuz und Auferstehung nur aufeinander bezogen geglaubt werden können. Und dass ergo in jeder Gemeinde Lebensangst und Lebenshunger, Troststillle und Hoffnungslied, Kleinglaube und Großherzigkeit ganz eng nebeneinander sitzen in einer Kirchenbank. Gleichberechtigt.

Die Störung durch die Kleinen, die uns zum Eigentlichen führt – dazu gibt es eine wunderbare biblische Geschichte im Matthäusevangelium im 21. Kapitel:

 14 Und es gingen zu Jesus Blinde und Lahme im Tempel und er heilte sie. 15 Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich 16 und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? Jesus antwortete ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Psalm 8,3): »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«?

Erstens: Die Kinder hier haben eine Stimme. Und wie. Unüberhörbar. Doch sie sind nicht etwa laut aus Disziplinlosigkeit! Sondern vor lauter Glück. Es singt die Seele, nicht der Kopf!

Und die Hohepriester und Schriftgelehrten, sie, die auf Tradition halten und das Heilige gern in stiller Würde feiern, empören sich. Auch innere Sammlung und Meditation haben ihr Recht, sagen sie – und ich kann auch sie verstehen.

Zweitens: Jesus sieht das anders. Er verteidigt die kindliche Stimme, gibt ihr gar Vorrang vor allem anderen! Sie, die Unmündigen!, bereiten das wahreGotteslob, zitiert er aus dem Psalmgesängen Israels. Denn Kinder drücken aus, was sie just in diesem Moment erfahren oder besser: fühlen. Das ist unverstellt. Wie nur Kinder es vermögen. Zwischen Glaube und das ehrliche Gefühl passt kein Blatt Papier.

Deshalb sind es – drittens – auch die Kinder, die überhaupt in der Lage sind, die Wunder, die da geschehen, zu erfassen. Sie merken, wie um diesen Jesus die Menschen getröstet aufatmen. Wie sie wieder sehen und gehen können und ihren Kopf an seine Schulter lehnen. Da ist auf einmal so viel Vertrauen. Und von Vertrauen, da verstehen Kinder wahrlich etwas! Registrieren feinfühlig, wenn es da ist, aber auch, wenn es fehlt. Deshalb sind Kinder Seismographen für unseren Vertrauensraum „Kirche“ – und allemal zu hören. Mit ihrer Stimme. Wie immer sie sich artikuliert.

Also viertens – Kinder brauchen Raum für ihre Stimme. Gar nicht immer so einfach, wie das genau stattfinden kann. Und wie ihre Stimme gehört, verstanden und in Konzepte übersetzt werden kann. Man braucht so etwas wie Kinderübersetzer. Leute auch wie Sie und Ihr, die Kindes Stimme in Bilder, Artikel, Geschichten bringen und veröffentlichen. Damit laut wird, Hosianna!, was sonst viel zu leise bleibt und viel zu verborgen. Nein, herausgestellt, aufgeblättert, veröffentlicht das Kinderbunte! Wie sonst sollte sich unsere Kirche reformieren, Heimat werden für die, die unsere Zukunft sind? 

Denn schließlich: Heimat, das ist unsere Kirche für die Kinder ganz schnell, wenn wir sie lassen. Sie lieben ihre Kirche, wenn sie sie einmal erobert haben. Identifizieren sich mit ihr. Ganz beeindruckend habe ich das jüngst von unserem Ratsvorsitzenden Bedford-Strohm gehört. Der hatte nämlich das Vergnügen, in Bad Doberan eine Kirchenführung vom 12-jährigen Fiete mitzuerleben. Faszinierend, sagt er, wie Fiete uns erwachsene Kirchenkenner ins kindliche Staunen versetzt hat. Wir haben Dinge gesehen, die wir sonst nie beachtet hätten. Glückliche Schwäne, überraschende Holztüren und: grüne Blätter am Kreuz. 

Perspektivwechsel at it‘s best - Heute gab‘s viele Workshops dazu, Energien und Synergien und bestimmt jede Menge guter Ideen. Ich bin gespannt, was alles daraus wird, als Schirmherrin allemal. Ich danke allen Himmelsblickern für ihr Engagement, danke euch allen für den Mut, in weites, bestimmt auch unbekanntes Land zu reisen, Seitenwechsel aller Art zu probieren und mit Fiete und so vielen anderen Kindern den Perspektivwechsel und Partizipation zu wagen.

Hoffen wir, dass Kirchengemeinderäte, Kirchenleitungen und Synoden sich davon anstecken lassen!  Und ihrerseits sagen: Ich hebe meine Augen auf – und so geht der alte Psalm weiter: Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Heißt doch auch: Er segnet uns, die wir den Himmel in diese Welt hineindenken und hineinlieben. Er schläft und schlummert nicht und hält dich, Kind Gottes, in seiner Hand. Was für eine himmlische Aussicht! Er behütet deine Seele. Dein Denken, Fühlen, Gehen. Eben: unseren Ausgang und Eingang. Damit wir in Bewegung bleiben in unserer Nordkirche! 

 

 

Datum
24.02.2018
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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