Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt im Interview

"Nur eine offene Kirche wird dem Evangelium und dem Willen Jesu gerecht"

Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt beim Open-Air-Gottesdienst zu Himmelfahrt (2023) in Carpin.
Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt beim Open-Air-Gottesdienst zu Himmelfahrt (2023) in Carpin.© Theresa Lange

27. Mai 2023 von Kay Müller

Im Pfingst-Interview für die Zeitungen des Schleswig-holsteinischen Zeitungsverlages (sh:z) spricht Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt mit Schleswig-Holstein-Reporter Kay Müller über Pfingsten als das Fest der Verständigung, eine offene Kirche und wie die Gesellschaft künftig Angebote finanzieren kann, die Gemeinschaft, Sinnstiftung und Verbundenheit stärken.

Frau Kühnbaum-Schmidt, wir feiern Pfingsten. Aber viele Menschen verbinden damit gar nichts Kirchliches mehr, sondern freuen sich über "Viel frei im Mai". Sie auch?

Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt: Ich finde es schön, dass die Pfingstfesttage für viele Menschen eine heilsame Unterbrechung ihres Alltags sind. Damit sind sie für alle wichtig. Und darum geht es an Pfingsten: um Gemeinschaft und um Verständigung.

Kommen an Pfingsten mehr Menschen in die Kirchen?

Feiertage sind für viele eine willkommene Gelegenheit, Gemeinschaft und Verbundenheit zu erleben. Es gibt immer weniger öffentliche Orte, an denen das möglich ist - ganz ohne Eintritt. Unsere Kirchen sind solche Orte.

Pfingstrosen auf der Wiese
Im Frühsommer blühen die Pfingstrosen in den Gärten.© iStock

Aber immer mehr Menschen benutzen die Kirche als professionellen Dienstleister – etwa zu Hochzeiten oder Beerdigungen, auch wenn sie nicht zahlendes Mitglied sind...

in der Tat, wir sind Profis. Denn wir sind Expertinnen und Experten für Lebensbegleitung – insbesondere an den Übergängen, wie bei Geburten, Hochzeiten oder bei Sterben und Tod. Dass das auch Menschen schätzen, die nicht Mitglieder der Kirche sind, ist ein Zeichen für die hohe Qualität unserer Arbeit.

Es gibt Anbieter, wie etwa Trauerredner, die sich ihre Dienste entlohnen lassen. Bei der Kirche gibt es das umsonst. 

Was das angeht, sind wir in einer herausfordernden Situation. Es gibt viele Menschen, die bei uns Trost, Bestärkung und Hoffnung für ihr Leben suchen und erfahren. Aber nicht alle wollen sich zugleich dauerhaft mit einem verbindlichen finanziellen Beitrag an die Kirche binden. In Deutschland ist Kirchenmitgliedschaft mit Kirchensteuer verbunden. Wegen dieser besonderen Situation brauchen wir hier die nicht ganz einfache Diskussion, welche Formen der Mitgliedschaft und der Teilhabe es in der Kirche vielleicht noch geben könnte.

Was wäre Ihr Vorschlag für eine „Kirchenmitgliedschaft light“?

Ich spreche mich nicht für eine Kirchenmitgliedschaft „light“ aus. Stattdessen würde ich gern überlegen, wie wir als Gesellschaft Angebote finanzieren, die Gemeinschaft, Sinnstiftung und Verbundenheit stärken. Es gibt in anderen Ländern die Idee einer Kultursteuer. Dort entrichten alle Bürgerinnen und Bürger einen bestimmten prozentualen Anteil ihres Einkommens für kulturelle Zwecke. Wir solltendiskutieren, welche Chancen dieses Modell für Gesellschaft und Kirche in unserem Land bieten könnte. In diesem Modell könnten sowohl Kirchenmitglieder als auch Nichtmitglieder unser Engagement finanziell unterstützen.

Der Schweriner ist eines der frühesten großen Beispiele backsteingotischer Architektur, hier vom Seeufer in der Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommern aus gesehen.
Der Schweriner ist eines der frühesten großen Beispiele backsteingotischer Architektur und Predigtstätte von Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt.© fermate, iStockphoto

Aber wäre es nicht einfacher und fairer, die zur Kasse zu bitten, die die Dienstleistungen und Räume der Kirche nutzen? Dann könnten Sie an Bundesfinanzminister Christian Lindner, der nicht in der Kirche ist, eine Rechnung über sagen wir mal 5000 Euro schicken, weil er in der Kirche auf Sylt geheiratet hat...

...zu dem Namen würde der Betrag vielleicht passen. Aber passt er auch zu Ihrer Nachbarin von gegenüber?

Man kann den Betrag ja auch an das Einkommen anpassen...

… ich kann Ihre Logik nachvollziehen. Das ist aber nicht die Logik des Evangeliums. Die frohe Botschaft unseres Glaubens richtet sich an alle Menschen, unabhängig davon, über wieviel Geld sie verfügen. Was die Offenheit unserer Amtshandlungen wie z.B. Trauungen für Nicht-Mitglieder angeht, sind wir derzeit in einer Erprobungsphase. Nach deren Abschluss werden wir gut analysieren, was angemessen und zukunftsfähig ist.

Es gibt ja aber immer weniger Leute, die Mitglied in der Kirche sind, und Sie haben doch auch Kosten, die Sie decken müssen. Alles wird gerade im Moment teurer, aber bei der Kirche bekommt man noch Hochzeiten umsonst? Das kann sich doch auf Dauer nicht für Sie rechnen?

Weitere Informationen zur Kirchensteuer

Die Sehnsucht vieler nach Segen dürfen wir durch Gebühren nicht unerfüllbar werden lassen. Stattdessen gilt es, Blockaden abzubauen, damit Menschen den Weg zu uns finden. Sicher muss das finanziert werden. Wenn Menschen Kirche als auch für sie offen und segensreich erleben, werden sie sich an dieser Willkommenskirche auch finanziell beteiligen. Sei es mit Spenden, einer traditionellen Mitgliedschaft oder Fundraising für ganz konkrete Projekte. Die Entwicklung insgesamt scheint in Richtung einer Mischfinanzierung zu gehen.

Gibt es ein Zeitfenster, wann die Nordkirche damit fertig sein will?

Wir haben uns darauf verständigt, dass wir bis zum Abschluss dieser Synodalperiode Ende 2024 weiter sein wollen. Dann müssen die Dinge klarer sein, als sie es jetzt sind – auch wenn ich meine, dass für die Menschen anderes wichtiger ist.

Wie meinen Sie das?

In erster Linie wünschen Menschen sich, dass wir da sind, wenn sie uns als Kirche brauchen. Wie wir das intern organisieren, ist für sie weniger relevant. Ich vergleiche das mal mit einer Arztpraxis: Wenn ich krank bin, möchte ich behandelt werden – und zwar gut. Wir als Kirche müssen uns noch besser darauf einstellen, was Menschen brauchen. Deshalb müssen wir noch gezielter dorthin gehen, wo sie sind. Unabhängig davon, ob sie Kirchenmitglied sind.

Deswegen soll die Kirche weiter offen für alle sein?

Nur eine offene Kirche wird dem Evangelium und dem Willen Jesu gerecht. Die frohe Botschaft Gottes richtet sich an alle Menschen. Das aber geht nicht, wenn wir beispielsweise den Gottesdienst an Heiligabend nur mit Mitgliedern feiern würden – oder nur mit Menschen, die dafür Eintritt zahlen. Unser Auftrag ist es, die gute Botschaft der Liebe und Barmherzigkeit Gottes nicht hinter verschlossenen Türen weiterzugeben, sondern öffentlich und für alle. Das wünschen auch sehr viele unserer Mitglieder.

Die Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt
Die Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt© S. Hübner/Nordkirche

Dann wünsche ich Ihnen frohe Pfingsten.

Ein gesegnetes Pfingstfest wünsche ich Ihnen auch. Pfingsten ist ein Fest der Verständigung, das daran erinnert: Menschen mit unterschiedlicher Sprache und Herkunft verstehen sich, wenn sie aus einem Geist heraus leben. Für den christlichen Glauben zeigt sich das im gemeinsamen Engagement für Gottes Liebe, Barmherzigkeit, Frieden und Gerechtigkeit. Das feiern wir an Pfingsten - und gern mit allen gemeinsam.

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