Gedenken

Lübecker Brandanschlag vor 30 Jahren: Das ungesühnte Verbrechen

Vor 30 Jahren verloren 10 Menschen ihr Leben bei einem Brandanschlag in Lübeck. Die Tat wurde nicht aufgeklärt. Der Schmerz der Angehörigen ist unbeschreiblich.
Vor 30 Jahren verloren 10 Menschen ihr Leben bei einem Brandanschlag in Lübeck. Die Tat wurde nicht aufgeklärt. Der Schmerz der Angehörigen ist unbeschreiblich. © Pexels, Pixabay

15. Januar 2026 von Nadine Heggen

Am 18. Januar 1996 wurde in Lübeck ein Asylbewerberheim angezündet. Sieben Kinder und drei Erwachsene starben. 38 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Bis heute wurde dafür niemand verurteilt. Mit mehreren Gedenkveranstaltungen wird an die Opfer des Verbrechens erinnert.

Ein weißer Granitblock am Lübecker Hafenrand erinnert noch an die Opfer des schweren Brandanschlags vor 30 Jahren. Zehn Menschen kamen ums Leben, als am 18. Januar 1996 das Asylbewerberheim Hafenstraße 52 in Flammen aufging. Viele weitere wurden verletzt. 

Überlebende stehen unter Schock

Die seelischen Wunden, die diese Tat hinterließ, sind noch heute spürbar. Einer, der sich an die Nacht der Katastrophe erinnert, ist Abdulla Mehmud vom Lübecker Flüchtlingsforum.

Der heute 65-Jährige hatte mit seiner Familie eine Zeit lang in der Nähe des Asylbewerberheims gewohnt und besonders zu den arabisch sprechenden Bewohnern guten Kontakt. „Unsere Kinder hatten oft zusammen auf der Straße gespielt. Plötzlich waren einige von ihnen tot und die Rettungskräfte zählten mir die Krankenhäuser auf, in denen die Überlebenden lagen. Es war ein Schock“, sagt der gebürtige Iraker dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Gedenken

Am 18. Januar, 12 Uhr, sind alle Menschen eingeladen, Blumen für die Getöteten am Gedenkort Hafenstraße niederzulegen. Auf ausdrücklichen Wunsch der Überlebenden bittet der Verein Hafenstraße 96 jedoch darum, keine Kerzen mitzubringen. 

Bei dem Brandanschlag wurden drei Erwachsene und sieben Kinder und Jugendliche getötet. Sie stammten aus Zaire, Angola, Togo und dem Libanon. Die jüngsten Bewohner des Hauses waren in Deutschland geboren.

Ermittlungen laufen ins Leere

„Für uns ist die Hafenstraße 52 immer noch eine offene Wunde“, erklärt Mehmud. Es sei unfassbar, dass die Tat immer noch nicht aufgeklärt sei.

Die Polizei ermittelte damals in zwei Richtungen. Vier junge Männer aus der rechten Szene aus dem mecklenburgischen Grevesmühlen waren mit ihrem Auto der Marke Wartburg in der Nähe des Tatorts gesehen worden. Sie hatten ein Auto aufgebrochen, und ihre Haare wiesen Brandspuren auf. Politiker, Demonstranten und die ausländische Presse warnten vor einem neuen Rassismus in Deutschland.

Doch die vier hatten ein Alibi. Die angesengten Haare sollten außerdem von einer Hunde-Misshandlung stammen. Man habe den kläffenden „Billy“ mit Haarspray eingenebelt und ihn dann angezündet.

Zeitzeugen gesucht

Bis heute ist die Tat ungesühnt. Der Verein Hafenstraße 96 sucht nun mit der Kampagne #zeitzureden Menschen, die ihr Wissen über den Brandanschlag teilen. Ihre Hoffnung ist, dass so Informationen zusammenkommen, die bei den damaligen Ermittlungen noch nicht bekannt und berücksichtigt wurden. 

Hinweise können an folgende Adresse übermittelt werden: zeitzureden@hafenstrasse96.org. 

Familien sind gezeichnet

„Es ist doch offensichtlich, dass es die vier rechtsextremen Männer aus Grevesmühlen waren. Alle Dokumente sprechen dafür“, ist sich Mehmud sicher.

Jedes Jahr wird in Lübeck der ungesühnten Tat gedacht. In den ersten 25 Jahren sei niemand von den betroffenen Familien zu den Gedenkveranstaltungen gekommen. „Es tat den Angehörigen zu weh. Viele sind enttäuscht von den deutschen Behörden“, sagt Mehmud und erinnert sich an einen Vater, der bei dem Anschlag seinen 17-jährigen Sohn verlor. „Der Mann hatte seine Familie nach Deutschland gebracht, weil er dachte, sie sei hier sicher. Und dann wurde sein Sohn hier getötet.“

Viele sehen Rassismus als Tatmotiv

Auch Mehmud und seine Familie hatten nach dem Anschlag Angst. Zumal nur wenige Monate nach dem Brand Rechtsextreme einen Anschlag auf die Lübecker Synagoge verübten. In Rostock, Mölln und Solingen kommt es in den 1990er Jahren ebenfalls zu rassistischen Brandanschlägen.

Die Termine auf einen Blick

  • 17. Januar, 12 Uhr | Markt Lübeck (Kohlmarkt), Demo 
  • 18. Januar, 12 Uhr | Gedenkort Hafenstraße, Gedenken
  • 18. Januar, 18:30 Uhr | Theater Lübeck, "Schauspiel "Hafenstraße"
  • 24. Januar, 18 Uhr | Geschichtserlebnisraum Roter Hahn Hafenstraße 30,  Film "Tot in Lübeck"
  • 30. Januar, 20 Uhr | Theater Lübeck, Schauspiel "Hafenstraße" 
  • 26. Februar, 20 Uhr | Theater Lübeck, Schauspiel "Hafenstraße" 

Mehmud lebte damals in einem Mehrfamilienhaus in Lübeck-Moisling, die Wohnung lag im vierten Stock. „Ich sagte meiner Familie damals: Wenn unser Haus angezündet wird, schmeißen wir die Matratzen aus dem Fenster und springen“, sagt der Vater von sieben Kindern.

Dazu kam es zum Glück nicht. Dennoch ist Mehmud, der 1988 vor dem politischen Regime im Irak floh, innerlich immer noch auf der Flucht. „Deutschland ist unsere Heimat. Aber dass die AfD in Ostdeutschland so stark ist, macht uns viele Sorgen.“

Trauernde kehren Jahrzehnte nach der Tat zurück

Zu dem Gedenken am kommenden Wochenende rechnet Mehmud mit etwa 300 Menschen. Auch viele Angehörige der betroffenen Familien hätten sich angekündigt, aus England, Belgien und Berlin.

Am Sonnabend ist um 12 Uhr eine Demonstration mit Start am Marktplatz geplant, anschließend lädt Bürgermeister Jan Lindenau zu einem Empfang ins Rathaus ein. Am Sonntag wird um 12 Uhr am Gedenkstein in der Hafenstraße an die Opfer erinnert. Darunter werden auch Vertreter der evangelischen Kirche sein.

Der Wunsch nach Aufklärung bleibt 

Lübecks Pröpstin Petra Kallies sagte im Vorfeld der Gedenkfeier: „Es wäre so sehr wünschenswert, dass Menschen, die vielleicht Kenntnisse haben und bis heute geschwiegen haben, ihr Schweigen brechen und endlich zur Aufklärung beitragen würden. Das macht Tote zwar nicht wieder lebendig, aber es hilft, Angehörigen und betroffenen Personen Frieden finden zu können.“

Auch Mehmuds Sohn Karzan wird eine Rede halten. Als die Unterkunft seiner Freunde in der Hafenstraße angezündet wurde, war er zwölf Jahre alt.

 

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