Ein Workshop für mehr Miteinander

Was helfen kann, um mit Andersdenkenden ins Reden zu kommen

Eine Gruppe von neun Personen findet sich an diesem Sonnabendvormittag ein.
Eine Gruppe von neun Personen findet sich an diesem Sonnabendvormittag ein.© Antje Wendt, Nordkirche

23. März 2026 von Antje Wendt

„Mit Andersdenkenden reden lernen“ – ein Workshop in Flensburg verspricht Wege zu einem konstruktiven Austausch über polarisierende Themen. In kleiner Runde und im geschützten Rahmen. Während der ca. viereinhalb Stunden stehen Übungen mit den richtigen Fragen für eine gute Gesprächsführung im Mittelpunkt.

Unsere Autorin Antje Wendt arbeitet im Bereich Mitgliederkommunikation der Nordkirche. 

Das Workshop-Angebot meines Kirchenkreises und der Stadt Flensburg war mir schon öfter aufgefallen. Nun hatte ich mich endlich zu der Veranstaltung angemeldet. Es soll darum gehen, über wirkmächtige Aussagen ins Gespräch zu kommen. Denn das habe ich schon so häufig erlebt: Eine starke Behauptung steht im Raum und ich bin weder in der Lage, geschickt darauf zu kontern, noch ein konstruktives Gespräch zu beginnen. Das soll sich mit diesem Workshop ändern, nehme ich mir vor.

Der Workshop

In diesem Seminar geht es darum, wie wir mit Menschen mit anderen Überzeugungen respektvoll und selbstsicher kommunizieren können. Die Teilnehmenden üben, wie sie auf Meinungen und Argumente, die nicht ihren eigenen entsprechen, souverän reagieren können. Dabei werden verschiedene, leicht zu handhabende Gesprächsstrategien vermittelt, die auf Methoden der Argumentationstheorie basieren. Das Gelernte wird direkt an konkreten Beispielen und typischen Alltagssituationen ausprobiert und geübt. 

Die nächsten Workshops finden am 29.9. und am 7.11.2026 in Flensburg, Am Ochsenmarkt 40 von 9:30 Uhr bis 14 Uhr statt. Anmeldung und weitere Informationen bei der Erwachsenenbildung des Kirchenkreises Schleswig-Flensburg.

Themen, die Streit entfachen können

Doch schon vor dem eigentlichen Termin gerate ich etwas ins Schwitzen. Als Teilnehmende erhalte ich einen sogenannten „Dissensbogen“. Ihn sollen alle ausgefüllt mitbringen. Der Bogen hat es in sich. Er enthält zwanzig starke Behauptungen, zu denen ich ein klares Ja oder Nein ankreuzen soll. Es geht beispielsweise um die Abschaffung von Bargeld, Schwangerschaftsabbruch, assistierten Suizid, Atomenergie oder die Integration von Zugezogenen. Das sind Themen, über die man sich trefflich in die Haare bekommen kann. Meine Jas und Neins kreuzte ich nur zögerlich an.

Mareike Brombacher und Johanna Bühr leiten sitzen in Saal, in dem der Workshop stattfindet.
Die Referentinnen Mareike Brombacher und Johanna Bühr erzählen, dass der Andrang vor ca. fünf Jahren sehr groß gewesen sei.© Antje Wendt, Nordkirche

Die Referentinnen

Mareike Brombacher ist Referentin für Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Schleswig-Flensburg und bietet regelmäßig in verschiedenen Formaten Themen rund um die Frage „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“ an.

Johanna Bühr arbeitet bei der Stadt Flensburg als Koordinatorin für Integration und Teilhabe mit den Themenschwerpunkten Antirassismus und Antidiskriminierung. Die Organisation und Gestaltung der Internationalen Wochen gegen Rassismus ist eine ihrer Aufgaben.

Große Nachfrage

Die Nachfrage nach diesem Angebot hält ununterbrochen an. Deshalb bieten die beiden Referentinnen es ca. dreimal im Jahr an. Die Expertinnen gestalten den Workshop gemeinsam und haben auch das Konzept im Lauf der Jahre angepasst. Mittlerweile liegt der Fokus im Wesentlichen auf dem Einüben der Gesprächsführung.

Beschriftete Karten liegen auf dem Boden.
Die beschrifteten Karten mit den eigenen Streitzielen liegen vor uns auf dem Boden und bringen uns ins Nachdenken. © Antje Wendt, Nordkirche

Wir üben, mit guten Fragen ins Gespräch zu kommen

Ich fühle mich an diesem Morgen von den beiden Workshopleiterinnen gut abgeholt und motiviert. In der kleinen Runde sprechen wir über „Streitziele“ und darüber, was uns persönlich davon abhält, ins Gespräch zu gehen. Ich weiß selbst, dass mich der Drang nach Harmonie, aber auch die Angst, nicht gut argumentieren zu können, zurückhalten.

Als Kirche stehen wir für ein demokratisches Miteinander. Unsere Themenseite Demokratie stärken

In der von Mareike und Johanna mit sicherer Hand gelenkten „Laborsituation“ steigen wir schnell in die erste Methode ein. Wir sollen üben, unser Gegenüber mit Fragestellungen in eine konstruktive Auseinandersetzung zu führen. Die kleine Liste mit guten Fragen, die wir alle erhalten, verblüfft mich. So einfach soll das sein? Es sind Fragen wie: Warum denken Sie das? Können Sie das näher ausführen? Was genau meinen Sie mit XY? Woher haben Sie diese Information? Aber auch persönliche Fragen wie: Wo betrifft Sie das persönlich? Welche Ereignisse waren mit Blick auf das Thema für Sie prägend?

Von der Theorie in die Praxis – nicht ganz einfach

Mit der Liste vor Augen starten wir in die erste Kleingruppenarbeit und werden sofort vom Thema Schwangerschaftsabbruch weggeschwemmt. Mit den beiden anderen Teilnehmenden ringen wir darum, die anscheinend einfache Methode anzuwenden. Unser Gespräch windet sich in mehreren Schleifen. Nach 20 Minuten enden wir resigniert, stellen aber fest, dass auch diese Erfahrung lehrreich war. Und trotz unserer unterschiedlichen Haltungen gehen wir respektvoll und mit Empathie füreinander aus der Übung.

Mareike Brombacher steht im Saal und erläutert die Inhalte vom großen Monitor
Mareike Brombacher gibt uns zunächst ein wenig theoretischen Input, bevor wir in die Übungen gehen.© Antje Wendt, Nordkirche

Ein konstruktiver Austausch wird möglich

In der nächsten Übungseinheit wird unser Werkzeugkasten noch einmal erweitert. Das bedeutet: Zuhören, die Meinung des Gegenübers mit eigenen Worten wiederholen, Zustimmung formulieren, wo ein Konsens besteht, und den eigenen Einwand formulieren. Es erfordert einiges an Disziplin, dieses Wechselspiel konsequent anzuwenden. Und ich bin überrascht, wie gut es diesmal läuft. Der Druck und die Spannung sind raus, wir konzentrieren uns auf sachliche Inhalte, entdecken gemeinsame Standpunkte und entwickeln Verständnis für kontroverse Haltungen. Wie stark und machtvoll gutes Zuhören sein kann.

Mareike Brombacher: „Meine interessierte Grundhaltung und mein Verstehen wollen führen auch dazu, dass mir selbst eher zugehört wird. Und ich kann bei großem Widerstand freundlich nachfragen, ob mein Gegenüber in unseren Standpunkten denn tatsächlich gar keine Gemeinsamkeit entdecken kann.“

Die Grundlagen und ihre Grenzen

Die anderen Kleingruppen berichten von ähnlichen Erfahrungen, es gibt jedoch auch Bedenken. Hier sind wir in einem sehr geschützten Rahmen, aber in einer realen Situation kommen weitere Komponenten hinzu. Was mache ich zum Beispiel, wenn sich mein Gegenüber nicht auf einen Dialog einlässt oder emotional reagiert?

Kirchen setzen sich öffentlich für Menschenwürde ein. In der Publikation "Kirche gegen rechten Hass" unter Federfürhung von Sönke Lorberg-Fehring, Beauftragter für den Christlich-Islamischen Dialog und Referent im Ökumenewerk, geht es um den Umgang der Kirche mit Rechtsextremismus.

Doch Johanna und Mareike ermutigen uns, an dieser neuen, detektivischen Grundhaltung dranzubleiben. Zu zeigen, dass man zum Zuhören bereit ist, kann den Weg zu einer Grundlage für Verständnis eröffnen. Dass das nicht immer und überall möglich ist, ist eine weitere Erkenntnis, die ich mitnehme. Dann sind das Akzeptieren der eigenen Grenzen und der Selbstschutz wichtiger.

Ins Handeln kommen

Auf dem Rückweg in der Bahn denke ich darüber nach, wann und wo ich mit Andersdenkenden zusammentreffe. Viel öfter, als ich es mir bisher eingestanden habe. Und für das nächsten Mal, wenn ein Mensch in meinem Umfeld von „den Ausländern“ spricht, weiß ich schon, welche gute Frage ich ihm stellen werde.

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