Was helfen kann, um mit Andersdenkenden ins Reden zu kommen
23. März 2026
„Mit Andersdenkenden reden lernen“ – ein Workshop in Flensburg verspricht Wege zu einem konstruktiven Austausch über polarisierende Themen. In kleiner Runde und im geschützten Rahmen. Während der ca. viereinhalb Stunden stehen Übungen mit den richtigen Fragen für eine gute Gesprächsführung im Mittelpunkt.
Unsere Autorin Antje Wendt arbeitet im Bereich Mitgliederkommunikation der Nordkirche.
Das Workshop-Angebot meines Kirchenkreises und der Stadt Flensburg war mir schon öfter aufgefallen. Nun hatte ich mich endlich zu der Veranstaltung angemeldet. Es soll darum gehen, über wirkmächtige Aussagen ins Gespräch zu kommen. Denn das habe ich schon so häufig erlebt: Eine starke Behauptung steht im Raum und ich bin weder in der Lage, geschickt darauf zu kontern, noch ein konstruktives Gespräch zu beginnen. Das soll sich mit diesem Workshop ändern, nehme ich mir vor.
Themen, die Streit entfachen können
Doch schon vor dem eigentlichen Termin gerate ich etwas ins Schwitzen. Als Teilnehmende erhalte ich einen sogenannten „Dissensbogen“. Ihn sollen alle ausgefüllt mitbringen. Der Bogen hat es in sich. Er enthält zwanzig starke Behauptungen, zu denen ich ein klares Ja oder Nein ankreuzen soll. Es geht beispielsweise um die Abschaffung von Bargeld, Schwangerschaftsabbruch, assistierten Suizid, Atomenergie oder die Integration von Zugezogenen. Das sind Themen, über die man sich trefflich in die Haare bekommen kann. Meine Jas und Neins kreuzte ich nur zögerlich an.
Große Nachfrage
Die Nachfrage nach diesem Angebot hält ununterbrochen an. Deshalb bieten die beiden Referentinnen es ca. dreimal im Jahr an. Die Expertinnen gestalten den Workshop gemeinsam und haben auch das Konzept im Lauf der Jahre angepasst. Mittlerweile liegt der Fokus im Wesentlichen auf dem Einüben der Gesprächsführung.

Wir üben, mit guten Fragen ins Gespräch zu kommen
Ich fühle mich an diesem Morgen von den beiden Workshopleiterinnen gut abgeholt und motiviert. In der kleinen Runde sprechen wir über „Streitziele“ und darüber, was uns persönlich davon abhält, ins Gespräch zu gehen. Ich weiß selbst, dass mich der Drang nach Harmonie, aber auch die Angst, nicht gut argumentieren zu können, zurückhalten.
Als Kirche stehen wir für ein demokratisches Miteinander. Unsere Themenseite Demokratie stärken
In der von Mareike und Johanna mit sicherer Hand gelenkten „Laborsituation“ steigen wir schnell in die erste Methode ein. Wir sollen üben, unser Gegenüber mit Fragestellungen in eine konstruktive Auseinandersetzung zu führen. Die kleine Liste mit guten Fragen, die wir alle erhalten, verblüfft mich. So einfach soll das sein? Es sind Fragen wie: Warum denken Sie das? Können Sie das näher ausführen? Was genau meinen Sie mit XY? Woher haben Sie diese Information? Aber auch persönliche Fragen wie: Wo betrifft Sie das persönlich? Welche Ereignisse waren mit Blick auf das Thema für Sie prägend?
Von der Theorie in die Praxis – nicht ganz einfach
Mit der Liste vor Augen starten wir in die erste Kleingruppenarbeit und werden sofort vom Thema Schwangerschaftsabbruch weggeschwemmt. Mit den beiden anderen Teilnehmenden ringen wir darum, die anscheinend einfache Methode anzuwenden. Unser Gespräch windet sich in mehreren Schleifen. Nach 20 Minuten enden wir resigniert, stellen aber fest, dass auch diese Erfahrung lehrreich war. Und trotz unserer unterschiedlichen Haltungen gehen wir respektvoll und mit Empathie füreinander aus der Übung.

Ein konstruktiver Austausch wird möglich
In der nächsten Übungseinheit wird unser Werkzeugkasten noch einmal erweitert. Das bedeutet: Zuhören, die Meinung des Gegenübers mit eigenen Worten wiederholen, Zustimmung formulieren, wo ein Konsens besteht, und den eigenen Einwand formulieren. Es erfordert einiges an Disziplin, dieses Wechselspiel konsequent anzuwenden. Und ich bin überrascht, wie gut es diesmal läuft. Der Druck und die Spannung sind raus, wir konzentrieren uns auf sachliche Inhalte, entdecken gemeinsame Standpunkte und entwickeln Verständnis für kontroverse Haltungen. Wie stark und machtvoll gutes Zuhören sein kann.
Mareike Brombacher: „Meine interessierte Grundhaltung und mein Verstehen wollen führen auch dazu, dass mir selbst eher zugehört wird. Und ich kann bei großem Widerstand freundlich nachfragen, ob mein Gegenüber in unseren Standpunkten denn tatsächlich gar keine Gemeinsamkeit entdecken kann.“
Die Grundlagen und ihre Grenzen
Die anderen Kleingruppen berichten von ähnlichen Erfahrungen, es gibt jedoch auch Bedenken. Hier sind wir in einem sehr geschützten Rahmen, aber in einer realen Situation kommen weitere Komponenten hinzu. Was mache ich zum Beispiel, wenn sich mein Gegenüber nicht auf einen Dialog einlässt oder emotional reagiert?
Kirchen setzen sich öffentlich für Menschenwürde ein. In der Publikation "Kirche gegen rechten Hass" unter Federfürhung von Sönke Lorberg-Fehring, Beauftragter für den Christlich-Islamischen Dialog und Referent im Ökumenewerk, geht es um den Umgang der Kirche mit Rechtsextremismus.
Doch Johanna und Mareike ermutigen uns, an dieser neuen, detektivischen Grundhaltung dranzubleiben. Zu zeigen, dass man zum Zuhören bereit ist, kann den Weg zu einer Grundlage für Verständnis eröffnen. Dass das nicht immer und überall möglich ist, ist eine weitere Erkenntnis, die ich mitnehme. Dann sind das Akzeptieren der eigenen Grenzen und der Selbstschutz wichtiger.
Ins Handeln kommen
Auf dem Rückweg in der Bahn denke ich darüber nach, wann und wo ich mit Andersdenkenden zusammentreffe. Viel öfter, als ich es mir bisher eingestanden habe. Und für das nächsten Mal, wenn ein Mensch in meinem Umfeld von „den Ausländern“ spricht, weiß ich schon, welche gute Frage ich ihm stellen werde.

