"Rassismus geht nicht einfach weg"
25. März 2026
Rassismus gehört für viele Menschen in Hamburg zum Alltag. "MOSAIQ"-Vorsitzende Sally Riedel hält dagegen und ruft zu mehr Bildung, Selbstreflexion und Begegnungen auf.
„Wo kommst du eigentlich her?“ Solche Fragen kann Sally Riedel nicht mehr hören. Sie sind zwar oftmals nett gemeint, aber unterschwellig rassistisch, erklärt die Bildungsreferentin. Damit werde suggeriert, dass schwarze Menschen nicht einfach auch Hamburger sind. Auch das ständige Anstarren im Bus könne bei schwarzen Menschen zu unguten Gefühlen führen.
„Rassismus ist heute oft subtil und unterschwellig“, sagt Riedel. Sie hat 2020 den Verein „MOSAIQ“ gegründet, der sich gegen Rassismus in Hamburg engagiert.
„Rassismus ist kein Randphänomen"
Auch in der Hafenstadt, die sich als Tor zur Welt sieht, gebe es zahlreiche Vorfälle. „Rassismus ist kein Randphänomen“, betonte sie. Nach Angaben der Beratungsstelle Empower erleben Menschen drei bis vier Mal am Tag rechte, rassistische Gewalt in der Stadt: Im Jahr 2024 habe es über 1.300 Vorfälle gegeben, 33,5 Prozent mehr im Vergleich zum Vorjahr, hieß es im Monitoring der Beratungsstelle. Dazu kommen Diskriminierungen, die nicht angezeigt werden. „Es ist nicht immer einfach, Rassismus zu beweisen“, sagt Riedel. Bekomme ich die Wohnung nicht, weil mein Name ausländisch klingt? Oder war jemand anders einfach schneller?
Wochen gegen Rassismus
Noch bis Sonntag weisen die Internationalen Wochen gegen Rassismus auf Probleme hin, die oft in den Schatten gerückt werden. In Hamburg beteiligen sich fast 30 Institutionen und Vereine. Im Zuge der derzeitigen rechten Radikalisierung würden historisch gewachsene Ungleichheiten und Diskriminierung mit Hetze und Ideologien legitimiert, hieß es zur bundesweiten Aktion. Auch Riedel beobachtet mit großer Sorge den Rechtsruck und die jüngsten Wahlgewinne der AfD: „Rassismus ist kein Randphänomen, sondern ein Problem für die ganze Gesellschaft.“
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Doch ausgerechnet jetzt werde bei Bildungs- und Demokratiearbeit gespart, bedauert Riedel. Dabei würden Lebensrealitäten immer komplexer und insbesondere in migrationsbezogenen Debatten wird polarisiert, reduziert und pauschalisiert. Der Verein setzt auf Aufklärung, Begegnungen und auf Strategien zur Selbstreflexion. „Rassismuskritische Arbeit ist ein langer Prozess“, weiß die Referentin. Nicht zuletzt gehe es um das Hinterfragen von Strukturen und vermeintlichen Normen: Was gilt als normal? Gelten Menschenrechte für alle? Welche Themen kommen in der Öffentlichkeit nicht vor?
„Sprache bedeutet Macht“
Riedel fragt sich oft, warum Menschen an rassistischen Begriffen festhalten, obwohl sie wissen, dass diese Wörter andere verletzen: „Sprache bedeutet Macht. Sie beeinflusst unser Denken und auch unser Handeln.“ Ihr Verein kümmert sich um betroffene Menschen, ebenso fördert er interkulturelle und interreligiöse Begegnungen und bietet Workshops an Schulen.
Viele Menschen in Deutschland glauben noch an rassistische Behauptungen: Zwei von drei Befragten (66 Prozent) stimmen der Aussage zu, dass bestimmte Kulturen „fortschrittlicher und besser“ seien als andere, so eine aktuelle Umfrage des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM).
Knapp die Hälfte der Befragten (48 Prozent) findet, dass gewisse Gruppen „von Natur aus fleißiger“ seien als andere. Die Studie zeige eine „sehr hartnäckige Verfestigung rassistischer Einstellungen“, sagte DeZIM-Direktor Frank Kalter in Berlin.
Das hat Folgen. So berichten 25 Prozent der schwarzen Befragten und 17 Prozent der Musliminnen und Muslime, dass sie mindestens einmal im Monat offen diskriminiert werden, etwa mit Beleidigungen, Drohungen oder körperlichen Angriffen, hieß es in der DeZIM-Studie. Bei subtiler Diskriminierung, etwa unfreundlicher Behandlung, waren die Werte deutlich höher.
Stereotypisches Afrikabild mit Geschichte
Für Riedel ist klar: „Wir müssen uns damit auseinandersetzen, dass wir alle rassistisch sozialisiert sind.“ Das stereotype Afrikabild habe eine jahrhundertelange Geschichte, die im Kolonialismus gipfelte. Und in Schulbüchern würden vor allem Bilder von Armut, Hilfe, Unterentwicklung vermittelt. Um gegen Rassismus vorzugehen, müssten sich Menschen zunächst bewusst machen, mit welchen Bildern sie groß geworden sind, und wie sie diese hinterfragen könnten.
„Wir müssen verlernen, was wir unbewusst gelernt haben“, erklärt Riedel. Oft bleibe diese Auseinandersetzung eher halbherzig. In Hamburg gebe es zwar Versuche, die Kolonialzeit kritisch aufzuarbeiten. Gleichzeitig werde aber das koloniale Bismarckdenkmal für Millionen restauriert. In der Gesellschaft seien Diskriminierung und Rassismus eher Randthemen, die immer wieder von anderen Schlagzeilen verdrängt werden. Riedel macht weiter: „Rassismus geht nicht einfach weg, nur weil wir ihn verschweigen.“
