17. Juli 2016 | St. Marien zu Lübeck

Musik baut Brücken

17. Juli 2016 von Andreas von Maltzahn

8. Sonntag nach Trinitatis, Dreiklang – Chorfest der Nordkirche, Predigt zu Epheser 5, 8b-14

Liebe Schwestern und Brüder – in den Augen Gottes: ‚Kinder des Lichts‘!

Fast hätte ich hinzugesetzt: ‚Liebe Lichtgestalten!‘ Aber dann fiel mir rechtzeitig Franz Beckenbauer ein – einstmals Lichtgestalt des deutschen Fußballs, dessen Strahlkraft um einiges gelitten hat. Nein, ‚Kinder des Lichts‘ ist schon ganz angemessen. Man könnte auch sagen ‚Teilhaber des Lichts‘. Denn dem heutigen Predigttext aus dem Epheser-Brief geht eine verheißungsvolle Zuschreibung voraus:

„Früher wart ihr Teil der Dunkelheit, jetzt seid ihr Teil des Lichts, denn ihr gehört zum Herrn.“ (Eph 5, 8a)

Und dann folgt die Ermunterung: „Lebt als Kinder des Lichts.“

Schwestern und Brüder, gerade in Zeiten der Dunkelheit ist es wichtig, sich des Lichts zu vergewissern! Und da hören wir mitten in den Erschütterungen unserer Tage: 

„Ihr seid Teil des Lichts,
denn ihr gehört zu Gott.
Darum lebt als Kinder des Lichts.“

Damit ist Grundlegendes gesagt: Bevor es darum geht, wie wir leben sollen, wird uns gesagt, wer wir von Gott her sind. Bevor es auf eine ethische Ebene geht, werden Aussagen über unser Sein getroffen – Aussagen über unser Mensch-Sein, die uns fast schwindlig machen könnten: „Ihr seid Teil des Lichts“. Jesus in der Bergpredigt redet noch entschiedener: „Ihr seid das Salz der Erde!“, „Ihr seid das Licht der Welt“! Und er sagt das, obwohl er seine Pappenheimer genau kennt, obwohl wir Menschen für ihn ein offenes Buch sind!

Das kann nur bedeuten: Nicht weil wir so vorbildlich lebten, werden wir zu ‚Kindern des Lichts‘. Sondern andersherum: Weil Menschen zu Gott gehören, haben sie Teil an diesem Licht und können entsprechend leben. Weil Menschen im Kraftfeld Gottes sind, haben sie Teil an seiner Energie und können in seinem Sinne handeln. Als ‚Kinder des Lichts‘. Vielleicht auch als ‚Kinder des Klangs‘?

Das Chorfest brachte mich auf den Gedanken: Was löst der heutige Predigttext aus, wenn wir die Sprach-Bilder des Lichts übersetzen in Metaphern des Klangs? Probieren wir einmal diese Variation des Epheser-Textes:

„Lebt als Menschen des Klangs, der Musik;
wahre Musik führt zu Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Gebt euch hin an das, woran Gott Freude hat.
Habt nichts gemein mit dem allgegenwärtigen Lärm um Nichts;
durchschaut und entlarvt ihn!
Der Lärm um Nichts führt – ob man es merkt oder nicht – in oberflächliche Zerstreuung; daran teilzuhaben ist vergeudete Lebenszeit.
Das alles aber wird offenkundig, wenn Musik euch ergreift, wenn Klang euch beseelt;
denn alles, was euch auf diese Weise im Innersten bewegt, das ist Musik.
Darum heißt es: Wach auf, der du eingeschlafen bist in Gewohnheit,
und steh auf von den Toten mitten im Leben, so wird dich Christus erfüllen.“

Ich glaube, das ist tatsächlich so: Musik baut Brücken, den Urgrund allen Lebens neu für sich zu entdecken. Denn die Musik hat die Kraft, mich über mich selbst hinauszuführen – hin zu dem Horizont der großen Menschheitsfragen: „Warum ist überhaupt etwas und nicht nichts? Worin liegt der Sinn unseres Lebens? Wie werden wir unserer Bestimmung gerecht?“ Wo wir diesen Fragen nachgehen, gewinnt unser Leben Tiefe und Weite, und wir werden möglicherweise überrascht entdecken, dass Gott uns näher ist als gedacht.

In den Jahren der DDR, als ich zur Schule ging, da hatte Musik gelegentlich eine ganz spezielle Wirkung. In dieser Zeit sammelten sich in den Städten viele Jugendliche in den Kirchen, um Orgelkonzerte zu hören. Für sie war es ein Ausdruck von Opposition, Ausdruck der Sehnsucht nach einem anderen Leben – nicht uniform und linientreu, sondern echt und lebendig. Margot Honeckers sozialistisches Bildungswesen reagierte wie immer: Den Schülern wurde gedroht, aber das machte die Konzerte, die oft am Mittwoch stattfanden, noch interessanter. Und so wurden die Plätze im Kirchenschiff und auf den Emporen immer knapper. Reiner Kunze schrieb damals in „Die wunderbaren Jahre“ über die Orgel hörenden Jugendlichen dieser Zeit:

„Hier müssen sie nicht sagen, was sie nicht denken. Hier umfängt sie das Nichtalltägliche, und sie müssen mit keinem Kompromiss dafür zahlen; nicht einmal mit dem Ablegen ihrer Jeans. Hier ist der Ruhepunkt der Woche. Sie sind sich einig im Hiersein. Hier herrscht die Orgel.“

Und dann setzte Kunze sehnsüchtig hinzu:

„Alle Orgeln – … die im Osten, Süden, Norden, Westen – sie alle müssten plötzlich zu tönen beginnen und die Lügen, von denen die Luft schon so gesättigt ist, dass der um Ehrlichkeit Bemühte kaum noch atmen kann, hinwegfegen – hinwegdröhnen all den Terror im Geiste… Wenigstens ein einziges Mal, wenigstens für einen Mittwochabend.“ 

Konzerte in Kirchen als Platzhalter einer Hoffnung auf verwandeltes Leben! Manches von dieser Sehnsucht hat sich in der friedlichen Revolution erfüllt: Kerzen und Gebete, Gesänge und Orgelklänge haben auf unerwartet sanfte Weise Veränderungen auf den Weg gebracht, Freiheit ermöglicht. Ach, Türkiye, solchen Wandel wünschte ich dir ...

Allerdings sind wir keineswegs in einer idealen Gesellschaft angekommen. So sind sie auch heute wichtig: Gottesdienste, die uns stärken in unserem Wunsch nach Gerechtigkeit für alle Menschen, Konzerte, die uns spüren lassen: Das Leben ist so viel mehr als Essen und Trinken und für den Lebensunterhalt Arbeiten. Von Gott ist es anders eingerichtet: Unser Innerstes, unsere Seele ist mit Empfindsamkeit und Sehnsucht begabt. Wir können Freude an Musik empfinden, können unseren Gefühlen musikalisch Ausdruck verleihen. Wie öde wäre unser Leben ohne die Musik! Wie arm wäre unsere Kirche ohne die vielen Chöre! Im Singen und Musizieren spüren wir etwas von der Sinnhaftigkeit des Lebens. Wir ahnen, dass da einer ist, der dieses Leben mit reichen Möglichkeiten begabt hat: zu lieben, füreinander da zu sein, Verantwortung zu übernehmen für das Erbe unserer Väter und Mütter, Verantwortung zu übernehmen für die Zukunft unserer Kinder und Enkel.

So hat diese Musik eine dienende Funktion: Sie weist uns hin auf den Urgrund allen Lebens, auf Gott. Sie weist uns hin auf Christus. Sie weist uns hin auf unsere Verantwortung: „Wahre Musik führt zu Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit“ (V.9, übertragen).

Wenn unsere Herzen gestimmt sind durch das Musizieren oder durch das Erleben großer Musik, dann werden wir achtsam sein für das Leben um uns herum. Wir werden achthaben auf die, deren Notlage nur selten noch mediale Aufmerksamkeit erregt:

- Menschen, die schon lange arbeitslos sind und denen anscheinend niemand zutraut, dass sie noch einmal einer normalen Arbeit nachgehen können (Das Bittere ist: Oft müssen sie selbst erst einmal wieder Zutrauen zu ihren Möglichkeiten gewinnen).

-Wir werden achtsam sein für Kinder, die in bildungsfernen Milieus aufwachsen und denen unser Schulsystem nur geringe Chancen bietet, ein anderes Leben zu führen.

-Wir werden achten auf jene, die materiell versorgt, aber menschlich alleingelassen sind.

Diese Menschen brauchen Güte und Gerechtigkeit – genauso wie jene, die wegen Krieg und Verfolgung zu uns flüchten. Die Wahrheit über sie alle muss ans Licht, denn es ist auch die Wahrheit über uns selbst. Die Wahrheit über sie alle muss ans Licht, damit ihnen und uns geholfen werden kann. Denn wie könnten wir unser Glück machen an ihnen vorbei!?

In jeder Chorprobe, in jedem Konzert vollzieht sich Arbeit an dieser Gestimmtheit und Haltung. Und manchmal werden die Sorgenkinder selbst zu den Akteuren der Veränderung – so wie in Wismar. Hier wurde eine evangelische ‚Volxmusikschule‘ gegründet: Kinder aus schwierigen Verhältnissen bekommen über Straßenmusikprojekte in Plattenbaugebieten Lust, ein Instrument zu lernen. Von Anfang an spielen sie in Ensembles mit und erleben, wie gut es tut, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Soziale Fähigkeiten, die sie von zu Hause nicht mitbekommen haben, wachsen ihnen zu. Sie, die oft nur als Verlierer galten, gewinnen Zutrauen zu eigenen Fähigkeiten. Beim Musizieren erleben sie, dass sie anderen Menschen Freude bereiten können.

Achtsam sollen wir sein, für das, was nottut, wach für das, was möglich ist. Unser Predigttext sagt es noch eindringlicher:

„Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten,
so wird dich Christus erleuchten.“

Oder nach meiner Übertragung:

„Wach auf, der du eingeschlafen bist in Gewohnheit,
und steh auf von den Toten mitten im Leben,
so wird dich Christus erfüllen.“

Was das heißt? Es ist eine paradoxe Wahrheit: Wir Menschen suchen verzweifelt, zu uns selbst zu kommen – und gewinnen unser Leben doch gerade in der Hingabe. Wir sind bemüht, uns selbst gerecht zu werden, uns selbst zu ‚verwirklichen‘ – und gewinnen Wesentlichkeit doch gerade im Absehen von uns selbst. „Frei“ wird man, um mit Bonhoeffer zu reden, „wenn man ganz darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen . . . dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden Gottes in der Welt ernst . . . und so wird man ein Mensch . . .“ Vielleicht ist genau dies das Geheimnis des Musizierens bzw. des ernsthaften Musikhörens: teilzuhaben an einem Größeren, absehen zu können vom eigenen Ich – und gerade darin ganz wesentlich zu sein.

Darin sind sich Christus und die Musik nahe: Sie bewirken, dass wir über uns selbst hinausgeführt werden. Sie schenken Teilhabe am Wesentlichen. Beide lassen sie uns etwas von Gott erfahren. Die Musik lässt uns ahnen, dass der Grund allen Seins vertrauenswürdig ist. In Christus können wir erkennen, wer uns in Gott begegnet – kein blindes Schicksal, sondern ein Gegenüber: unseres Vertrauens allemal wert.   

An uns ist es, zu leben, was wir sind: Kinder des Lichts, Menschen des Klangs auch und der Musik – dazu geschaffen, uns hinzugeben an das, woran Gott seine Freude hat.

Amen.

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