Schriftdolmetschen im Gottesdienst

Sehen und Verstehen, was man nicht hören kann

Schriftdolmetscherin Frederike Radler in der Kirche St. Johannis in Hamburg-Altona
Schriftdolmetscherin Frederike Radler in der Kirche St. Johannis in Hamburg-Altona© Lena Modrow

25. Oktober 2017 von Lena Modrow

Die akustischen Verhältnisse in Kirchen sind schwierig. Gerade hörgeschädigte Menschen haben Probleme, dem Gottesdienst zu folgen. Da kann Schriftdolmetschen helfen, das zum Reformationstag in zwei Gottesdiensten in Hamburg angeboten wird.

Wenn Frederike Radler in ihre Sprachmaske spricht, dann sieht sie nicht nur ein bisschen aus wie ein Charakter aus einem Science-Fiction-Film – sie klingt auch so. Der Ton ist gedämpft, etwas metallisch und es ist kaum zu verstehen, was sie sagt. Doch ihre Worte, die erscheinen innerhalb kürzester Zeit auf dem Bildschirm vor ihr. „Herzlich Willkommen zum Gottesdienst“, heißt es da, klar lesbar.

Was gesagt wird, erscheint auf der Leinwand

In der St. Johannis Kirche in Altona hat Radler, die auch Gebärdensprachdolmetscherin ist, nun einmal zu Testzwecken ihren Computer mit aufgebaut. Denn zum Gottesdienst am Reformationstag machen sie und ihre Kolleginnen hier etwas, das viele gar nicht kennen: Schriftdolmetschen. Das heißt: Alles, was gesagt wird, erscheint vorn als Text auf einer Leinwand – für die Menschen, die schlecht oder gar nicht hören können oder eine Visualisierung brauchen, um dem Vortrag besser folgen zu können.

Der Computer wandelt das gesprochene Wort in Text um

Dafür arbeiten Radler und ihre Kollegen im Hintergrund hochkonzentriert: Parallel wird jedes gesprochene Wort von einer Schriftdolmetscherin nachgesprochen, mit einer speziell auf ihre Stimme trainierte Spracherkennungssoftware in Text umgewandelt. Und dieser wird – wenn nötig – von den Kolleginnen schnell per Tastatur korrigiert. Nämlich dann, wenn das Programm etwas wie „man fährt“ mal in das ähnlich klingende „das Pferd“ übersetzt wird und so plötzlich absurde Satzkonstruktionen entstehen.

Schriftdolmetscherin Frederike Radler
"Vor der Maske erschrecken die Leute manchmal", sagt Schrifzdolmetscherin Frederike Radler. Sie spricht in sie hinein, damit der Computer ihre Sprache möglichst ohne Nebengeräusche in Text verwandeln kann.© Lena Modrow

Kaum Zeitverzögerung bei der Übersetzung

Und trotzdem: „Das ist fast eine Eins-zu-Eins-Übersetzung“, sagt Radler. Die Software, die es erst seit wenigen Jahren gibt, erlaubt dieses hohe Tempo. Davor mussten Schriftdolmetscher noch das gesprochene Wort per Tastatur und kompliziertem Kürzelsystem auf die Leinwand bringen – mit entsprechend mehr Zeitverzögerung. Gerade in Teambesprechungen oder Podiumsdiskussionen, die Frederike Radler oft übersetzt, ist diese direkte Übersetzung für alle Beteiligten hilfreich. Und in der Kirche?

Das Wort muss verstanden werden

„Gerade dort gibt es häufig eine schwierige akustische Situation“, sagt Julia Rabel, Schwerhörigenseelsorgerin in der Nordkirche. „Es hallt und gibt vielfältige Störgeräusche.“ Zudem gehen Menschen, die nicht gut hören, dazu über, die Lippen der Menschen zu lesen. Wenn dann noch – wie in vielen Kirchen - die Lichtverhältnisse schlecht sind und sie nicht einmal die Sprechenden richtig sehen können, wird es für sie noch anstrengender. „Und dabei sollte man in einer Kirche die bestmöglichen Bedingungen finden“, sagt Rabel. „Inhaltlich gute Nahrung soll auch gehört und verstanden werden.“ Das hat schon eine theologische Grundlage: „Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer“, heißt es in der Bibel (5. Mose 6,4).

In der Kirche sind die akustischen Bedingungen oft schwierig: Hall und Nebengeräusche erschweren das Hören und Verstehen.© Lena Modrow

Hören und Verstehen sind zwei unterschiedliche Dinge

Auch wenn in den meisten Kirchen inzwischen gute Anlagen vorhanden sind, die das gesprochene Wort akustisch verstärken, verbessert das nicht unbedingt die Situation der hörgeschädigten Menschen. Denn Hören und Verstehen sind zwei unterschiedliche Dinge: Nicht immer können sie bei objektiv lauteren Tönen subjektiv mehr Sinn für sich daraus ziehen, da sie zum Beispiel nicht mehr so gut Nebengeräusche herausfiltern können. „Hier sind die Menschen auf eine Unterstützung über den zweiten Sinn angewiesen“, sagt Rabel. An dieser Stelle setzt das Schriftdolmetschen an.

Verstehen ist die Grundlage für die Beziehungen zueinander

Und die Gruppe, der das hilft, wird immer größer. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass fast 20 Prozent der über 14-Jährigen in Deutschland hörbeeinträchtigt sind. Insbesondere ältere Menschen sind betroffen. „Viele bemerken zunächst erst gar nicht, dass sie nicht mehr so gut hören“, sagt die Seelsorgerin. „Für sie wird die Situation zunehmend anstrengender, unbehaglich und frustrierend – das darf nicht sein.“ Denn auf dem Verstehen beruht die Kommunikation – und sie ist die Grundlage für die Beziehungen zueinander.

"Lutherische Barrierefreiheit"

Gerade zum Reformationstag hat sich Julia Rabel daher dafür eingesetzt, dass es nun erst einmal in zwei Gottesdiensten in Hamburg Schriftdolmetscher gibt, welche die Gottesdienste – und sogar die Lieder - live für alle lesbar vertexten. Das nennt sie „lutherische Barrierefreiheit“: „Gottes Wort sollte für alle verständlich sein“, so die Pastorin. „Das Latein haben wir mit Luthers Hilfe schon hinter uns gebracht, nun müssen wir noch weitere Barrieren abbauen.“

Es soll weder Nischen- noch Luxusprogramm sein

Zwei Gottesdienste mit Sprachdolmetschung finden am Reformationstag statt: Jeweils um 18 Uhr in St. Johannis – Kulturkirche Altona (Bei der Johanniskirche 16, 22767 Hamburg) und in der Hl. Dreieinigkeitskirche St. Georg (St. Georgs Kirchhof, 20099 Hamburg).

Ein Gottesdienst mit Gebärdendolmetschung findet um 15 Uhr im Michel (Englische Planke 1, 20459 Hamburg) statt.

Der Vorteil: Das Schriftdolmetschen hilft allen, die lesen können – und es sind keine zusätzlichen Hilfsmittel nötig, wie etwa ein Hörgerät. Es ist ein großes Stück Inklusion. „Eigentlich sollte das Verstehen für alle weder Nischen- noch Luxusprogramm sein“, sagt Rabel. Aber da gibt es noch Hürden: Zum einen gibt es in Deutschland bisher sehr wenige Schriftdolmetscher wie Frederike Radler. Dass es sie gibt, ist zudem nur wenigen bekannt. Und natürlich kostet diese Arbeit auch Geld. „Man muss sich überlegen, dass man das bei besonderen Gelegenheiten anbietet, damit diese Möglichkeit erst einmal bekannt wird“, sagt Rabel. „Denn wenn die Menschen dieses Angebot erleben, sind sie häufig sehr dankbar.“

Piktogramme als Hinweis für Hörgeschädigte
Diese Piktogramme weisen auf Schriftdolmetschung (l.) und eine induktive Höranlage (mit T-Spule) hin.

Kontakt

Wer Fragen dazu hat, wie er seine Gottesdienste und andere Veranstaltungen besser für hörgeschädigte Menschen gestalten kann, melde sich bei Julia Rabel, Pfarrstelle HörRaum Kirche  – Schwerhörigenseelsorge in der Nordkirche, unter julia.rabel@seelsorge.nordkirche.de.

Hilfe beim Hören und Verstehen im Gottesdienst

In einigen Kirchen sind induktive Höranlagen vorhanden, die mit dem Ohr und einem „T“ gekennzeichnet sind. Diese helfen Trägern eines Hörgeräts: Wenn sie das Hörgerät auf „T“ stellen, können sie innerhalb der Ringschleife den Ton empfangen. Mehr Informationen

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