St.Pauli-Pastor Sieghard Wilm über den Sommer 2013 in Hamburg

"Solidarität mit Lampedusa-Flüchtlingen hatte Wunderqualität"

"Lampedusa in Hamburg" - Pastor Sieghard Wilm öffnete vor 10 Jahren die Türen der St. Pauli-Kirche für afrikanische Flüchtlinge.
"Lampedusa in Hamburg" - Pastor Sieghard Wilm öffnete vor 10 Jahren die Türen der St. Pauli-Kirche für afrikanische Flüchtlinge.

02. Juni 2023 von Imke Plesch

Sieghard Wilm ist seit 2002 Pastor an der St.Pauli-Kirche im gleichnamigen Hamburger Stadtteil. 2013 beherbergte er etwa 80 afrikanische Flüchtlinge der Gruppe "Lampedusa in Hamburg" für mehrere Monate in seiner Kirche. Im Gespräch mit Imke Plesch blickt er auf die Zeit zurück.

Herr Wilm, wie sind Sie 2013 mit den Lampedusa-Flüchtlingen in Kontakt gekommen?

Sieghard Wilm: Die Flüchtlinge lebten nach Ende des Winternotprogramms im April in der Stadt verstreut. Einige von ihnen hatte ich mal am Bismarck-Denkmal getroffen. Ich wusste, dass das Diakonische Werk vermittelt durch die Bischofskanzlei mit der Stadt an einem Plan arbeitete, die Flüchtlinge in einem leerstehenden Haus unterzubringen. Deshalb dachte ich, es tut sich was.

Festival und Festgottesdienst mit Bischöfin Fehrs

PM: Bischöfin Fehrs zu 10 Jahre "Lampedusa in Hamburg"

 

Vom 2.-4. Juni 2023 feiert die St. Pauli-Kirche 10 Jahre Lampedusamit dem "Here to stay"-Festival, unter anderem mit einer Fotoausstellung und Filmvorführungen.

 

Am 4. Juni um 11 Uhr wird Bischöfin Kirsten Fehrs in einem Festgottesdienst predigen. Die Fotoausstellung ist bis zum 29. Juni zu sehen.

 

Ihren ersten öffentlichen Auftritt hatten sie dann auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag (1. bis 5. Mai 2013, Anm. der Redaktion). Da hat die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs ihnen ihr Mitgefühl ausgedrückt.

Ende Mai standen dann einige Sprecher der Gruppe hier bei mir vor dem Pastorat. Sie hatten Briefe von der Stadt bekommen, auf Deutsch, dass sie eine Ordnungswidrigkeit begangen hätten. Sie haben mich gefragt, ob sie im Notfall auf das Gelände der Kirche kommen könnten, wenn sie aus den Parks vertrieben würden, in denen sie lebten. Ich habe Ja gesagt, aber nicht wirklich damit gerechnet, dass das passiert.

Wie ging es dann weiter?

Wilm: Dann ist der Notfall eingetreten - die Männer sind von der Polizei vertrieben worden. Am 1. Juni scheiterten dann auch noch die Verhandlungen zwischen der Diakonie und der Stadt über eine Unterbringung. Der Sozialsenator, Detlef Scheele, wollte eine humanitäre Lösung, aber Innensenator Michael Neumann forderte, dass alle Flüchtlinge erkennungsdienstlich behandelt werden. Da hat die Diakonie nicht mitgemacht.

Zuflucht in der St. Pauli-Kirche fanden 2013 rund 80 afrikanische Männer. Die ehemaligen Wanderarbeiter aus Libyen waren nach ihrer Flucht vor dem Krieg vorerst in italienischen Flüchtlingscamps untergekommen.
Zuflucht in der St. Pauli-Kirche fanden 2013 rund 80 afrikanische Männer. Die ehemaligen Wanderarbeiter aus Libyen waren nach ihrer Flucht vor dem Krieg vorerst in italienischen Flüchtlingscamps untergekommen. © Simone Viere

Am 2. Juni, einem Sonntag, habe ich dann die Kirche geöffnet für die Männer, die gekommen waren. Es hat geregnet und ich fand es zynisch, sie im Garten übernachten zu lassen. Ich habe nicht geahnt, was ich damit auslöse. Ich dachte, es ginge um ein oder zwei Nächte und dann würde sich die Stadt schon melden.

Und, hat sie das getan?

Wilm: Nein, es passierte nichts, der Senat hat gemauert. Ich glaube, die Stadt wollte das einfach aussitzen. Das habe ich als zynisch empfunden.

Wie ist es dann mit den Männern in der Kirche weitergegangen? Haben Sie Hilfe aus dem Stadtteil bekommen?

Wilm: Die ersten Wochen waren hart. Wir hatten zwei Toiletten in der Kirche für 80 bis 120 Menschen. Aber wir haben spontan Hilfe von vielen Leuten aus St. Pauli und ganz Hamburg bekommen, die zum Beispiel Spenden vorbeigebracht haben. Irgendwann haben wir jeden Tag 200 Essen gekocht.

"Unglaubliche Welle der Solidarität in der ganzen Stadt"

Nach zehn Tagen konnten wir einen Hygienecontainer mit Toiletten und Duschen vor der Kirche aufstellen. Ärzte haben die Flüchtlinge ehrenamtlich untersucht - das Gesundheitsamt durfte aus politischen Gründen in den ersten Wochen nicht kommen. Beim FC St. Pauli am Millerntor gab es Solidaritätsfußballspiele.

Es gab eine unglaubliche Welle der Solidarität in der ganzen Stadt. Von der Oma im Faltenrock bis zum Punk haben alle mitgeholfen. Das hatte für mich Wunderqualität: Das ist das Pfingstwunder, dass ganz unterschiedliche Menschen sich verbinden, um zu helfen.

Wie war die Zusammenarbeit innerhalb der Nordkirche?

Wilm: Die St.-Pauli-Kirche hat die humanitäre Nothilfe geleistet. Und Bischöfin Fehrs und Elisabeth Chowaniec, die landeskirchliche Beauftragte bei Senat und Bürgerschaft, haben mit der Stadt über eine Lösung verhandelt. Die Landessynode der Nordkirche hat eine Solidaritätserklärung veröffentlicht, in der sie ihr Mitgefühl und ihre Rückendeckung ausgedrückt haben.

Außerdem gab es noch die Flüchtlingspastorin und die Diakonie. Wir hatten immer das Gefühl, wir fahren gemeinsam. Unsere Hoffnung, die etwa 80 Männer, die bei uns in der Kirche schliefen, auf andere Gemeinden zu verteilen, hat sich jedoch nicht verwirklicht. Die Angst vor negativen Konsequenzen war zu groß.

Wie hat die Stadt reagiert?

Wilm: Es war schwierig - eine Zeit lang herrschte sogar Funkstille zwischen Kirche und Senat. Nach der Bundestagswahl (am 22. September 2013, Anm. der Redaktion) begann der "heiße Herbst" mit massiven Polizeieinsätzen. Die Flüchtlinge wurden teilweise mehrere Stunden festgehalten und erkennungsdienstlich behandelt, um Abschiebungen vorzubereiten. Die Solidaritäts-Demonstrationen wurden immer größer - leider gab es dabei auch gewaltbereite Trittbrettfahrer aus der linken Szene, die Polizisten angegriffen und uns viele Sorgen bereitet haben.

Bischöfin Kirsten Fehrs im Juni 2013 im Gespräch mit afrikanischen Flüchtlinge in der Hamburger St. Pauli Kirche.
Bischöfin Kirsten Fehrs im Juni 2013 im Gespräch mit afrikanischen Flüchtlinge in der Hamburger St. Pauli Kirche. © Simone Viere

Ende Oktober bot die Stadt der Gruppe dann den Verfahrensrahmen für eine Einzelfallprüfung an. Bischöfin Fehrs hat in einer Ansprache in der Kirche die Flüchtlinge dazu ermutigt, dieses Angebot anzunehmen. Diejenigen, die Vertrauen zu uns hatten, haben das auch getan, das waren etwa 120 Leute. Ich kann aber auch das Misstrauen der anderen Menschen verstehen, die das nicht wollten. Sie waren in Europa schon zu oft von den Behörden herumgeschubst worden. Sie haben sich weiter für eine Anerkennung als Gruppe eingesetzt. Die Bewegung hat sich dann gespalten.

Hat diese Zeit langfristig etwas in der Stadt verändert?

Wilm: Das Engagement für Flüchtlinge in Hamburg hat durch diese Ereignisse 2013 großen Auftrieb erhalten. Es gab ganz viele Menschen, die helfen wollten, und viele Hilfsinitiativen wurden in dieser Zeit gegründet.

Als 2015 jeden Tag hunderte Flüchtlinge, vor allem aus Syrien, nach Hamburg kamen, brauchte die Stadt genau das - eine Zivilgesellschaft, die hilft. Da sind dann auch zum ersten Mal Flüchtlingshelfer zu einem Empfang ins Rathaus eingeladen worden.

"Die Lampedusa-in-Hamburg-Bewegung war ein Gewinn"

2013 hatte die Stadt dieses Engagement noch sehr kritisch gesehen. Und auch seit 2022 zehrt die Hilfe für geflüchtete Ukrainer von dieser Bewegung, von Menschen, die sich ehrenamtlich für ein Leben aller in Würde und Freiheit engagieren. Die Lampedusa-in-Hamburg-Bewegung war ein Gewinn, ein menschlicher Gewinn.

Wie sehen Sie die heutige Flüchtlingspolitik in Deutschland?

Wilm: Es geht heute nur noch darum, was kostet das, wie können wir die Leute abwimmeln und loswerden. Dabei würde beispielsweise unser Gesundheitssystem, die Versorgung in Krankenhäusern und Pflegeheimen, zusammenbrechen, wenn wir dort nicht diese Menschen hätten, die aus der Not zu uns gekommen sind. Deutschland ist auf Zuwanderung angewiesen.

 

Datum
02.06.2023
Quelle
epd
Von
Imke Plesch
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