Trauergruppe für Kinder: Wie Zusammenhalt hilft, mit dem Tod umzugehen
03. November 2026
In der Mitte des Kreises brennt eine Kerze. Nacheinander zünden die Kinder ihre eigenen Kerzen an – für Mama, Papa oder einen anderen geliebten Menschen, der gestorben ist. Dann erzählen sie, wie es ihnen geht. Begleitet werden sie alle 14 Tage von Anke Horstmann, die eine Trauergruppe für Kinder ehrenamtlich begleitet.
Die Treffen mit bis zu acht Kindern zwischen sechs und acht Jahren wird gemeinsam mit einer hauptamtlichen Kollegin der Diakonie Hamburg vorbereitet und gestaltet.
„Kinder springen in die Trauer hinein – und genauso schnell wieder heraus“
Wer sich eine Kindertrauergruppe als besonders traurigen Ort vorstellt, wird überrascht sein. "Ein klassischer Begriff in der Kindertrauer ist das ,Pfützenspringen‘", erzählt Horstmann. "Kinder springen in die Trauer hinein und genauso schnell wieder heraus."
Ein Kind kann also im einen Moment sehr traurig sein und kurz darauf schon wieder lachen, weil ein Spiel gerade spannender ist. Für Erwachsene sei das manchmal schwer nachzuvollziehen. Für Kinder sei es ganz normal.
"Es gibt sehr viele berührende und auch traurige Momente", sagt die Hamburgerin. "Aber das Lachen überwiegt tatsächlich." Seit rund dreieinhalb Jahren engagiert sie sich im Hamburger "Zentrum für Kinder und Jugendliche in Trauer" der Diakonie im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel.

Ein fester Rahmen gibt Sicherheit
Die Gruppenstunden folgen einem festen Ablauf. Alle 14 Tage treffen sich die Kinder für zwei Stunden. Nachdem die Kerzen entzündet wurden, erzählen die Kinder, wie es ihnen gerade geht.
"Kinder in dem Alter sind sehr im Moment", sagt die studierte Sozialpädagogin Horstmann. Wenn in der Schule etwas schiefgelaufen ist, kann das für sie gerade wichtiger sein als alles andere. Manchmal helfen Symbolkarten dabei, Gefühle auszudrücken. Und bevor es mit dem eigentlichen Thema losgeht, gibt es häufig erst einmal einen Snack. "Meistens steht nach der Schule dann erst einmal der Hunger im Mittelpunkt", sagt Horstmann.
Darüber sprechen, wie Trauer sich anfühlt
Nach dem Ankommen beschäftigt sich die Gruppe mit unterschiedlichen Themen. Die Kinder basteln, malen oder schauen gemeinsam Bilderbücher an. Ein wichtiger Bereich ist die Erinnerungsarbeit. Einmal haben sie Bilderrahmen gestaltet. Die Kinder brachten Fotos ihrer verstorbenen Eltern mit. "Als wir die Bilder betrachtet haben, war das sehr bewegend", erinnert sich die gebürtige Emsländerin. "Über diese Menschen sprechen wir immer – und plötzlich sahen wir alle, wie sie ausgesehen haben."
Auch die Frage, was einem selbst guttut, gehört in die Gruppenstunden: Welche Menschen sind für mich da? An wen kann ich mich wenden, wenn es mir schlecht geht? Was hilft mir?
Einmal gestalteten die Kinder ein Schutzschild und überlegten gemeinsam, was darauf stehen sollte. Und natürlich geht es immer wieder um die Trauer selbst: Was ist Trauer? Wie kann sie sich anfühlen? Wie lange dauert sie? Die Antwort lautet nicht für alle gleich: "Es ist alles normal. Und Trauer dauert so lange, wie sie dauert."
"Ich bin damit nicht allein"
Für Horstmann ist die Gruppe selbst schon ein wichtiger Teil der Unterstützung. Denn in der Schule oder im Freundeskreis erleben trauernde Kinder häufig, dass niemand in ihrem Alter eine ähnliche Erfahrung gemacht hat. "Hier ist für die Kinder klar: Alle verbindet dieselbe Erfahrung", sagt sie. "Allein das ist schon eine große Stärkung, ohne dass wir irgendetwas machen müssen."

Die Kinder kommen meistens einige Monate nach dem Verlust in die Gruppe. Oft bleiben sie etwa ein Jahr, manchmal auch länger. In dieser Zeit erleben sie Geburtstage, Feiertage und Jahrestage – Momente, die für trauernde Familien besonders sensibel sein können. Auch unter den Eltern bilden sich Freundschaften: Manche gehen gemeinsam Kaffee trinken, während sie auf ihre Kinder warten, und tauschen sich über ihre Erfahrungen aus.
Trauer darf auch Pause machen
Zwei Stunden lang nur über Trauer zu sprechen, würde allerdings nicht funktionieren. Deshalb gehört das Spielen genauso zur Gruppenstunde wie die inhaltliche Arbeit. "Das ist auch das Pfützenspringen", erklärt Anke Horstmann.
Am Ende sitzen alle wieder im Kreis. Die Kinder löschen ihre eigenen Kerzen, anschließend wird die Gruppenkerze ausgeblasen. Zum Abschluss nehmen sich alle an den Händen und sprechen gemeinsam einen Satz: "Einer für alle, alle für einen und ich für mich." Dann werden die Kinder abgeholt.
Irgendwann kommt bei manchen Kindern der Punkt, an dem die Trauergruppe nicht mehr so wichtig ist. Dafür gibt es keinen festen Zeitpunkt. Horstmann und ihre Kolleginnen beobachten vielmehr, ob sich die Interessen der Kinder wieder verändern. Bei einem Jungen war es irgendwann so: "Dienstags ist Fußball." Ein Zeichen dafür, dass andere Dinge wieder mehr Raum bekommen.
Was die Kinder mit nach Hause nehmen, bleibt die Erfahrung, mit ihrer Trauer nicht allein zu sein. Für Horstmann ist die Arbeit nicht nur eine Aufgabe, sondern auch persönlich bereichernd. "Ich gehe eigentlich jedes Mal wieder mit einem guten Gefühl raus", sagt sie.
Ehrenamtliche werden begleitet
Damit die Arbeit nicht zu einer Belastung für die Ehrenamtlichen wird, gibt es einen festen Rahmen auch für sie. Rund 45 Minuten vor Beginn treffen sie sich zur Vorbereitung. Nach der Gruppenstunde folgt eine gemeinsame Reflexion. "Wir verschwinden nicht sofort nach dem Aufräumen", sagt Horstmann. Es sei wichtig, Eindrücke auszutauschen und Dinge anzusprechen, die einen selbst beschäftigen.
Mehrmals im Jahr Supervision
Für die Ehrenamtlichen bedeutet das: Sie sind mit den Geschichten der Kinder nicht allein. Anke Horstmann hat selbst früh Angehörige verloren. Deswegen ist es ihr heute wichtig, andere in ihrer Trauer zu unterstützen. . Gleichzeitig sei es wichtig, die eigene Geschichte ausreichend verarbeitet zu haben. "Man muss für sich selbst relativ klar und gefestigt sein", sagt sie.
Grundsätzlich könne die Aufgabe aber gelernt werden. Die Ehrenamtlichen werden entsprechend qualifiziert und setzen sich dabei auch mit der eigenen Geschichte auseinander. Ihre Arbeit hat auch Horstmanns eigenen Umgang mit dem Thema Tod verändert. "Ich merke, dass ich selbst Worte dafür gefunden habe", sagt sie. Am Anfang sei es ihr nicht leichtgefallen, über Tod, Trauer und Sterben zu sprechen. Inzwischen sei das für sie selbstverständlicher geworden.
Deshalb findet sie es auch wichtig, Kinder schon früh mit dem Thema in Berührung zu bringen – nicht erst, wenn jemand gestorben ist. Dafür brauche es nicht unbedingt einen konkreten Anlass. Bücher und Filme könnten einen spielerischen Zugang schaffen. Horstmann nennt etwa "Die schönsten Beerdigungen der Welt" oder "Knietsche, der kleinste Philosoph der Welt" als gute Beispiele.
