Interview zu Kirche im Dialog

Und was ist Dir heilig?

© Unsplash/Jiroe

30. Juli 2019 von Lena Modrow

Im noch neuen Werk „Kirche im Dialog“ kümmern sich Emilia Handke und Dennis Bock unter anderem darum, wie man mit Menschen über Religion und Kirche ins Gespräch kommen kann, die damit keinen oder nur wenig Kontakt haben. Mit mehr Begeisterung, mehr Persönlichkeit, mehr Mut? Der Teufel steckt dabei natürlich im Detail, wie Emilia Handke im Interview erklärt.

Das Werk Kirche im Dialog gibt es nun fast ein Jahr. Zugespitzt gefragt: Wird jetzt alles anders?

Vielleicht haben manche die Erwartung, dass jetzt ganz außergewöhnliche, innovative Formate entwickelt werden, die es noch nie gab und die auf einmal eine Art Wende bringen. Das ist natürlich eher unrealistisch. Ich glaube, wir haben viel damit zu tun, das Kostbare, das wir haben, kommunikativer und anschlussfähiger zu gestalten.

Gibt es da ein konkretes Beispiel?

Ich beobachte zum Beispiel seit längerem die Entwicklung der Ritualkultur. Inzwischen scheint es eine beachtliche Zahl auch an Kirchenmitgliedern zu geben, die freie Ritualbegleiterinnen in Anspruch nehmen für Willkommensrituale, Trauungen und Bestattungen – anstatt dass sie das in einer Kirchengemeinde anfragen. Die freien Redner haben uns in ihrer Ansprache nach außen einiges voraus. Sie zeigen zum Beispiel viel Persönliches von sich, werben für ihre Arbeit und vernetzen diese – digital auf ihren Homepages, in Beiträgen und Videos, sodass sich Menschen zum  einen mit ihnen identifizieren können. Aber auch ein Stück weit ausprobieren und gucken können: Ach, so machen die das, das spricht mich an, das entspricht mir. Die Schwelle zur Gemeinde ist für viele Leute sehr viel höher.

Also sollten Pastorinnen und Pastoren ihre eigene Arbeit viel stärker zeigen und bewerben?

Wir haben in der Kirche eher Angst davor, dass sich jemand „vermarktet“ – Konkurrenz in der Kirche ist ein schwieriges Thema. Doch ich glaube, es wird in Zukunft immer stärker darum gehen müssen: Wofür stehst du ein, wo kannst du nicht anders? Was ist dir heilig? „Glaub-Würdigkeit“ muss erzeugt werden – sowohl digital als auch in der persönlichen Begegnung. Ich glaube, wenn wir Formen finden, von denen wir selbst erfüllt sind, ist das der allererste Schritt dafür, dass es andere auch berühren kann.

Emilia Handke

Das hängt dann ja auch wesentlich von der Persönlichkeit ab, die da kommuniziert.

Ich denke, es wäre eine Stärke – auch wenn wir nicht alle in allem theologisch miteinander übereinstimmen – zu sagen: „Du kannst Menschen ansprechen, die ich nicht ansprechen kann; du kannst das Evangelium auf eine Weise kommunizieren, die mir eher fremd ist.“ Und so gibt es tatsächlich eine religiöse Vielfalt der Stimmen, die sich gegenseitig ergänzt, so dass Menschen selbst entscheiden können – und das tun sie ja längst –, von wem sie sich persönlich angesprochen fühlen, wessen Interpretation des Christentums – und wir brauchen alle diese Interpretationen – zu ihnen spricht.

Wenn doch ein Bedürfnis nach Interpretationen des Evangeliums und christlichen Ritualen wie Hochzeit oder Taufe da ist, warum suchen die Menschen dann das doch immer weniger bei dem „Anbieter“, der sie erfunden hat?

Das tun sie aus unterschiedlichsten Gründen. Ein wichtiger Grund ist zum Beispiel die weltanschauliche Pluralität innerhalb einer Partnerschaft. Da muss man dann versuchen einen Kompromiss zwischen den verschiedenen Traditionen und Ansichten zu finden – und das ist dann für die Trauung häufig ein freier Redner, wie das Wort es schon sagt. Dass aber auch ein Pastor oder eine Pastorin darauf eingehen kann und einer der Partner konfessionslos sein darf – das wissen wir in der Kirche, aber die Leute wissen das in der Regel nicht. Da haben wir ein ziemlich großes Kommunikationsproblem. Denn ich glaube nicht, dass das Bedürfnis nach Religion und auch nicht die Tiefe der großen Erzählungen verloren geht.  Ich glaube ebenso nicht, dass der Glaube an Gott unattraktiv geworden ist, überhaupt nicht. Ich glaube, dass die Formen, in denen wir kommunizieren, nur für bestimmte Leute anschlussfähig sind.

Das heißt, es müsste eine neue Sprache, neue Ausdrucksformen gefunden werden?

Ja, und auch das ist ja ein altes Thema. Die Frage ist zum Beispiel,  wie kann man den Sinn der Kindertaufe so vermitteln, dass es wirklich verständlich ist? Zum Beispiel sagen manche Leute: „Ich finde das auch ganz schön mit der Taufe, aber wenn es Gott gibt und der alle Menschen liebt, dann brauche ich doch auch die Taufe nicht – dann liebt er mein Kind ja auch ohne Taufe.“ Wie soll ich da antworten als Pastor oder Pastorin? Ich finde das gar nicht einfach. Kann man so etwas sagen wie: „Man kann jemanden schon immer lieben, aber es macht doch einen großen Unterschied, wenn man das ausspricht“? Man sagt wohl nicht umsonst: Der Teufel steckt im Detail. Und genauso gibt es die Frage, wie man eine Taufe so organisieren kann, dass wirklich unterschiedliche Milieus daran teilnehmen können.

Das große Tauffest am Elbstrand dieses Jahr hat doch einen ganz guten Weg aufgezeigt, oder?

Auf jeden Fall! Ich glaube, die Taufe hat dort eine ungeheure Schönheit entfaltet. Denn da ist etwas gelungen, das uns eigentlich permanent aufgegeben ist, nämlich: Wie können wir christliche Gemeinschaft wirklich erfahrbar machen; wie können wir auch den Menschen einen Ort bieten, die Angst haben, dass sie dem stereotypisierten kirchlichen Familienbild nicht entsprechen – alleinerziehenden Müttern zum Beispiel? Es nützt uns nichts, Kasualien nur anzubieten und darauf zu hoffen, dass Menschen sie anfragen, sondern wir müssen viel mehr Zielgruppenarbeit machen und den Weg ebnen, dass Menschen Lust bekommen, daran teilzunehmen. Unsere kirchlichen Rituale müssen so schön, so stark, so anmutig sein, dass ich mich nicht nur mit ihnen – im besten Sinne des Wortes – schmücken, sondern mich auch in ihnen bergen will, weil ich sage: Es macht mein Leben tiefer, ich fühle mich wohler damit. Bei dem Tauffest ist vieles davon in hohem Maße gelungen.

„Lust bekommen, an etwas teilzunehmen“ – darauf zielt dann ja wohl auch das Format „Pop Up Church“ ab – die Kirche, die an ungewöhnlichen Orten auftaucht?

Unter dem Motto „Du bist wunderbar gemacht“ findet am 3. August 2019 von 12 bis 15 Uhr die nächste Pop Up Church statt – dieses Mal an der Hamburger Hauptkirche St. Petri zum CSD. 

Pop Up Church

Außerdem gibt es am 2. August einen Pop Up Church Gottesdienst zum Thema Sündenfall „Im Garten der Lüste: Wie alles begann …“ – mit Feuer, Picknick und Popularmusik im Botanischen Garten Wandsbek.

Pop Up Church Gottesdienst

Es gibt tatsächlich so viele Themen in der Öffentlichkeit, die immer noch christlich konnotiert sind, die aber mit Bedeutung gefüllt werden müssen – zum Beispiel Christi Himmelfahrt oder Pfingsten, alles staatliche Feiertage. Aber was feiern wir da eigentlich genau – und wie können wir das so kommunizieren, dass es hängenbleibt? Das ist ebenso eine ziemliche Herausforderung! Es lohnt sich, solche Anlässe auch religiös zu bespielen, und zwar nicht nur mit einem öffentlichen Gottesdienst unter freiem Himmel, sondern auch mit einer kleinen Form, die dort auftaucht, wo man es überhaupt nicht erwartet. Mit Pop Up Church  versuchen wir, dass Menschen „on the road“ auf unkomplizierte Weise mit Religion und Kirche in Kontakt kommen und durch unsere jungen Gesichter im Talar zu zeigen: Wir sind eine Kirche, die nicht ausstirbt, sondern eine Kirche, die mitten im Leben ist und dieses Leben begleiten möchte – eben eine Kirche im Dialog.

Aktion der Popupchurch zum Christopher Street Day in Hamburg

Bedeutet das, unsere Kirche muss insgesamt beweglicher werden, um in Zukunft bestehen zu können?

Das sind traurige Abbruchprozesse, die auf uns zukommen – ich will die nicht schön- und auch nicht kleinreden. Aber wenn man darin eine Chance sehen möchte, dann die, dass unsere Formen beweglicher werden müssen – Prof. Dr. Thomas Klie hat von einem auch „ambulanten“ im Gegensatz zu einem rein „stationären Christentum“ gesprochen –, und dass wir wissen, wir können nicht mehr 20 Jahre warten, bis eine neue Ordnung für irgendetwas beschlossen wird. Es bringt auch nichts, uns zu entzweien über unterschiedliche Traditionen. Das hält uns auf,  mit Menschen in Kontakt zu kommen. Denn das ist schließlich unsere Aufgabe: die Verbindung von Menschen zu Gott zu stärken.

Kirche im Dialog

Kirche im Dialog mit Dr. Emilia Handke und Dr. Dennis Bock hat als Werk der Nordkirche im September 2018 die Arbeit aufgenommen. Sie verstehen „Kirche im Dialog“ vor allem als Prinzip jeder kirchlichen Arbeit – ob in der Gemeinde oder im übergemeindlichen Bereich: Überall den Kontakt zur Gesellschaft zu suchen, die eigenen Formen auf Durchlässigkeit hin zu überprüfen. Das Werk als Anlaufpunkt hilft,  Erfahrungen und Projekte auf den verschiedenen Ebenen zu bündeln, Kooperationspartner zu suchen, eigene Projekte zu entwickeln und auch einen Transfer zwischen aktueller Forschung und Praxis zu leisten – zum Beispiel im Bereich der Kasualien.

Demnächst erscheint zur Herausforderung der kirchlichen Kasualpraxis durch den freien Markt das Buch „Provozierte Kasualpraxis. Rituale in Bewegung“, welches Emilia Handke zusammen mit Prof. Dr. Ulrike Wagner-Rau herausgibt.

Neben eigenen Projekten zum Beispiel im Bereich Gottesdienstpraxis und religiöser Erwachsenbildung organisiert und unterstützt es auch Veranstaltungen – wie etwa die Fortbildung „Kirche kooperativ – Gelingende Projekte mit Jugendlichen ohne konfessionelle Bindung“, die am 17./18. Januar 2020 in Berlin stattfindet. 

 

 

 

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