Geschichte

Vom Schlachtruf zur Nationalhymne: 175 Jahre Deutschlandlied

Die Helgoländer Möwen wissen nichts vom Dichter Hoffmann von Fallersleben, der auf der Hochseeinsel das „Lied der Deutschen“ geschaffen hat
Die Helgoländer Möwen wissen nichts vom Dichter Hoffmann von Fallersleben, der auf der Hochseeinsel das „Lied der Deutschen“ geschaffen hat© Fotolia, World travel images

18. August 2016 von Thomas Morell

Bei jeder Olympia-Medaille und jedem Fußball-Länderspiel achten die Fans darauf, welcher Sportler die Hymne auch wirklich mitsingt: Kein deutsches Lied hat so viel Publikum wie die Nationalhymne. Vor 175 Jahren, am 26. August 1841, hat der Germanistik-Professor August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874) auf Helgoland das „Lied der Deutschen“ geschrieben. Jetzt will die Nordsee-Insel das Jubiläum feiern.

Deutsch war der Entstehungsort des Deutschlandlieds strenggenommen nicht. Helgoland zählte zu der Zeit zu Großbritannien, und das Friesisch der Helgoländer wurde allenfalls auf Sylt oder Amrum noch verstanden. Vier Wochen lang hielt sich Hoffmann von Fallersleben im August 1841 auf Helgoland auf, um sich zu erholen. Mit Erfolg: Drei Tage nach der Niederschrift kaufte sein Verleger Julius Campe das Gedicht spontan für vier „Louisdor“, was heute grob geschätzt 800 Euro wären.

Bis heute ist das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Nationalhymne gespalten

„Deutschland, Deutschland, über alles/ über alles in der Welt“ - vor allem die ersten beiden Zeilen des Liedes gelten heute als Zeichen für eine nationalistische Überheblichkeit, wie sie dem Nationalsozialismus eigen war. Dabei konnten sie vor 175 Jahren auch anders verstanden werden: Die deutsche Nation sollte sich über all die zahlreichen Königreiche, Großherzogtümer, Grafschaften, Fürstentümer und Hansestädte wölben - knapp 40 an der Zahl - in denen seinerzeit deutsch gesprochen wurde.

Allerdings zog Hoffmann von Fallersleben die Grenzen recht großzügig „von der Maas bis an die Memel“: Die Maas durchfloss das Herzogtum Limburg im heutigen Belgien, die Memel markierte damals die Nordgrenze von Ostpreußen, die heutige russische Region Kaliningrad. „Von der Etsch bis an den Belt“: die Etsch in Südtirol gehörte damals zu Österreich und heute zu Italien, der Kleine Belt markierte seinerzeit die Nordgrenze des Herzogtums Schleswig im heutigen Dänemark.

Engagement für ein einheitliches Deutschland mit Ausbürgerung bestraft

Hoffmann von Fallersleben galt als ein kritischer Oppositioneller. Wegen seines Engagements für ein einheitliches Deutschland und seiner liberalen Gesinnung wurde der Germanistik-Professor 1842 von der preußischen Regierung ohne Pension entlassen. Ein Jahr später entzog man ihm die preußische Staatsbürgerschaft und verwies ihn des Landes. Hoffmann wurde insgesamt 39 mal ausgewiesen und zog ruhelos durch Deutschland.

Seine oppositionelle Haltung sollte allerdings über seine nationalistische Gesinnung nicht hinwegtäuschen. Franzosen schmähte er als „Scheusale der Menschheit“ und „tolle Hunde“. Den Juden hielt er in seinem Gedicht „Emancipation“ vor: „Willst du von diesem Gott nicht lassen, nie öffne Deutschland dir sein Ohr“.

Vom Schlachtruf zur Nationalhymne in abgespeckter Version

Es war aber dann ein Sozialdemokrat, Reichspräsident Friedrich Ebert, der Hoffmanns „Lied der Deutschen“ am 11. August 1922 zur Nationalhymne erklärte. Dabei war „Deutschland über alles!“ bereits im Ersten Weltkrieg als Schlachtruf deutscher Soldaten bekannt. Zum kriegstreibenden Kampflied stieg es dann auf, als die herrschenden Nationalsozialisten nur noch die erste Strophe zuließen und sie mit dem „Horst-Wessel-Lied“ verbanden.

Nach Kriegsende 1945 wurde wieder eine Nationalhymne gesucht. 1952 entschied ein offizieller Briefwechsel zwischen Bundespräsident Theodor Heuss und Kanzler Konrad Adenauer, dass das „Lied der Deutschen“ Nationalhymne bleiben sollte - allerdings nur die dritte Strophe.

„Deutschland, einig Vaterland“ aus DDR-Hymne nach der Wende nur zweite Wahl

Interessant wurde die Frage noch einmal bei der Wiedervereinigung 1990. Angeboten hätte sich auch die DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“, die Nationalgefühl mit der Hoffnung auf Frieden und Sonne für Deutschland vereint. Zudem steht in der ersten Strophe das Wende-Motto „Deutschland, einig Vaterland“. Doch Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Bundeskanzler Helmut Kohl beharrten auf dem Deutschlandlied.

Wie empfindlich die deutsche Seele noch immer reagiert, musste vor wenigen Tagen Diskuswerfer und Gold-Medaillen-Gewinner Christoph Harting erfahren, als er auf dem Siegertreppchen zur Nationalhymne schunkelte. Sport-Kollegen warfen ihm mangelnden Respekt vor und Harting versuchte sich mühsam mit einem „Flow“ im Kopf zu entschuldigen. Ähnlichen Ärger hatte schon Sarah Connor vor einigen Jahren, als sie im Bayern-Stadion versehentlich „Brüh im Lichte dieses Glückes“ statt „Blüh im Glanze dieses Glückes“ sang.

Helgoländer feiern 175-jähriges „Deutschlandlied“-Jubiläum mit Kunst und Kultur

Die Helgoländer wollen das Jubiläum am 26. August würdig und auch fröhlich feiern. Erwartet wird eine Delegation aus Hoffmanns Geburtsort Fallersleben, einem Stadtteil von Wolfsburg, die ein eigens gebrautes Festbier mitbringt. Präsentiert werden Sonderbriefmarke und Gedenkmünze. Auf dem Programm stehen unter anderem Poetry Slam und Street Art mit Marc Beinsen als „Hoffmann von Fallersleben“. Beim offiziellen Festakt wird dann das Haydn-Quartett auch die Nationalhymne spielen.

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