Geschichte

Vor 100 Jahren kam Nordschleswig durch eine Volksabstimmung zu Dänemark

 1920 konnten 182.000 Dänen und Deutsche darüber abstimmen, wo die Grenze zwischen Dänemark und Deutschland verlaufen sollte. (Symbolbild)
1920 konnten 182.000 Dänen und Deutsche darüber abstimmen, wo die Grenze zwischen Dänemark und Deutschland verlaufen sollte. (Symbolbild)© Maik, AdobeStock

10. Februar 2020 von Nicole Kiesewetter

Es ist nur ein kurzer Strich auf der Landkarte, aber einer mit viel Geschichte: 1920 konnten 182.000 Dänen und Deutsche darüber abstimmen, wo die Grenze zwischen Dänemark und Deutschland verlaufen sollte. Heute gilt die Grenzregion als vorbildlich.

Im Frühjahr 1920 schlugen die Wogen hoch im Land zwischen den Meeren: Bunt gemischt hatten Deutsche und Dänen bis dahin im Norden des Deutschen Reiches nebeneinander und miteinander gelebt. Doch der Versailler Vertrag hatte nach Ende des Ersten Weltkriegs eine Volksabstimmung darüber festgelegt, welcher Teil zu Dänemark und welcher zu Deutschland gehören sollte.

Nebeneinander und miteinander

Über Jahrhunderte hinweg zählte das Herzogtum Schleswig gemeinsam mit dem Herzogtum Holstein als Lehen zur dänischen Krone. Schleswig reichte von der Eider bei Rendsburg und Eiderstedt bis hoch nach Hadersleben und der Insel Röm. Gesprochen wurde hier vor allem deutsch, niederdeutsch, dänisch und friesisch. Nach der Niederlage im deutsch-dänischen Krieg 1864 musste Dänemark beide Herzogtümer abtreten, zwei Jahre später wurden sie dem Königreich Preußen einverleibt. Eigentlich war laut Friedensvertrag bereits zu dieser Zeit eine Volksabstimmung vorgesehen. Doch Preußen verweigerte die Durchführung.

Nach der deutschen Niederlage im ersten Weltkrieg wurde im Versailler Vertrag 1919 eine Volksabstimmung in der Provinz Schleswig festgelegt. Am 10. Februar (Abstimmungszone I) und am 14. März 1920 (Abstimmungszone II) legten die Bewohner einen Grenzverlauf fest: Bei der Abstimmung in der ersten Zone hatte sich die Bevölkerung Nordschleswigs mit 74,9 Prozent für Dänemark entschieden. Die zweite Zone stimmte mit 80,2 Prozent ebenso deutlich für den Verbleib in Deutschland. So kam "Nordschleswig" mit Hadersleben, Apenrade und Tondern zu Dänemark, "Südschleswig" zwischen Sylt, Flensburg, Eiderstedt und der Stadt Schleswig blieb deutsch.

Festgottesdienst zum Auftakt

St. Nicolaikirche in Apenrade
Die St. Nicolaikirche im dänischen Apenrade.© AdobeStock, etfoto

Mit zahlreichen Veranstaltungen diesseits und jenseits der Grenze wird in diesem Jubiläumsjahr an das historische Datum erinnert. Den Auftakt bildete ein Festgottesdienst im dänischen Apenrade am Sonntag (9. Februar) mit dem Schleswiger Bischof Gothart Magaard und den dänischen Bischöfen Marianne Christiansen aus Hadersleben und Bischof Elof Westergaard aus Ribe. Im Gegenzug wird am 15. März in Flensburg gefeiert. Erwartet wird dazu unter anderem Prinzessin Benedikte, die Schwester von Königin Margrethe II.

Für Dänemark sei das Ergebnis der Volksabstimmung in der Ersten Zone eine triumphale Wiedergutmachung der Niederlage im Krieg von 1864 gewesen, sagt Frank Lubowitz, Leiter des Archivs und der Historischen Forschungsstelle der deutschen Volksgruppe in Nordschleswig. "Dieser Triumph wurde feierlichst zelebriert."

Auf einem Schimmel ritt der dänische König Christian X. am 10. Juli 1920 über Grenze und nahm auf der Düppeler Höhe, wo 1864 preußische Soldaten die dänische Armee besiegten, Nordschleswig in Besitz. "Düppel wurde damit vom Ort der Niederlage zu einem Symbol dänischer Selbstbehauptung", so Lubowitz. Seitdem finden alle Jubiläumsfeiern zur Volksabstimmung an diesem Ort statt.

Das wird auch bei der großen Feier zum 100-jährigen Gedenken in diesem Jahr der Fall sein, wenn Königin Margrethe II. den Spuren ihres Großvaters folgt und auf der gleichen Route durch Nordschleswig nach Düppel fährt, wo am 11. Juli die Feierlichkeiten ihren Höhepunkt erreichen.

Genaugenommen war das Herzogtum Schleswig staatsrechtlich von 1200 bis 1864 ein dänisches Reichs- und Königslehen und damit nicht unmittelbarer Teil des Königreichs Dänemark. Dennoch feiert Dänemark die Vereinigung von Nordschleswig mit dem Königreich als "Wiedervereinigung". Die Dänen sähen die Zugehörigkeit dieser Region zum Königreich "als ihr angestammtes Recht", sagt Oliver Auge, Professor für Regionalgeschichte an der Kieler Universität. Der Begriff der "Wiedervereinigung" stamme aber aus der Feudalwelt des Mittelalters.

"Ein vorbildlicher Grenzfrieden"

Faktisch sei Nordschleswig mit Dänemark im Jahr 1920 "vereint", aber nicht "wiedervereint" worden, so Oliver Auge. Deshalb erinnere die deutsche Seite in diesem Jahr vielmehr an die Volksabstimmung. Dadurch seien nach einem "teils leidvollen Weg" zwei Minderheiten entstanden, die heute in einem "vorbildlichen Grenzfrieden" miteinander leben. "Das ist doch gut, das kann man feiern."

Seit Ende 2018 ist die deutsch-dänische Grenzregion mit ihren Minderheiten auch im nationalen Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes der Unesco registriert - auf deutscher und dänischer Seite. Der dänischen Minderheit im nördlichen Schleswig-Holstein werden aktuell rund 50.000 Menschen zugerechnet. Die deutsche Minderheit im südlichen Dänemark umfasst etwa 15.000 Menschen.

"Blick aus der Gegenwart in die Zukunft" 

Ob bei den dänischen Feierlichkeiten "vor allem auf den dänischen Sieg bei der Abstimmung zurückgeschaut wird oder ob man die gemeinsame Zukunft im Blick hat, muss sich im Verlauf des Jahres zeigen", merkt auch Frank Lubowitz kritisch an. Eine Rückschau auf die Abtretung Nordschleswigs ist in Schleswig-Holstein nicht vorgesehen, bestätigt er: "Hier blickt man aus der Gegenwart in die Zukunft und hat ein deutsch-dänisches Freundschaftsjahr proklamiert".

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