Digitaler Nachlass

Was bleibt von mir? Eine App hilft Menschen ohne Obdach, Erinnerungen zu hinterlegen

Bilder, Texte und andere Erinnerung lassen sich in der App speichern – so bleiben sie für Angehörigen erhalten.
Bilder, Texte und andere Erinnerung lassen sich in der App speichern – so bleiben sie für Angehörigen erhalten. © Sarandy Westfall, Unsplash

29. September 2026 von Hagen Grützmacher

Michael Finnern organisiert mit seinem Team vom "Hamburger Gabenzaun" eine Anlaufstelle für obdachlose Menschen. Seit Kurzem gibt es dort nicht nur kostenlose Mahlzeiten. Menschen ohne festen Wohnsitz können einen digitalen Nachlass anlegen.

Michael Finnern muss richtig anpacken. Im Nebenraum einer Hamburger Kirchengemeinde schiebt er Stühle und Tische zurecht. Er ist Sozialarbeiter und organisiert mit vielen Helferinnen und Helfern eine Anlaufstelle für obdachlose Menschen. Hier gibt es nicht nur ein kostenloses Essen. Seit Kurzem können Menschen von der Straße in der Einrichtung auch einen digitalen Nachlass hinterlegen.

Nachlass ist mehr als Geld

„Da geht es natürlich in den meisten Fällen nicht um Geld, sondern um die persönlichen Angelegenheiten. Was möchte ich meiner Familie noch erzählen?“ Finnern arbeitet seit gut zwei Jahren beim Verein Hamburger Gabenzaun. Zusammen mit Partnern wie der Bahnhofsmission wollen sie jetzt den digitalen Nachlass für Obdachlose anbieten.

„Es ist ganz oft so, dass der Nachlass nicht groß beachtet wird, weil man den nur mit Geld in Verbindung bringt. Auch im normalen Alltag passiert es schnell, dass wir den Menschen, denen wir gerne noch etwas gesagt hätten, nichts hinterlassen. Eigentlich ist das nicht nur gut für Menschen ohne Obdach, sondern für uns alle.“

Wie sollen sich die Kinder an mich erinnern? 

Klaus ist Stammgast bei der Anlaufstelle in der Hamburger Innenstadt. Seit 2024 ist er wohnungslos. Michael Finnern setzt sich mit ihm an einen Tisch im Außenbereich und erklärt, wie die neue App funktioniert und was er eintragen kann. Klaus ist 53 Jahre alt und Vater mehrerer Kinder. Er findet das Angebot gut.

„Da sollte man sich ein Herz fassen und das machen. Damit man noch weiß, wie die Person als Mensch war.“ Wenn er auf der Straße übernachten muss, schläft er meist nicht viel, sagt Klaus. Auch aus Vorsicht. „Ich würde diesen Nachlass vor allem für meine beiden Jüngsten machen. Also allgemein für meine Kinder. Das wäre mir wichtig.“

Armut betrifft mehr und mehr Menschen

Während die beiden Männer über die App sprechen, laufen die Vorbereitungen für das Mittagessen auf Hochtouren. Es gibt vegetarische Burritos, frisch gekocht. Zwischen 40 und 50 Gäste kommen jede Woche hierher, für Essen und Gespräche. Der Verein finanziert sich über Spenden. Was den Helfenden auffällt: Es sind immer mehr Menschen, die zu ihnen kommen.

„Früher waren es eher 40 Gäste, jetzt sind wir oft über 50 Personen“, sagt Michael Finnern. Er hat gut zehn Jahre Erfahrung in der Obdachlosenhilfe und ist trotzdem geschockt, wie er sagt. „Es leben immer mehr Menschen auf der Straße. Vor allem auch Frauen.“

Das neue Angebot zum digitalen Nachlass läuft über eine App, die in mehreren Sprachen vorliegt. Die Daten werden vor Ort eingegeben, ein eigenes Handy ist nicht zwingend nötig. Neben der menschlichen Seite hat das neue Angebot auch eine ganz praktische Funktion für den Notfall.

Kontaktdaten für den Notall im Armband 

„Die Menschen, die das möchten, können sich ein NFC-Armband machen lassen. Auf dem Band werden dann nur minimale Daten gespeichert und der Kontakt einer Vertrauensperson“, erklärt der Sozialarbeiter. „Wenn dann mal was passiert und es sind keine Papiere vorhanden, kann die Polizei dieses Armband auslesen und die wissen dann, an wen sie sich wenden müssen.“

Über die App können auch Dokumente sicher abgelegt werden. Denn für Obdachlose ist es nicht immer leicht, wichtige Papiere beisammen zuhalten, berichten die Mitarbeitenden vom Hamburger Gabenzaun. Die digitalen Kopien bieten dann eine zusätzliche Sicherheit. Die technische Umsetzung liegt bei einer Firma im niedersächsischen Lüneburg.

Hamburg testet, andere Städte könnten nachziehen 

Bisher wird die neue App noch getestet, im Spätherbst soll es richtig losgehen. An zwei Orten in Hamburg wird der digitale Nachlass für Obdachlose dann angeboten. Wenn es gut läuft, soll das Projekt für Menschen auf der Straße mittelfristig in ganz Deutschland an den Start gehen.

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