Unterwegs mit Hinz&Künztler Chris

So hart ist das Überleben in Hamburg: Ein Stadtrundgang

Hinz&Künztler Chris erklärt, was es heißt, auf Hamburgs Straßen Platte zu machen.
Hinz&Künztler Chris erklärt, was es heißt, auf Hamburgs Straßen Platte zu machen. © Julia Krause, Nordkirche

11. Mai 2026 von Julia Krause

Hamburg ist die viertteuerste Stadt: Nur München, Frankfurt und Berlin haben noch höhere Mietspiegel. Gleichzeitig hat die Hansestadt ein riesiges Problem: Auf ihren Straßen verelenden tausende ohne Obdach. Ein Stadtrundgang mit Hinz&Künztler Chris zeigt eindringlich, wie schnell der Abstieg gehen kann.

Wer ein Gefühl dafür bekommen möchte, wie weit in Hamburg die Schere zwischen Arm und Reich auseinanderdriftet, kann einfach den Zug nehmen und am Hauptbahnhof aussteigen. Unmittelbar vor den Eingängen sitzen und liegen Menschen auf dem Boden. Einige wirken anssprechbar, andere scheinen in ihrer eigenen Welt zu sein. Vielen sieht man an, dass sie nicht gesund sind und schon lange nicht mehr geduscht oder ihre Kleidung gewechselt haben. 

Unterwegs mit einem, der Ahnung hat

Es ist ein Anblick, der nicht leicht auszuhalten ist. Mein erster Impuls ist, mich abzuwenden und schnell dorthin zu eilen, wo es schön ist: zur Alster und ihrer Flaniermeile unter den Zierkirschen oder in die Mönckebergsstraße mit ihren aufwendig gestalteten Schaufenstern. Doch heute treffe ich Chris. Er ist Stadtführer bei Hinz&Kunzt, einem der ältesten Straßenmagazine Deutschlands. 

Ausgehend vom Bahnhofsviertel führt er regelmäßig Gruppen durch die Innenstadt und erklärt dabei, was es bedeutet, in Hamburg obdachlos zu sein. Für heute hat sich eine Gruppe junger Menschen zwischen 16 und Anfang 20 angemeldet. Sie absolvieren ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ). Die Stadtführung ist für sie so etwas wie ein Praxisseminar, erklärt mir eine der Teilnehmer*innen. 

Rundgang ohne Gaffen

Von der Zentralbibliothek aus gehen wir los, vorbei am Drob Inn und anderen Hilfseinrichtungen für Menschen, die ohne Obdach oder suchterkrankt sind. Die Plätze, an denen gebettelt oder gedealt wird, sehen wir nur von weitem. Denn: "Wir sind hier nicht im Zoo", sagt Chris. 

Trotzdem beschleicht uns schnell eine Ahnung davon, wie dramatisch das Leben auf der Straße ist. Denn Chris nimmt kein Blatt vor den Mund. "Wisst ihr, wie viel Geld ein Abhängiger pro Tag braucht?", fragt er die Gruppe. "200 bis 300 Euro. Das kriegt man mit normaler Arbeit natürlich nicht hin." 

Der Abstieg ist schnell und hart

Er erklärt, wie die Abwärtsspirale funktioniert, in der die Drogen nach dem ersten Ausprobieren für manche immer härter – und teurer werden. Erst baue man sich ein Lügenkonstrukt auf, um sich Geld zu leihen. Wenn dies auffliege, bliebe den meisten Suchtkranken nur der Weg in die Kriminalität und Prostitution.  

Dass dies jedoch keineswegs immer nur "die anderen" betrifft, sagt er gleich dazu. "Jeder von uns hat Suchtansätze." Die Frage sei nur, wie viel ein Mensch aushalten könne, bevor sein Leben aus den Fugen gerate.

Schicksalsschläge können jeden treffen

Er selbst weiß, wovon er spricht: Der Ruhrpottler ist ohne Eltern als Heimkind aufgewachsen. Gewalt gehörte sehr lange Zeit zu seinem Leben, erzählt er. Trotzdem schaffte er es, eine Dachdecker-Ausbildung zu machen und in diesem Beruf zu arbeiten. Doch die Erlebnisse seiner Vergangenheit ließen ihn nicht los. Er trank Schnaps, verlor seinen Job, trank mehr Schnaps, verlor auch seine Wohnung und endete auf der Straße. 

Sieben Jahre lang habe er ohne Unterkunft gelebt, also Platte gemacht. Um sich selbst zu schützen, habe er sich eingeredet, freiwillig auf der Straße zu leben. "Das war natürlich Quatsch", sagt er rückblickend.

Arbeitsstruktur gibt neuen Halt

Erst durch die Begegnung mit Hinz&Kunzt habe er wieder Halt gefunden. Am Anfang sei es ihm nur eine halbe Stunde pro Tag möglich gewesen, Zeitungen zu verkaufen, erinnert er sich. Doch mit der Zeit habe er seine Arbeitszeiten steigern können. 

Heute führt er für Hinz&Kunzt mehr als 300 Gruppen pro Jahr durch die Straßen Hamburgs und lässt die Teilnehmer dabei Schätzfragen wie diese beantworten: "Wie viel Eigentumsmillionäre gibt es in Hamburg?" Die Antwort erstaunt die Gruppe: 42.000. 

Überleben in Hamburg ist teuer

Demgegenüber stehen in dieser Stadt rund 4000 obdachlose Menschen. Hinzu kommen etwa 40.000 Menschen, die zwar ein Dach über dem Kopf, aber keine eigene Wohnung haben, sondern zum Beispiel in Sammelunterkünften leben. 

Dazu gibt Chris einen Schnellkurs in Hamburger Quadratmeterpreisen und Lebensunterhaltungskosten. Am Ende ist klar: Selbst, wer in Hamburg keine Miete bezahlt, benötigt eine Menge Geld, um über die Runden zu kommen. 

Jeder Toilettengang kostet

"30 Euro pro Tag braucht ein Obdachloser", sagt er. Und rechnet vor, was es bedeutet, sich ohne fließend Wasser und Strom sauber zu halten und zu ernähren. Allein der regelmäßige Besuch einer öffentlichen Toilette kostet am Tag um die 5 Euro. Hinzu kommen Kosten für die Dusche (Schwimmbadbesuch), das Waschcenter, ein Schließfach und eine warme Mahlzeit. Noch nicht eingerechnet sind da Hygieneartikel, Kleidung und die eventuelle Mitversorgung eines Hundes.

Am Ende des Rundgangs sitzen wir auf der Treppe unterhalb der Zentralbibliothek etwas frierend im Schatten. Einige bedanken sich artig bei Chris für seinen engagierten Vortrag. Dann haben die meisten es eilig, nach Hause zu kommen. 

Man muss sich dem Elend stellen

Mir geht es da nicht anders als den Teilnehmer*innen: Ich würde gern zurück in meine bequeme Welt mit einem weichen Sofa und einem vollen Kühlschrank. Doch eine Frage brennt mir noch auf der Zunge: "Was würde denn helfen?" Chris' Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: "Bezahlbarer Wohnraum", sagt er. "Und was kann jede*r einzelne tun?", hake ich nach.

Chris überlegt kurz. Dann sagt er: "Auch ein kleines Gespräch kann das Selbstwertgefühl aufbauen. Nicht nur Geld." Letzteres sei zwar auch wichtig, keine Frage, aber: "Für die Seele braucht es Gespräche." 

Über Hinz&Kunzt

Die erste Ausgabe des Straßenmagazins erschien 1993. Heute sind es gut 500 Menschen, die es regelmäßig in Hamburg und Umgebung verkaufen.

Ein Heft kostet 2,80 Euro. Davon verbleiben 1,40 Euro direkt bei der Verkäufer*in. Die übrige Hälfte geht in die Produktion und in die soziale Arbeit von Hinz&Kunzt. 

Denn neben der Magazin-Arbeit hilft Hinz&Kunzt auch bei Suchtproblemen, Geldsorgen und der Wohnungssuche. Zudem verstehen sich die Mitarbeiter*innen als Lobbyisten für Menschen, die von Armut und Wohnungslosigkeit betroffen sind. 

Hinz&Kunzt ist eine gemeinnützige GmbH. Gesellschafter sind das Diakonische Werk Hamburg und die Patriotische Gesellschaft von 1765. 

Finanziert wird die Arbeit von Hinz&Kunzt durch die Magazin-Einnahmen und Anzeigen sowie zu großen Teilen durch Spenden

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