Volle Teller für Magen und Seele: Wie in St. Petri Gastfreundschaft gelebt wird
29. Januar 2026
Mitten in Hamburgs Einkaufsstraße, zwischen Rathaus und Hauptbahnhof, liegt St Petri. Die offene Kirche lädt jeden Donnerstag zum "Mittagessen für alle". Auf einem roten Teppich servieren Freiwillige warme Mahlzeiten für alle, die nicht allein sein wollen oder sich vom anstrengenden Leben auf der Straße einen Moment erholen möchten.
Die ersten Gäste sind früh da: Schon gegen elf Uhr füllt sich der Raum vor dem roten Teppich im Kirchenschiff von St. Petri. Mitten auf dem Teppich stehen lange Bänke und Tische. Sie sind ordentlich gedeckt mit Gläsern und kleinen Mineralwasserflaschen. Renate Schöning legt noch Besteck hinzu, dann fehlt eigentlich nur noch das Essen.
Die Idee war eine Winterhilfe
"Was es gibt, ist jedesmal eine Überraschung", erklärt Schöning lächelnd. Die Rentnerin war früher hauptamtlich in der Kirchengemeinde beschäftigt. Heute hilft sie hier freiwillig, Teller zu füllen. "Ich mag nicht immer nur zuhause sitzen. Ich muss immer was um die Ohren haben."
Inzwischen sind sie und eine weitere ehrenamtliche Helferin so etwas wie die gute Seele des "Mittagessens für alle", das es seit drei Jahren in St. Petri gibt. Ins Leben gerufen hat es Hauptpastor Jens-Martin Kruse während der Energiekrise am Anfang des Ukraine-Krieges. "Damals haben wir gedacht, wir müssen ein Angebot schaffen für Menschen, die sich keine warme Wohnung leisten könnnen – oder kein warmes Mittagessen."
Jede Woche etwas Frischgekochtes
Doch aus dem Projekt, das ursprünglich nur für die Winterzeit gedacht war, ist inzwischen ein ganzjähriges Angebot geworden: Jeden Donnerstag können Menschen in der Innenstadtkirche eine Mahlzeit einnehmen. Angeliefert werden die wechselnden Gerichte von einer Catering-Firma, die auch Schulessen kocht. Heute gibt es Erbsensuppe mit Würstchen.
Immer mehr Menschen finden sich in der Kirche ein, manche tragen große Tüten bei sich, andere Rollkoffer und Rucksäcke. Manche setzen sich in die Kirchenbänke, anderen erkennen aneinander wieder und halten einen Plausch. Um halb zwölf bittet Pastor Kruse alle Wartenden zu Tisch.
Zupackend auf der Spur Jesu
Ab jetzt geht es flott: Renate Schöning füllt Teller um Teller randvoll mit der dampfenden Suppe, während der Pastor und ein freiwilliger Helfer sie zu den Gästen bringen. "Ja, hier wird serviert!", sagt die Ehrenamtliche mit Nachdruck.

Dass hier Menschen zwischen Orgel und Altar essen, während andere beten oder die Kirche auf ihren Urlaubsbildern festhalten, bedeutet für Pastor Kruse gelebtes Evangelium: "Wir sind da, glaube ich, in der Spur Jesu unterwegs, der gesagt hat: Die Armen gehören in die Mitte der Gemeinde. Und ich denke, er hat das nicht theorethisch gemeint, sondern ganz praktisch."
Essen in Gemeinschaft
Viele Gäste kommen inzwischen regelmäßig hierher, sagt Renate Schöning. Manche kennt sie mit Namen. Einige haben ihr in einer ruhigen Minute ihre Lebensgeschichte erzählt. "Das ist sehr berührend", sagt sie.
Unter den heutigen Gästen ist auch Joachim, ein ruhiger Mann mittleren Alters. Er sei alleinstehend und komme hierher, um in Gesellschaft essen zu können, sagt er. "Wenn ich für mich alleine koche, schmeckt es mir nicht." Zudem schätze er die Atmosphäre in St. Petri. Die meisten Gäste hier seien freundlich, das sei nicht überall so.
Ein Ort, der verbindet
Während er erzählt, gehen an einige Tischen die Hände hoch: Wer noch Hunger hat, bittet um Nachschlag. Andere stehen bereits auf und suchen ihre Habseligkeiten zusammen – sie wollen weiter. Ihr Platz bleibt nicht lange leer. Schon kommen die nächsten an, die sich bei einem Teller Suppe aufwärmen wollen. Es ist viel los in St. Petri, an diesem kalten Wintertag.

Solch ein Trubel habe anfangs nicht jedem in der Gemeinde gefallen, sagt Pastor Kruse. Doch im Prinzip seien es gerade die Kontraste, die seine Kirche so einzigartig machen. Hier treffen traditionsbewusste Hamburger auf Menschen, die ohne festen Anker durch die Stadt ziehen. Dazu kommen noch tausende Touristen, die die älteste Kirche Hamburgs jährlich besuchen.
Angebot existiert durch Spenden
Gerade die eher zufälligen Besucher reagierten oft besonders positiv auf das Mittagsangebot, erzählt er: "Viele sagen: 'Ich verstehe jetzt, warum es Kirche geben muss' – und spenden auch."
110 Portionen könnten dadurch jede Woche ausgeteilt werden. Alle seien durch Spenden finanziert. Bei Bedarf könne man sogar noch etwas mehr Essen finanzieren, so Kruse.
An diesem Tag sieht es so aus, als wenn er sich darauf einstellen sollte: Nach einer knappen Stunde sind alle Suppentöpfe leer geschöpft.
