Schaut nicht weg – Wie man Wohnungslosen jetzt helfen kann
08. Januar 2026
Der Norden versinkt im Schnee. Doch während sich die einen über geschlossene Schulen freuen, ist der Kälteeinbruch für andere lebensbedrohlich. Wir haben mehrere kirchliche Hilfseinrichtungen gefragt, was man jetzt tun kann, um Menschen ohne feste Bleibe zu helfen.
Nicht zögern! Wenn jemand nicht ansprechbar ist, sollte sofort der Notruf gewählt werden: 112 oder 110.
Temperaturen bis weit unter Null Grad, Sturm und Massen an Neuschnee: Das erwartet die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg und Schleswig-Holstein zum Wochenende. Doch während die einen noch über einen Großeinkauf und die Wochenendgestaltung am Kamin nachdenken, haben viele Menschen keine andere Wahl, als in Containern oder gar im Freien zu übernachten.
Es braucht mehr als Containerwände
Bundesweit sind laut Statistischem Bundesamt 531.600 Menschen obdach- oder wohnungslos. Die meisten von ihnen leben zumindest zeitweise in Unterkünften. Doch knapp 100.000 haben kein Dach über dem Kopf. Allein in Hamburg sind es rund 3800 Menschen, die auf der Straße, in Zelten, Autos, Abbruchhäusern oder Garagen leben.
- Spendenkonto Diakonisches Werk Altholstein GmbH
- DE79 5206 0410 2206 4848 40
- Evangelische Bank (GENODEF1EK1)
- Zweck: Bahnhofsmission Kiel
Die städtischen Winternotprogramme verhindern zwar den Tod durch Erfrieren. Doch zu einem menschenwürdigen Leben braucht es mehr, sagt Josefine Scotti. Sie ist Fachbereichsleitung Bahnhofsmission & mobile Hilfsangebote beim Diakonischen Werk Altholstein. In diesen Tagen halten sich 80 bis 90 Menschen täglich stundenlang in der Bahnhofsmission Kiel auf. Sobald die Kälteschutzcontainer morgens schließen, sind sie da, berichtet Scotti. Oft bleiben sie, bis sie abends dorthin zurückkehren.
Bahnhofsmission bietet etwas Halt und Wärme
Betreut werden sie von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern. Die einzigen beiden Hauptamtlichen, die zusammen vier Bahnhofsmissionen koordinieren, sowie die gesamte Ausstattung werden ausschließlich durch Kirchenmittel und Spenden finanziert.

"Wir sind froh, dass sich hier Menschen einbringen, damit andere ein bisschen Würde und Zuwendung erfahren", sagt Scotti. Hier treffen sie auf ein warmes Plätzchen und offene Ohren.
Bei Kaffee oder Tee können sie sich aufwärmen, reden oder einfach ein wenig zur Ruhe kommen. Vor allem seien alle willkommen, ergänzt Carsten Lange, Leiter der Bahnhofsmission Schwerin. "Unser Raum steht jedem offen", betont er. "Bei uns gibt es was für die Seele."
Hilfseinrichtungen brauchen dringend Unterstützung
Das Problem: Derzeit gibt es keine Möglichkeiten, Personal aufzustocken. Es fehle an Geld und Ehrenamtlichen, so Scotti. Gleichzeitig sei die Stimmung in den Räumlichkeiten angespannt. Denn oft litten die Gäste unter Sucht- oder psychischen Erkrankungen. Im Winter fehlten die Möglichkeiten, bei Konflikten nach draußen ausweichen zu können.

Aus demselben Grund mieden aber auch viele Wohnungslose die Notunterkünfte: Dort gebe es keinerlei Rückzugsmöglichkeiten und Privatsphäre, erklärt Scotti. Außerdem dürften in keiner Einrichtung Hunde mitgebracht werden, ergänzt Hartwig Vogt, Leiter der Obdachlosenhilfe der Rostocker Stadtmission.
Es droht Lebensgefahr
Seine Einrichtung unterhält eine Wärmestube am Güterbahnhof sowie zwei Sammelunterkünfte. Beide sind derzeit voll ausgelastet: Für Männer gibt es 25 reguläre Schlafplätze, für Frauen sind es 10. Doch wer zu ihnen komme, erhalte trotz der hohen Auslastung noch einen Schlafplatz, sagt er. "Es muss keiner draußenbleiben." Notfalls würden zusätzliche Klappbetten aufgestellt.
Spendenkonto Rostocker Stadtmission:
IBAN DE71 3702 0500 0003 8806 00
Vierbeiner müssten, wie bei allen institutionellen Einrichtungen, privat anderweitig untergebracht werden. Für viele dürfte die Liebe zum Tier ein Argument dafür sein, es so lange wie möglich draußen auszuhalten. Doch das kann lebensgefährlich sein.
Bitte fragt lieber zu viel als zu wenig nach!
Die Diakonischen Werke im Norden fordern alle Menschen auf, auf andere achtzugeben. "Man kann sich beispielsweise darüber informieren, welche lokalen Hilfsangebote es gibt. In Kiel kann man etwa den Kältebus der Malteser anrufen", rät Josefine Scotti. Ähnliches gibt es auch in anderen Städten wie Hamburg und Rostock.

Generell gilt: Jede und jeder kann Hilfe anbieten, etwa in Form eines heißen Getränks oder der Nachfrage, ob etwas anderes benötigt werde. In Fällen, in denen möglicherweise Lebensgefahr besteht oder medizinische Hilfe vonnöten ist, sollte die Polizei beziehungsweise der Rettungsdienst benachrichtigt werden. "Lieber einmal zu viel als zu wenig", sagt Jörn Sturm, Geschäftsführer von Hinz & Kunzt.
Warme Orte sollten offen bleiben
Er fordert zudem kommunale Hilfen und eine höhere Toleranz. "Kälteschutz ist kein Gnadenakt, sondern eine staatliche Pflicht. Wir appellieren an den Senat und die Verkehrsbetriebe, ihrer Verantwortung nachzukommen." Dazu gehöre es, öffentliche, geschützte Räume wie Bahnhöfe rund um die Uhr offen zu halten. Niemand dürfe von diesen Orten vertrieben werden.
In Hamburg ist der Mitternachtsbus der Diakonie eine wichtige Hilfe für Menschen, die auf der Straße leben: Jede Nacht fährt eine ehrenamtliche Besetzung durch die Stadt und verteilt Decken, Schlafsäcke, heiße Getränke und Snacks.
Mitternachtsbus ist jede Nacht im Einsatz
"Die extremen Temperaturen sind für die Menschen, die auf der Straße leben, sehr anstrengend", sagt Corinna Schnaus, Projektleiterin beim Mitternachtsbus der Diakonie. Wie gefährlich die Kälte für die Menschen werden kann, hänge auch vom jeweiligen Gesundheitszustand ab. Und von der Ausrüstung.

"Für die kalten Nächte haben wir ein paar zusätzliche Schlafsäcke und Handschuhe als Notversorgung im Bus", sagt ihre Kollegin Norgall. Aktuell versorge der Bus etwa 110 Gäste an 16 Haltestellen.
Doch der Schnee macht auch den Bussen zu schaffen. "Wir hoffen, dass wir trotz Schnee und Glätte nicht steckenbleiben und in den nächsten Nächten möglichst viele Stellen anfahren können", so Norgall.
Kirchen werden zu Zufluchtsorten
Daneben gibt es viele Kirchengemeinden, die regulär und spontan Hilfe anbieten: In Kiel gibt die Nikolaikirche Essensmarken für den Mittagstisch der Bahnhofsmission aus. Ein Nachweis der Bedürftigkeit ist nicht erforderlich. Jede und jeder kann einfach vormittags die Marke abholen und donnerstags und freitags ab 11.30 Uhr warm in der Bahnhofsmission essen.
Im Hamburger Gemeindezentrum neben der Osterkirche Bramfeld kommen tagsüber und abends Menschen, die sich bei einem heißen Getränk aufwärmen. Ein ähnliches Angebot gibt es auch im Trinitatis-Quartier in Altona. Die Kirchengemeinden in Harburg bieten Wärmeräume an und in der Harburger St. Johanniskirche öffnet das Café Refugio jeden Abend seine Türen für die oft bedürftigen Gäste.
In der Kirchengemeinde St. Georg-Borgfelde in Hamburg kann sich jeder und jede freitags ein warmes Mittagessen abholen und es an einem gedeckten Tisch mit Zeit zum Verweilen genießen. Und im Gemeindezentrum der Kirchengemeinde Martin-Luther-King Steilshoop gibt es täglich wechselnde Angebote für Menschen, die sich aufwärmen und weniger einsam sein möchten.

Auch die Kirchgebäude selbst werden zu Orten der Zuflucht, weiß Jens-Martin Kruse: Er ist Pastor in der Hamburger Innenstadtkirche St. Petri. Zusammen mit zwei Ehrenamtlichen gibt er jeden Donnerstag für alle, die möchten, ein warmes Mittagessen in der Kirche aus. Seit Jahresbeginn beobachte er, dass sich den ganzen Tag über mehr Menschen in der Kirche aufhalten. "Die Kirche wird als wärmender Ort genutzt", sagt er.
Essen und Kirchendecken für alle
Sie nehme eine wichtige sozial-karikative Funktion in der Stadt ein. Am kommenden Sonntag werde dort ein Gottesdienst mit anschließendem Essen gefeiert – und zwar "für alle, die da sind", so Kruse. "Es gibt Kartoffelsuppe, Gulaschsuppe, Butterkuchen und Kekse." Anmeldungen sind nicht nötig. Die Vorräte seien reichlich, sodass viele Menschen versorgt werden könnten. Ebenso gebe es "einen Schwung lila Kirchendecken", sodass niemand frieren müsse.
