Erinnerung an die Novemberpogrome

Wie die Stolpersteine nach Hamburg kamen

Ingo Wille und Peter Hess (von links) halten die Erinnerungen an die Verfolgten der Nazis wach. Sie haben dafür gesorgt, dass tausende Biografien aufgearbeitet und die Namen der Verfolgten auf Stolpersteinen zu lesen sind.
Ingo Wille und Peter Hess (von links) halten die Erinnerungen an die Verfolgten der Nazis wach. Sie haben dafür gesorgt, dass tausende Biografien aufgearbeitet und die Namen der Verfolgten auf Stolpersteinen zu lesen sind. © Evelyn Sander, epd

05. November 2026 von Evelyn Sander

Lange Zeit gab es in Hamburg keine sichtbaren Zeichen, die an die Menschen erinnerten, die den Verbrechen der Nazis zum Opfer fielen. Das änderte sich, als Peter Hess von der Aktion Stolpersteine hörte und sie 2002 nach Hamburg holte. Heute sind mehr als 7500 von ihnen verlegt.

Peter Hess stellte viele Fragen nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch angeblich hatte niemand Juden in der Nachbarschaft gesehen. „Ich war einfach enttäuscht“, sagt der 83-jährige Kunstsammler. Darüber, wie verdrängt wurde, dass zu Tausenden genau diese Nachbarn von Nationalsozialisten ermordet wurden.

Sie alle haben Namen

2001 hörte Hess von der Aktion des Künstlers Gunter Demnig, der Stolpersteine vor ehemaligen Wohnhäusern oder Wirkungsstätten der Opfer verlegt. Auf den Messingplatten stehen Namen, Geburts- und Sterbedaten der Menschen. „Mir war sofort klar, dass ich die Stolpersteine nach Hamburg holen muss.“

Er tauschte sich mit dem Künstler aus, 2002 wurde der erste Stolperstein für den Mediziner Siegfried Korach verlegt. Nach fast 25 Jahren sind es heute mehr als 7.500 in der Stadt.

Einfach war es am Anfang nicht. Als Einzelkämpfer stritt Hess um behördliche Genehmigungen für die Verlegung. Er musste nachweisen, dass die Stolpersteine rutschfrei sind. „Und mir auch noch anhören, dass ich lieber etwas für deutsche Kriegsopfer machen sollte“, erinnert sich Hess.

Engagement gegen Widerstände 

Die ersten 100 Namen und Adressen suchte er im Staatsarchiv aus alten Kästen mit vergilbten Karteikarten heraus, finanziert wurde ihre Verlegung mit Patenschaften aus seinem Familien- und Freundeskreis.

In den ersten Jahren stieß er auch auf Ablehnung. „Besonders in noblen Stadtvierteln wollten einige keine Gedenksteine vor ihrem Haus, weil dadurch die Immobilie an Wert verlieren würde.“ Das hat sich verändert. „Heute sind Anwohner offener“, sagt Hess.

In Hamburg wächst die Solidarität

Während in Heidenau (Sachsen) nach einem Antrag der AfD und CDU aktuell keine Stolpersteine mehr verlegt werden, sieht das in Hamburg ganz anders aus: „Wir erleben im Moment eine große Welle der Solidarität“, sagt Hess, der jüngst für seine Erinnerungsarbeit die „Medaille für Kunst und Kultur in Hamburg“ bekommen hat.

Viele Menschen wollen Patenschaften übernehmen und damit „Flagge zeigen gegen Rechtsextremisten“, die das Holocaust-Gedenken ablehnen.

Biografie-Projekt erforscht Lebenswege 

Hess ist längst kein Einzelkämpfer mehr, seine Idee zog bereits vor 20 Jahren weitere Kreise: Die Landeszentrale für politische Bildung und das Institut für die Geschichte der deutschen Juden starteten 2006 ein Biografie-Projekt: Seitdem haben über 350 Ehrenamtliche die Lebenswege von rund 5.500 Menschen erforscht, an die die Stolpersteine erinnern.

„Wir haben 23 Bücher herausgegeben, über eine App können Biografien auch von unterwegs abgerufen werden“, erklärt Ingo Wille, der seit 2009 dabei ist. Er will den Namen ihre Geschichte zurückgeben.

Fokus auf Menschen mit Behinderung 

Der 83-Jährige hat mehrere Bücher geschrieben und taucht immer wieder in Archive ab. „Lebensläufe der Opfer zu rekonstruieren, ist schon sehr aufwändig.“ Manchmal bekommt er von Angehörigen Briefe, Fotos oder alte Ausweise.

Seit mehr als 20 Jahren setzen Peter Hess und Ingo Wille sich dafür ein, dass kein Opfer vergessen wird.
Seit mehr als 20 Jahren setzen Peter Hess und Ingo Wille sich dafür ein, dass kein Opfer vergessen wird. Doch es gibt noch viel zu tun: Schätzungsweise mehr als 10.000 Biografien müssen allein in Hamburg noch aufgearbeitet werden. © Evelyn Sander, epd

Neben der Forschung in Stadtteilen hat Wille 136 Einzelbiografien des einzigen Transports von jüdischen Menschen mit geistiger Behinderung oder psychischer Erkrankung analysiert. „Über diese Gruppe war vorher kaum etwas bekannt“, sagt Wille, der für sein Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde.

Viele internationale Anfragen 

Über die Website erhält die Initiative immer mehr Anfragen von Angehörigen aus aller Welt, die Stolpersteine für ihre ermordeten Verwandten möchten. Es sei ein besonderer Moment, wenn Nachfahren aus Israel oder den USA bei der Verlegung dabei sind. „Da kommen fremde Menschen auf mich zu, umarmen mich und freuen sich über den Erinnerungsort“, sagt Hess.

Im Laufe der Jahre kamen rund 140 Angehörigen aus aller Welt nach Hamburg. „Es fühlt sich an, wie Brücken zu bauen.“ Manche jüdische Familien wurden durch die Stolperstein-Forschung wieder vereint, erzählt Wille. Andere wollten nie wieder Deutschland betreten und kamen doch zur Verlegung.

Es bleibt viel zu tun

Für die Ehrenamtlichen sind die Steine ein Akt der Versöhnung zwischen Juden und Deutschen. Wie viele Stolpersteine die Initiative noch verlegen muss, weiß Hess nicht genau. Mindestens 10.000 Opfer soll es in Hamburg gegeben haben.

Dreimal im Jahr verlegt der Künstler Demnig in Hamburg neue Steine, etwa 250 pro Jahr. Hess: „Es sei so ein gutes Gefühl, dass diese Menschen nicht mehr vergessen werden können.“

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