"anders wachsen"

Wirtschaftswachstum ohne Ende?

Mensch und Geld (C) Grafik: iStockphoto
© DrAfter123 / iStockphoto

21. September 2012 von Doreen Gliemann

Sollten wir mehr kaufen, um der Wirtschaft zum Aufschwung zu verhelfen? Mehrere Ökonomen und Initiativen sind der Ansicht, dass der Zwang zum Wachstum längst nicht mehr die richtige Entwicklung ist. Die kirchliche Initiative „anders wachsen“ sieht sich als Plattform, um die bereits bestehenden alternativen Konzepte bekannt zu machen. Im Gespräch: Walter Lechner, Mitbegründer der Initiative.

Sie wünschen sich weniger Wirtschaftswachstum. Heißt es nicht immer, die Wirtschaft muss wachsen, damit es uns besser geht?

Walter Lechner: Unsere Initiative „anders wachsen“ setzt sich nicht für weniger, sondern für eine Abkehr vom Wirtschaftswachstum in unseren hochindustrialisierten Ländern ein. Es hat über Jahrzehnte hinweg unseren ungeheuren Wohlstand erzeugt, der nach dem Krieg undenkbar war. Damals war das Wachstum notwendig. Wenn nichts da ist, muss produziert werden, um die Menschen mit Grundgütern versorgen zu können und deren Grundbedürfnisse zu stillen. Doch heute haben wir in unserer mitteleuropäischen Gesellschaft einen so hohen Wohlstandslevel erreicht, dass ein weiteres Wachstum in ökologischer und sozialer Hinsicht schädlich und gefährlich ist.

Erst kürzlich ist die Klimakonferenz „Rio +20“ zum Klimaschutz und zur ökologischen Wende kläglich gescheitert. Auf der einen Seite wollen wir das Klima schützen, aber auf der anderen Seite streben wir nach einer steigenden Wirtschaft mit mehr Konsumgütern, die immer mehr Rohstoffe verbraucht und den CO2-Ausstoß in die Höhe treibt. Das lässt sich nicht miteinander vereinbaren.

Sie fordern die Kirchedazu auf, Alternativen aufzuzeigen. Warum?

Walter Lechner: Die Bibel lehrt, dass es Grenzen des Wachstums gibt. Wenn wir diese überschreiten, wird es für Menschen schädlich. Gott hat uns heilsame Grenzen gesetzt, um unserer selbst und der Schöpfung willen. Der christliche Glauben lehrt das Maßhalten. In diesem Fall kann es heißen zu erkennen, was man zum Leben braucht und was uns ein gutes Leben beschert.

Aber unsere Gesellschaft hat die Maßlosigkeit zum Maß aller Dinge gemacht. Nach unserer Überzeugung müssen Kirchen und Christen darauf aufmerksam machen, dass wir uns in eine falsche Richtung bewegen, die uns nicht mehr gut tut. Wir bedienen mit dem Zwang zum Wirtschaftswachstum eine gigantische Finanzindustrie, die auf Anhäufung von Geld ausgerichtet ist. Dem einzelnen Menschen kommt das Wirtschaftswachstum, das überall gefordert wird, nicht zugute. Und solange die Wirtschaft wächst, werden auch der Ressourcenverbrauch und die Verschmutzung der Welt steigen. Das kann nicht im Sinne Gottes sein.

In der Bibel wird Reichtum und Konsum per se nicht negativ gesehen, denken wir an Salomon oder Abraham.

Walter Lechner: Die Bibel beinhaltet durchaus kritische Aussagen zum Reichtum (Lukas 12,16-21). Aber die Kirche muss nicht automatisch gegen Reichtum und Konsum sein, wenn sie sich gegen den Zwang zum Wirtschaftswachstum und für eine andere Prioritätensetzung in der Gesellschaft ausspricht. Wenn wir als Gesellschaft jedoch unseren Reichtum zu Lasten von Menschen in Billiglohnländern und durch kontinuierlich wachsende Ausbeutung natürlicher Ressourcen erreichen, dann lässt sich das nicht mit der Bibel in Einklang bringen.

"Es wird der belohnt, der das kurzlebigste Produkt erzeugt"

Welche Alternativen zum Wirtschaftswachstum gibt es Ihrer Ansicht nach? 

Walter Lechner: Das Wirtschaftswachstum ist nur eine Maßeinheit. Es ist die jährliche Steigerung des Bruttoinlandprodukts, die Summe der erzeugten Warenwerte innerhalb eines Jahres. Das Problem ist, dass wir das Wachstum zum Gradmesser für den Wohlstand unserer Gesellschaft gemacht haben. Es gibt Möglichkeiten und Konzepte, gesellschaftliche Entwicklung anders zu definieren, indem man zusätzliche Faktoren mit einbezieht: wie viel Freizeit die Menschen haben, welche Qualität das Familienleben in einer Gesellschaft hat, welchen Stellenwert Kultur und Bildung haben.

Die moderne soziale Marktwirtschaft wurde nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt. Ludwig Erhard, einer der Gründerväter, hat damit gerechnet, dass nach einer Phase der Deckung der normalen Bedürfnisse das Wirtschaftswachstum endet und etwa in den 70er-Jahren in eine "stationäre Wirtschaft" übergeht. Doch zu diesem Zeitpunkt hatten sich bereits die Wachstumswirtschaft in eine "Wachstumsgesellschaft" verwandelt - d. h. in eine Gesellschaft, in der alle Bereiche bis hin zu den Sozialsicherungssystemen auf der Logik aufbauen, dass morgen mehr da ist als gestern. Diese Logik gilt es zu brechen.

Welche Rolle spielt die Politik in diesem negativen Kreislauf?

Walter Lechner: Die Politik hat die Möglichkeit festzulegen, wer durch Subventionen, Steuererleichterungen und Abbau von Handelshemmnissen belohnt oder benachteiligt wird. Im Moment wird derjenige belohnt, wer das meiste Kapital und das kurzlebigste Produkt erzeugt. Denn er produziert mit der Notwendigkeit, dass der Kunde so schnell wie möglich wieder etwas Neues nachkauft. Gleichzeitig werden aber soziale und ökologische Kosten ausgegliedert. Wenn man diese mit einrechnet, würden viele nicht mehr zum Wirtschaftswachstum beitragen. Vielleicht würden sie sogar ein Negativwachstum haben, weil sie enorme Schäden im Klima, im Rohstoffabbau und in sozialer Hinsicht erzeugen.

Die Politik belohnt Wirtschaftswachstum nicht direkt, aber sie hat im Moment das Anwachsen der Gesamtwirtschaftsleistung zur obersten Priorität der Gesellschaft erhoben. Man hat eine Wertung für alles, was in der Gesellschaft passiert, eingeführt und diese Wertung lautet: Wird durch eine Maßnahme mehr Gewinn, mehr Wirtschaftsleistung, mehr Effektivität, mehr Güterproduktion erreicht?

Sie haben Ressourcenverschwendung und Umweltverschmutzung erwähnt. Gibt es noch weitere Gebiete, wo Wirtschaftswachstum abträglich ist?

Walter Lechner: Es gibt bereits Gesellschaften mit anderen Prioritätensetzungen. Das asiatische Land Bhutan beispielsweise hat die alleinige Orientierung am BIP durch einen Nationalen Glücks-Index ersetzt. Seit 2008 wird dort das 'Bruttonationalglück' als Ziel der Gesellschaft verfolgt. Der Lebensstandard, gemessen an Faktoren wie soziale Gerechtigkeit, Bewahrung kultureller Wert, Schutz der Umwelt und Güte der Regierungs- und Verwaltungsstrukturen, ist das Maß der Politik und Wirtschaft. Ähnliche Gesellschaftsziele verfolgen manche südamerikanische Länder mit dem Prinzip des 'buen vivir' (gutes Leben).

Wirtschaftswachstum basiert auch darauf, dass immer weniger Menschen immer mehr leisten. Es läuft darauf hinaus, dass Menschen ausgebeutet werden. Ich höre oft, dass die Leute gern weniger arbeiten und auch in Kauf nehmen würden, weniger zu verdienen. Aber sie können es nicht, weil sie entweder ihrer Firma zu 150% zur Verfügung stehen müssen oder keine Arbeit haben. Familien haben oft kein Familienleben mehr, weil beide Elternteile arbeiten gehen müssen, um einen gewissen Standard zu halten. Die meisten Leute wollen aber die Beziehungen und Familie pflegen und dafür Möglichkeiten und Raum haben.

Auf der anderen Seite erleben wir auf globaler Ebene, wie Menschenrechte und der Umweltschutz systematisch umgangen werden, um der Wirtschaft nicht im Wege zu stehen. Die Wirtschaft sucht automatisch die Länder in unserer globalisierten Welt, in denen die Konzerne am billigsten und ohne irgendwelche Hemmschwellen sozialer oder ökologischer Natur produzieren können. Das führt zum Beispiel dazu, dass wir heute ungefähr 90% unserer Kleidung aus Billigstlohnländern wie China und Bangladesch beziehen, in denen die Menschen keine Rechte haben. Dort arbeiten die Menschen etwa 70 Stunden und sechs oder sieben Tage in der Woche. Aber genau das fördert die Wirtschaft, weil damit eine höhere Gewinnspanne entsteht. Es gibt Alternativen: man kann Arbeit und Wohlstand teilen, sodass alle unterm Strich mehr vom Leben haben.

Wenn wir wirklich zahlen müssten, was die Waren wert sind, könnten wir uns vieles doch überhaupt nicht mehr leisten.

Walter Lechner: Wir haben in den letzten Jahrzehnten die herkömmliche Landwirtschaft in unserem Teil der Welt zerstört, indem wir davon ausgegangen sind, dass Lebensmittel fast nichts mehr kosten dürfen. Während in den fünfziger Jahren die Menschen etwa die Hälfte ihres Einkommens für Lebensmittel ausgegeben haben, investieren wir heute gerade noch 10 % unseres Einkommens für Essen und Trinken. Das hat eine Industrialisierung der Landwirtschaft zur Folge, die weder den Bauern eine Perspektive lässt, noch die Schöpfung bewahrt. Deutschland exportiert zudem billige Überschüsse in ärmere Länder und macht damit die dortigen Märkte kaputt. Zu niedrige Preise für Lebensmittel sind daher nicht ethisch.

Ist die Forderung nach dem Umdenken nicht an Menschen vorbeigedacht, die kaum Geld zum Leben haben?

Walter Lechner: Der Ruf nach Umkehr ist nicht an den Armen vorbeigedacht, sondern hat die Armut zum Anlass. Nicht die Ärmsten sind in erster Linie zur Umkehr in diesen Fragen zu rufen, denn sie sind häufig die Opfer der falschen Prioritätensetzung in der Gesellschaft. Warum muss es in einem der reichsten Länder der Welt überhaupt so viele Menschen geben, die oft trotz Vollzeitarbeit zu wenig zum Leben haben? Allein daran sehen wir, dass dauerndes Wirtschaftswachstum nicht automatisch mehr Wohlstand für alle bringt, sondern heute in erster Linie die Interessen großer Kapitalanleger bedient, die ihr Geld für sich "arbeiten lassen" und Zinsen erhalten wollen.


Die Fragen stellte die Journalistin Anika Lepski für www.erf.de - mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung von ERF Medien (Wetzlar) auf nordkirche.de.

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