Christopher Street Day

300.000 Menschen feiern CSD in Hamburg

Der Kirchentruck passierte auch die Hauptkirche St. Petri in der Hamburger Innenstadt. Hier lud die Nordkirche mit KonQueer in ein Segenszelt auf - als Zeichen für Vielfalt und Akzeptanz.
Der Kirchentruck passierte auch die Hauptkirche St. Petri in der Hamburger Innenstadt. Hier lud die Nordkirche mit KonQueer in ein Segenszelt auf - als Zeichen für Vielfalt und Akzeptanz. © Bertold Fabricius, Kirche Hamburg

03. August 2026 von Marcel Maack

Nach dem Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin wurde in Hamburg die Polizeipräsenz für die CSD-Demonstration am Sonnabend deutlich erhöht. Am Sonntag suchte ein CSD-Abschlussgottesdienst in der St. Pauli-Kirche nach Wegen aus der Angst.

Unter dem Motto „Solidarisch queer. Haltung zeigen - für eine Zukunft ohne Angst!“ haben sich am Sonnabend in Hamburg Hunderttausende zur Demonstration zum Christopher Street Day (CSD) versammelt.

In der Innenstadt setzten sie ein lautes und buntes Zeichen für die Rechte der queeren Community. „Jetzt erst recht!“ zählte dabei zu den häufigsten Plakataufschriften.

Vier zum Teil kostumierte Menschen schauen aus den Fenstern eines Trucks auf dem CSD in Hamburg 2026
Fröhliche Gesichter schauen aus dem Kirchentruck - alle ließen sich von der Stimmung anstecken. © Bertold Fabricius, Kirche Hamburg

Die Polizei Hamburg und der veranstaltende Verein Hamburg Pride sprachen von rund 300.000 Teilnehmenden an der CSD-Demonstration. Laut Hamburg Pride waren das „so viele wie nie zuvor“.

Blick vom Truck der Kirche hinab auf die Teilnehmenden des CSD 2026 im Hamburg
Vom Kirchentruck blickte man auf unzähligen Teilnehmenden, die an diesem Tag den Zug durch die Hamburger Innenstadt begleiteten oder vom Straßenrand zuschauten. © Bertold Fabricius, Kirche Hamburg

Bereits zum vierten Mal war unsere Kirche mit einem großen Truck auf dem Hamburger CSD dabei und setzte damit ein Zeichen für Vielfalt, Menschenwürde und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Unter dem Motto „Fürchte dich nicht. L(i)ebe frei und sichtbar“ demonstrierten auch viele Engagierte aus den Hamburger Kirchenkreisen, der Nordkirche und darüber hinaus mit.

Zwei Frauen winken mit Regenbogenflaggen vor dem CSD-Truck der Kirche beim CSD in Hamburg 2026
Mit bunten Regenbogenflaggen winkten Anja Fährmann, Präses der Nordkirche, und Anja Botta, Pröpstin im Ev.-Luth. Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein den Teilnehmenden fröhlich zu. © Bertold Fabricius, Kirche Hamburg

Gerade in Zeiten, in denen queere Menschen wieder verstärkt Anfeindungen erleben, will unserer Kirche sichtbar an ihrer Seite stehen und deutlich machen: Gottes Liebe gilt allen Menschen ohne Ausnahme. 

Nach dem Anschlag auf den Berliner CSD am vorangegangenen Wochenende waren in Hamburg die Sicherheitsvorkehrungen erhöht worden. Konkrete Gefährdungshinweise lagen laut Innenbehörde und Polizei nicht vor, dennoch habe man die Polizeipräsenz deutlich verstärkt.

Das Lagezentrum der Polizei Hamburg sprach nach der CSD-Demo von mehr als doppelt so vielen Einsatzkräften wie im Vorjahr. „Das Einsatzkonzept ist voll aufgegangen“, hieß es. Die CSD-Demo sei friedlich verlaufen.

Bei dem mutmaßlich islamistisch motivierten Anschlag in Berlin war am 25. Juli ein Kastenwagen in eine Menschenmenge gefahren. Eine 65-jährige Frau wurde getötet, 31 Menschen wurden teils schwer verletzt. Der 21-jährige Tatverdächtige wurde später bei einem Polizeieinsatz getötet.

Gedenkminute zum Demo-Start

Zum Hamburger Demo-Start fand eine Gedenkminute für die Opfer des Anschlags auf den CSD in Berlin statt. Hamburg Pride rief zu gesellschaftlicher Solidarität auf und forderte, dass alle für Gleichberechtigung einstehen. An der Demo in Hamburg nahmen auch die Veranstalter des Berliner CSD mit einem eigenen Truck teil. An dem Wagen war ein Banner mit dem Schriftzug „We will dance again“ (Wir werden wieder tanzen) angebracht.

menschen auf dem Truck der Kirche auf dem CSD in Hamburg pusten Seifenblasen in die Lust.
Schillernde Seifenblasen sowie Fähnchen und Flaggen in den Regenbogenfahnen begleiteten die phantasievoll kostümierten Menschen auf dem Kirchentruck. © Bertold Fabricius, Kirche Hamburg

Am Segenszelt bei der Hauptkirche St. Petri sei etwas weniger los gewesen als im vergangenen Jahr. Die Menschen seien aber sehr dankbar für das Angebot gewesen und die Pfarrpersonen von der Ritualagentur st.moment und KonQueer hätten schöne Gespräche geführt, sagte das Team.

Abschlussgottesdienst am Sonntag

Am Sonntagvormittag feierten rund 150 Menschen in der St. Pauli-Kirche einen CSD-Abschlussgottesdienst unter dem Motto „Der Angst die Macht nehmen“. Im Gegensatz zu der lauten CSD-Demo am Vortag sollten in der Kirche nach Angaben der Veranstalter leisere und nachdenklichere Töne im Mittelpunkt stehen.

Zwei Hände mit Segensbändern in Regenbogenfarben
Die Kirche Hamburg verteilte Segensbänder in den Regenbogenfarben. © Bertold Fabricius, Kirche Hamburg

Pastor Sieghard Wilm sagte, das Motto sei bereits vor Monaten gewählt worden. Nach dem Berliner Anschlag habe es noch einmal an Bedeutung gewonnen. Der Gottesdienst erinnerte an die Opfer queerfeindlicher Gewalt und rief dazu auf, auch im Alltag sichere Orte für queere Menschen zu schaffen. Polizei, Kirche und liberale Muslime warben für sichtbare Solidarität.

Pastor Wilm griff in seiner Predigt den 23. Psalm auf. Das alte Bild vom Gang durch das finstere Tal verbinde er mit den Erfahrungen queerer Menschen: böse Blicke, Beschimpfungen. Die Bibel dürfe nicht denen überlassen werden, die sie gegen queere Menschen verwendeten, sagte Wilm: „Uns gehört dieser Text. Und er gehört nicht denen, die uns mit der Bibel erschlagen wollen.“

Glaube bedeutet auch Widerstand

Glaube bedeute für ihn auch Widerstand: der Angst trotzig die Macht zu entreißen. „Wir werden nicht aufhören zu tanzen, damit die Angst verliert“, sagte der Pastor. Doch nach dem CSD komme der Alltag, und der sehe für viele Menschen keineswegs schillernd und bunt aus.

Hintergrund: Geschlechtergerechtigkeit in der Nordkirche

Geschlechtergerechtigkeit ist in unserer Kirchenverfassung verankert:  Die Nordkirche hat sich in Beschlüssen und eigenen Gesetzen dazu verpflichtet, das gleichberechtigte Zusammenleben von Menschen zu fördern. Laut Artikel 1, Absatz 8 der Kirchenverfassung verpflichtet sich die Nordkirche, ein von Gleichberechtigung bestimmtes Zusammenleben zu fördern. Bereits 2019 bekannte sich die Landessynode dazu, Diskriminierung abzubauen und Vielfalt zu stärken, 2023 folgte ein Gesetz zur Geschlechtervielfalt.

Wie Kirche in diesem Alltag helfen kann, beschrieb Malte Stets, der neue Pastor bei „positiv leben&lieben“, der früheren Hamburger Aids-Seelsorge. Angst sei zunächst nichts Falsches, sie warne und schütze. Zum Problem werde sie, wenn sie beginne, das Leben zu bestimmen. Kirche habe deshalb die Pflicht, aus Liebe heraus Räume zu schaffen, in denen Menschen so willkommen seien, wie sie sind: „Wir müssen sichere Orte schaffen, und wir müssen sichere Orte sein.“

Hintergrund: Der Christopher Street Day

Der Christopher Street Day (CSD) erinnert an den Widerstand von Homosexuellen und anderen queeren Minderheiten  am 28. Juni 1969 in der New Yorker Christopher Street gegen Willkür und Gewalt der Polizei. Die CSD-Demonstrationen in Deutschland finden nicht genau am historischen Datum statt, sondern an diversen Wochenenden im Sommer.

Der Juni ist als "LGBTQI*-Pride-Month dem Stolz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, transgender, intergeschlechtlichen und allen queeren Menschen gewidmet. 

Das Hamburger CSD-Straßenfest auf dem Rathausmarkt sowie am Ballindamm ging noch bis Sonntagabend.

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