Auf dem alten Grenzweg: Zwischen Freiheit und Erinnerung
01. Oktober 2026
Mitten durch das Gebiet der heutigen Nordkirche verlief bis 1989 die innerdeutsche Grenze. Unsere Redakteurin Ines Langhorst hat sich auf den Weg gemacht, die ehemalige Sperrzone zwischen Klütz und Redewisch in Boltenhagen zu Fuß zu erkunden.
Abgerutscht, zerbrochen, eingewachsen: Die Lochplatten am Strand von Steinbeck sind die letzten Zeugen des Kolonnenwegs an der deutsch-deutschen Grenze. Und mein Startpunkt zu einem kleinen Spaziergang an der mecklenburgischen Ostseeküste.
Ein bisschen Wind um die Nase wehen lassen, darauf habe ich heute noch Lust. Ich war in Klütz und habe mir das kleine Städtchen in Ruhe angeschaut. Jetzt geht es für mich an den Strand.
Mein Ausgangspunkt: Klütz, ab 1952 Sperrgebiet
Der Zugang von Steinbeck aus ist gut mit dem Auto zu erreichen. Die Fahrt von Klütz dauert nur zehn Minuten, mit dem Fahrrad eine knappe halbe Stunde. Der kostenpflichtige Parkplatz ist auch für Wohnmobile ausgeschildert. Er liegt nur wenige Schritte von der Küste entfernt. Auf dem Weg zum Wasser kommt man an einer Info-Stele zur Geschichte Steinbecks vorbei.

Schon 1230 wurde das Dorf mit sieben Bauernhöfen erwähnt. Landwirtschaft, Handel, Tourismus haben die Region über die Jahrhunderte ausgemacht. Doch nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Ort besetzt und ab 1952 Teil der Sperrzone.
Nur der Zugang zum Strand blieb offen
Vom Priwall bis nach Steinbeck reichte während der deutsch-deutschen Teilung der Schutzstreifen der Grenze entlang der Ostseeküste. Doch der Zugang zum Strand blieb offen. Dort, wo ich mich also heute frei für meinen Gang am Wasser entscheiden kann, war vielen Menschen Jahrzehnte nur der Weg Richtung Boltenhagen möglich.
Westlich von Steinbeck begann der völlig abgeschottete Hochsicherheitsbereich, während östlich der frei zugängliche Bade- und Urlaubsabschnitt begann. Direkt am Strand endet der Kolonnenweg mit einem Plateau aus ehemals fünf nebeneinander liegenden Betonplatten. Hier war eine mobile Scheinwerferstellung, von dem aus Wasser und Strand in der Dunkelheit abgeleuchtet wurden.
Am Wasser entlang Richtung Redewisch
Man muss wirklich gut zu Fuß sein, um über die Brücke, durch den Wald runter an den Strand zu kommen. Fahrräder, Kinder- oder Bollerwagen müssen spätestens auf den Überresten des Plateaus stehen gelassen werden. Je nach Wetter ist der Strand breit genug, um spazieren zu gehen. Dabei muss man vorbei an Felsen, Steinen, Holzstämmen und Strandgut. Immer im Augenwinkel die Steilküste, an deren Abbruchkanten die Wurzeln großer Bäume ragen.

Heute sind nur wenige Menschen mit mir am Strand und ich setze mich einen Moment hin. Auf der Ostsee sehe ich eine Fähre aus Travemünde auslaufen. Wohin sie wohl auf dem Weg ist – Schweden, Finnland, Litauen oder Lettland? Am Horizont erkenne ich ganz schwach die Küstenlinie der Lübecker Bucht von Sierksdorf bis Pelzerhaken. Hier kann mal alles spüren: Weite und Heimat, Sehnsucht und Freiheit, Einsamkeit und Verbundenheit – mit sich, den Menschen vor einem, der Natur, Gott.
Heute sind beide Richtungen offen
Der Wind frischt auf, Regenwolken ziehen heran. Ich mache mich auf den Rückweg. Schön war es hier. Ich komme wieder und biege das nächste Mal von den Lochplatten aus in die andere Richtung ab – weil es möglich ist. Gott sei Dank.
