Tag der Deutschen Einheit

So habe ich den Mauerfall erlebt: Persönliche Erinnerungen an den 9. November

Die Berliner Mauer ist heute ein Symbol dafür, was friedlicher Protest bewirken kann. Wo warst du, als sie fiel? Wir haben drei Menschen unserer Kirche gebeten, ihre persönlichen Erinnerungen an den 9. November 1989 zu schildern.
Die Berliner Mauer ist heute ein Symbol dafür, was friedlicher Protest bewirken kann. Wo warst du, als sie fiel? Wir haben drei Menschen unserer Kirche gebeten, ihre persönlichen Erinnerungen an den 9. November 1989 zu schildern. © NatalyaLucia, iStock

02. Oktober 2026 von Julia Krause, Jonny Franzke

Die Öffnung der innerdeutschen Grenze wurde von Millionen Bürgern aus Ost und West herbeigesehnt. Richtig fassen konnten es viele dennoch nicht, als es am 9. November 1989 endlich so weit war. Hier erzählen drei Menschen aus unserer Kirche, wie sie den Augenblick des Mauerfalls erlebt haben.

Kaum ein Ereignis der jüngsten Geschichte prägt uns so sehr wie der Mauerfall. Jahrzehntelang trennte die Grenzen Freundeskreise und Familien, bis der Ruf nach Freiheit so groß wurde, dass er politisch nicht mehr ignoriert werden konnte.

Neue Reiseregelung "sofort" und "unverzüglich"

Auf einer Pressekonferenz gab Günter Schabowski, damals Mitglied des Zentralkomitees der SED und des SED-Politbüros, am 9. November 1989 bekannt, dass es eine neue Reiseregelung gebe, die DDR-Bürger die Ausreise ins westliche Ausland erlaube – und zwar "sofort" und "unverzüglich", fügte er auf Nachfrage eines Reporters an. 

Die Nachricht wurde daraufhin auch von anderen aufgegriffen und verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Menschen strömten zu tausenden noch am gleichen Abend zu den Grenzübergängen. Die überforderten Grenzbeamten ließen sie schließlich passieren – die Fernsehbilder von Menschen aus Ost und West, die sich freudetaumelnd in den Armen lagen, gingen um die Welt. 

Hier schildern drei Menschen aus unserer Kirche, wie sie diesen historischen Augenblick erlebt haben. 

"Wir waren die ganze Nacht unterwegs"

Am 9. November 1989 war ich am Abend in Berlin auf der Bornholmer Brücke, dem Grenzübergang der angesichts der vielen Menschen, die von der neuen Freiheit Gebrauch machen wollten, die Grenzsoldaten zum Öffnen der Mauer zwangen. Es war ein Moment großer Freude.

Wir waren die ganze Nacht in Westberlin mit unseren dortigen Freunden unterwegs. Und dann die Freude in den Augen meiner beiden Kinder, als wir am nächsten Tag mit ihnen zusammen im Doppelstockbus durch Westberlin fuhren: Sie saßen oben ganz vorn und staunten.

© Ulf Dahl

Zugleich war mir klar, dass mit diesem Tag die Entwicklung in der DDR einen klareren Lauf nehmen wird. Die deutsche Einheit stand nun viel drängender auf der Tagesordnung. Kontroverse Diskussionen in den Oppositionsgruppen waren die Folge. Aber mir war damals schnell klar, dass die Wiedervereinigung eine europäische Dimension hat.

Gerade für die ostmitteleuropäischen Dissidenten, denen wir so viel zu verdanken hatten, stand die Einheit Deutschlands nicht zu Disposition; im Unterschied zu den westlichen Staaten wie z.B. Frankreich oder das Vereinigte Königreich. Der Tag der Freude wurde für mich so zu einem Tag der Verantwortung.

Eine wichtige Erkenntnis für mich war die Bedeutung der Medien in diesen Stunden der Unklarheit. Nicht die Meldung über die Pressekonferenz brachte die Menschen in Bewegung. Es war Chefredakteur Jürgen Engert, vom Sender Freies Berlin, der für viele Menschen in Ostberlin eine Vertrauensinstanz war. Er berichtete von einer vermutlichen Grenzöffnung auf der Bornholmer Brücke. Ihm vertrauen die Menschen im Osten, nicht dem SED-Politiker Günter Schabowski.

Klaus-Dieter Kaiser (Pastor i. R., bis 2021 Direktor der Evangelischen Akademie der Nordkirche in Rostock)

"Ich war völlig aufgeregt"

"Ich war 18 Jahre alt, als ich am Abend des 9. November 1989 ins Wohnzimmer kam und meine Familie gebannt vor dem Fernseher sitzen sah. Ich war völlig aufgeregt und konnte kaum begreifen, was dort gerade geschah: Die Mauer war offen!

Astrid Kleist
Astrid Kleist © Nordkirche

Die deutsche Teilung hatte für mich bis dahin einfach zur Realität gehört – und plötzlich schien sich alles zu verändern. Am nächsten Abend ging ich zum Konzert von Tracy Chapman in Hamburg. Nach dem Konzert beschlossen mein Bruder, einige Klassenkameraden und ich, am nächsten Morgen ganz früh mit dem Bus nach Berlin zu fahren.

Wir standen an der Mauer, sahen Menschen auf ihr, Trabis, die durch Berlin fuhren, und Menschen, die sich in den Armen lagen. Die Fotos, die ich damals gemacht habe, bewahre ich bis heute auf."

Astrid Kleist (Geschäftsführerin des Deutschen Nationalkomittees des Lutherischen Weltbundes, bis 2024 Hauptpastorin und Pröpstin im Kirchenkreis Hamburg-Ost)

"Meine Eltern waren unendlich ergriffen"

Meine Mutter hatte zur Zeit der Teilung Cousins und Cousinen in Ostdeutschland und ich kann mich an eine Reise in die DDR – vor allem wegen der bewaffneten Grenzbeamten – mit gemischten Gefühlen erinnern.

Holger Wöltjen
Holger Wöltjen © Oliver Beck

Am 9. November 1989 war ich 11 Jahre alt und zuhause, in einem kleinen Dorf in Niedersachsen. Ich war in meinem Zimmer  – ich glaube schon im Bett – als meine Eltern hereinkamen und mir erzählten, dass "die Mauer" offen sei.

Und ich weiß noch, dass ich das Gefühl hatte, nicht wirklich zu verstehen, was das bedeutet, aber dass es meinen Eltern unendlich viel bedeutete und sie sehr ergriffen davon waren. 

Holger Wöltjen (Diakon im Pfarrdienst, ehemals Leiter der Fachstelle für junge Menschen im Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg)

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