Ängste und Sorgen der Menschen wahrnehmen

EKD-Ratsvorsitzende Fehrs: "Kirche darf nicht müde werden"

Bischöfin Kirsten Fehrs im Ökumenischen Forum Hamburg.
Bischöfin Kirsten Fehrs im Ökumenischen Forum Hamburg.© Marcelo Hernandez

09. September 2026 von Nadine Heggen

Die Kirche muss nach Ansicht der Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Kirsten Fehrs, besonders in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung Flagge zeigen. Dazu gehöre auch das Gespräch mit den frustrierten Menschen.

Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Kirsten Fehrs, nimmt die Kirche in die Pflicht, den Zusammenhalt in der derzeit polarisierten Gesellschaft zu stärken. „Als Kirche haben wir einen gesellschaftlichen Auftrag, der in diesen Zeiten nötiger ist, denn je“, sagte die Hamburger Bischöfin im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) anlässlich ihres 65. Geburtstags am 12. September.

Dazu gehöre neben dem interreligiösen Dialog auch die Intensivierung der Beziehungen von Kirche zu Wirtschaft und Verbänden. Kirche und Gesellschaft befänden sich derzeit in „riesigen Transformationsprozessen“. Es brauche eine gewisse Unerschrockenheit, um diese Veränderungen anzugehen.

Bis zum Entritt in ihren Ruhestand im Herbst 2029 möchte sie daran mitwirken, die Gesellschaft weiter zu stabilisieren und krisenfest zu machen. Dabei sei es wichtig, die Ängste und Sorgen der Menschen wahrzunehmen und sie partizipieren zu lassen. „Nur gemeinsam können wir die notwendigen Strukturveränderungen stemmen.“

Angesichts der zunehmenden rechtsextremen Kräfte in Deutschland müsse Kirche Haltung bewahren und die gesellschaftlichen Grundwerte vertreten. „Wir dürfen nicht müde werden, in den Dialog mit Menschen zu treten, die eine hohe Unzufriedenheit spüren.“

„Leid ist nicht die ganze Wahrheit“

Kirche sei verantwortlich für ein Gemeinwesen, in dem nie nur der Blick auf sich selbst zähle, sondern auch auf den Nächsten. „Deshalb stehen wir, wie so viele andere Institutionen, unter enormem Druck. Weil wir uns solidarisch mit den Schwächsten unserer Gesellschaft zeigen, werden wir als naiv beschimpft, wenn nicht sogar schlimmer“, erklärte Fehrs. Es sei Aufgabe von Kirchengemeinden, Diakonie und auch ihr als Bischöfin, dennoch nicht nachzulassen.

Um hoffnungsvoll zu bleiben, rät sie dazu, den Unzufriedenen nicht ständig eine Bühne zu geben. Stattdessen solle man auch mal „eine andere Brille“ aufsetzen und sich auf das fokussieren, was dank vieler engagierter Menschen im Land gut gelinge. „Das heißt nicht, dass wir das Leid etwa durch Kriege und Krisen ausblenden. Aber dieses Leid ist eben nicht die ganze Wahrheit“, findet die Bischöfin.

Zur Person: Die EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs

Die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs ist seit knapp zwei Jahren Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Am 12. September feiert sie ihren 65. Geburtstag.

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Mit ihrer klaren, authentischen und besonnenen Art schaffte sie es nach ganz oben: Die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs ist die dritte Frau in der mehr als 80-jährigen Geschichte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die als Ratsvorsitzende das höchste Amt der deutschen Protestanten bekleidet. Am 12. September feiert sie ihren 65. Geburtstag.

Zu Beginn ihres Theologiestudiums habe sie über Karriere nicht nachgedacht, sagte Fehrs dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Damals wollte ich einfach Pastorin und Seelsorgerin sein, die Menschen in den Höhen und Tiefen des Lebens begleitet.“

Aufgewachsen ist Fehrs an der schleswig-holsteinischen Westküste als Tochter des Bürgermeisters in Wesselburen. Nach ihrem Studium in Hamburg war sie Gemeindepastorin im holsteinischen Hohenwestedt, Bildungsreferentin sowie Personal-und Organisationsentwicklerin.

2006 wurde sie Pröpstin und Hauptpastorin an der Hamburger Hauptkirche St. Jacobi. Seitdem wohnt sie mit ihrem Ehemann, Pastor Karsten Fehrs, mitten in der City. Hier startet sie regelmäßig ihre morgendliche, etwa zehn Kilometer lange Joggingrunde. Zur Bischöfin wurde sie im Juni 2011 gewählt. Ihr Bischofsbezirk umfasst Hamburg, Lübeck und das Umland.

Bundesweit bekannt wurde Fehrs für ihr Engagement gegen sexuellen Missbrauch in der evangelischen Kirche. Sie war bis 2020 Sprecherin des EKD-Beauftragtenrates zum Schutz vor sexualisierter Gewalt.

Dem Rat der EKD gehört sie seit 2015 an. Von 2021 an war sie stellvertretende Ratsvorsitzende und übernahm den Vorsitz zunächst kommissarisch, nachdem Annette Kurschus nach Vorwürfen im Zusammenhang mit einem Missbrauchsverdacht in ihrem früheren Arbeitsumfeld in Siegen zurückgetreten war. Am 12. November 2024 wurde Fehrs dann offiziell zur Ratsvorsitzenden gewählt.

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