30 Jahre nach Reaktorunglück

Ferien-Kinder aus Tschernobyl: Urlaub von der Katastrophe

30 Jahre nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl kommen noch immer Ferien-Kinder nach Deutschland (Archiv 2015)
30 Jahre nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl kommen noch immer Ferien-Kinder nach Deutschland (Archiv 2015)© epd-bild / Stefan Heinze

14. April 2016 von Simone Viere

Es ist Hilfe mit langem Atem. 30 Jahre nach der Reaktorkatastrophe nehmen Gasteltern in Norddeutschland auch in diesem Jahr wieder Tschernobyl-Kinder auf. Doch für Vereine, Kirchengemeinden und Initiativen wird es immer schwerer, Engagierte zu finden. Das merkt auch die deutschlandweit größte Hilfsaktion der Landeskirche Hannover.

Auf die fast 15-jährige Sonja freut Ute Dubbels sich besonders. Seit 1993 verbringen jeden Sommer Kinder aus der weißrussischen Region um Gomel Ferienwochen im Hause Dubbels in Abbensen bei Hannover. Über die Aktion "Hilfe für Tschernobyl-Kinder" der hannoverschen Landeskirche erwartet die 74-Jährige auch in diesem Jahr eine Mutter mit Kind aus der Region, die bis heute am stärksten unter den Folgen der Reaktorkatastrophe leidet. Außerdem will Sonja wiederkommen, mit der die Familie Dubbels eine besondere Geschichte verbindet.

Vor 30 Jahren, am 26. April 1986, ereignete sich im Block 4 des ukrainischen Atomkraftwerkes Tschernobyl ein Unfall, der radioaktive Stoffe freisetzte, die zu etwa 70 Prozent auf dem Gebiet von Weißrussland niedergingen.

Auf Jahrhunderte verstrahlt 

Die Menschen in den verstrahlten Regionen müssen auf lange Sicht mit den Folgen leben. Zwar nimmt die Oberflächenbelastung kontinuierlich ab, weil die radioaktiven Substanzen größtenteils in das sandige Erdreich sinken. Doch es dauert fast 300 Jahre, bis die biologisch besonders wirksamen Substanzen Strontium 90 und Cäsium 137 ihre energiereiche und zerstörerische Strahlung nicht mehr aussenden.

Bis heute ist Tschernobyl auch für viele Deutsche noch das Symbol für die atomare Katastrophe schlechthin. Mit der Öffnung des "Eisernen Vorhangs" begann in den Folgejahren zugleich ein Engagement der besonderen Art, das nach dem "Kalten Krieg" Ost und West verband. Initiativen unter anderem in den USA, Italien, Japan und Deutschland organisierten Hilfen für die Opfer von Tschernobyl.

Hilfe für die Opfer von Tschnobyl

"Hunderte Gruppen haben in Deutschland Hunderttausende Kinder eingeladen", sagt Lars Torsten Nolte, der die Aktion der hannoverschen Kirche organisiert. Gleich beim ersten Mal empfing die evangelische Landeskirche 1991 rund 1.100 Kinder und ihre Begleiter zu Ferienwochen abseits ihrer strahlenverseuchten Heimat. Doch 30 Jahre später sei das Engagement vielerorts zurückgegangen oder ganz eingeschlafen, sagt Nolte. "Die Aktion der Landeskirche ist mittlerweile die größte in ganz Deutschland." Mit rund 650 Gästen reiche sie aber nicht mehr die an Zahlen von früher heran. "Der Bedarf in Weißrussland ist weitaus höher."

Tschernobyl gerät aus dem Bewusstsein

Viele Gastgeber der ersten Generation sind wie Ute Dubbels längst im Rentenalter. Neue finden sich immer schwerer, sagt Nolte. Auch wenn das Reaktorunglück von Fukushima vor fünf Jahren viele wieder wachgerüttelt habe, gerate Tschernobyl aus dem Bewusstsein. "Menschen setzen sich anderswo ein. Es gibt auch eine humanitäre Konkurrenz." Ute Dubbels kennt noch einen ganz praktischen Grund, warum Jüngere bei der Aktion seltener mitmachen. "Oft sind beide Partner berufstätig. Dann fehlt die Zeit", sagt sie. Dabei sei die Hilfe weiter nötig.

Radiologe: Positive Erlebnisse gut für die Gesundheut

Nach Ansicht des Göttinger Radiologen Heyo Eckel ist wissenschaftlich schwer nachzuweisen, ob der Eindruck vieler Gasteltern zutrifft, dass die Besuche in Deutschland das Immunsystem der Kinder stärken. "Es ist auf jeden Fall ein unglaubliches Erlebnis für die Kinder, eine so enorme Gastfreundschaft zu erfahren", betont der 81-Jährige. Das wirke sich positiv auf die Gesundheit aus. "Wir sollten das in jedem Fall fortführen", betont Eckel, der lange Jahre die niedersächsische Landesstiftung "Kinder von Tschernobyl" geleitet hat und immer noch dem Vorstand angehört.

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