Holocaust-Gedenktag

Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus: "Wir klagen Dir"

Der Landesrabbiner der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein, Dov-Levy Barsilay, und der Bischof im Sprengel Schleswig und Holstein, Gothart Magaard, sprachen Gebete und Worte zum Gedenken.
Der Landesrabbiner der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein, Dov-Levy Barsilay, und der Bischof im Sprengel Schleswig und Holstein, Gothart Magaard, sprachen Gebete und Worte zum Gedenken. © Landtag, Regina Baltschun

23. Januar 2023 von Claudia Ebeling, Antje Wendt

Menschen jüdischen Glaubens, Sinti, Roma, Homosexuelle, politisch Andersdenkende oder Behinderte: In Deutschland wird seit 1996 am 27. Januar an die Verbrechen der NS-Herrschaft erinnert. Im Schleswig-Holsteinischen Landtag fand eine zentrale Gedenkfeier statt.

Mit einer zentralen Gedenkveranstaltung hat der schleswig-holsteinische Landtag am Donnerstag Abend im Kieler Landeshaus an die Opfer des NS-Regimes erinnert. Der Landesrabbiner der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein, Dov-Levy Barsilay, und Bischof Gothart Magaard aus dem Sprengel Schleswig und Holstein haben Gebete gesprochen.

Wir klagen Dir die Opfer von Verfolgung und Demütigung, Gewalt und Mord. Gib uns offene Augen und Sensibilität für die Menschen, denen Gewalt und Grausamkeit angetan wurden und Behutsamkeit für ihre verletzten Seelen. Mache unser Herzen für die Erinnerung weit und stark für den Mut zur Umkehr. Bischof Gothart Magaard.

Dramatische Entwicklungen 1933

Die Anwesenden wurden von Landtagsvizepräsidentin Eka van Kalben begrüßt. In einem Gedenkvortrag zeichnete Prof. Dr. Uwe Danker, Direktor der Forschungsstelle für regionale Zeitgeschichte und Public History der Europa-Universität Flensburg, die dramatischen Entwicklungen des Jahres 1933 und ihre Auswirkungen nach.

Hintergrund:

Die Ernennung Adolfs Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 markierte den Beginn einer Reihe von Maßnahmen, die binnen kürzester Zeit die Demokratie aushebelten, den deutschen Staat in eine Diktatur umwandelten und die systematische Verfolgung politischer Gegner und ganzer Bevölkerungsgruppen möglich machten.

Nach der Auflösung des Reichstages am 1. Februar 1933 hoben die Machthaber in den folgenden, von nationalsozialistischem Terror gekennzeichneten Wochen, die verfassungsmäßigen Grundrechte auf und schufen den Rahmen für politische und ideologische Verfolgung. 

Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Soldaten dasKonzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Auf dem Gelände befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch etwa 7.000 Menschen. Wie kein anderer Ort symbolisiert Auschwitz die Verbrechen der Nationalsozialisten. Hier wurden zwischen von 1940 und 1945 mindestens 1,1 Millionen Menschen ermordet.

In Deutschland wird seit 1996 am 27. Januar mit dem "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus" an die Verbrechen der NS-Herrschaft erinnert. Der damalige Bundespräsident Roman Herzog hatte den Tag ins Leben gerufen.

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen erklärte den 27. Januar im November 2005 zum "Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust". Er wurde zum ersten Mal im darauffolgenden Jahr begangen.

Opernsänger Szymon Chojnacki und Stefan Bone, Kapellmeister und Solorepetitor am Theater Kiel, begleiteten den Abend musikalisch – mit Stücken, die von Terror, Unterdrückung, Trauer, aber auch von Hoffnung erzählen.

Der Historiker Dr. Uwe Danker, Landtagsvizepräsidentin Eka von Kalben, Landesrabbiner Dov-Levy Barsilay und Bischof Gothart Magaard gestalteten die Gedenkstunde im Schleswig-Holsteinischen Landtag
Der Historiker Dr. Uwe Danker, Landtagsvizepräsidentin Eka von Kalben, Landesrabbiner Dov-Levy Barsilay und Bischof Gothart Magaard gestalteten die Gedenkstunde im Schleswig-Holsteinischen Landtag© Landtag, Regina Baltschun

An zahlreichen weiteren Orten in der Nordkirche ist am Freitag der Opfer des Nationalsozialismus gedacht worden: Mit Schweigeminuten, Gottesdiensten oder Aufrufen, sich gegen Rechtsextremismus und Rassismus zu engagieren.

Historiker Linck: Eigenes Fehlverhalten aufarbeiten

Das vollständige Interview mit Dr. Stephan Linck lesen Sie hier.

"Dieser Tag erinnert uns daran, wohin Antisemitismus in letzter Konsequenz führen kann, nämlich in die Barbarei. Sich dies zu vergegenwärtigen ist auch und gerade heute wichtig", betont Dr. Stephan Linck, Studienleiter für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit in der Evangelischen Akademie der Nordkirche, in einem Interview mit der Online-Redaktion.

Die Kirche ist nach den Worten von Stephan Linck noch dabei, das eigene Fehlverhalten während des Nationalsozialismus aufzuarbeiten und kritisch zu reflektieren. "Bei unserem Umgang mit Kunst, die in der NS-Zeit entstanden ist, und Kriegerdenkmälern in und vor unseren Kirchen wird dies besonders deutlich", sagt er.

Um glaubwürdig zu sein beim Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus heute, gehöre es, sich ernsthaft mit der eigenen Geschichte auseinander zu setzen. Gedenktage seien wichtige Bausteine dabei. Denn: "Da, wo wir weniger gedenken, sind wir auch weniger sensibilisiert", betont er.

Dialog-Beauftragte Lehming: Lebendiges Judentum kennenlernen

Das vollständige Interview mit Hanna Lehming lesen Sie hier.

Die Beauftragte für den Christlich-Jüdischen Dialog der Nordkirche, Hanna Lehming, kritisiert in einem Gespräch mit der Online-Redaktion, dass das Thema Judentum in der Kirche vor allem unter der Überschrift „Erinnerungskultur“ wahrgenommen wird, als wäre das Judentum tot. Doch die jüdischen Opfer seien keine Objekte, sondern Menschen. Stattdessen wäre es viel sinnvoller, sich mit dem lebendigen Judentum zu befassen.

Sie betont auch, dass Juden und Jüdisches seitens der Kirche nicht vereinnahmt werden dürfe. Es sei wichtig, die Unterschiedlichkeiten von Judentum und Christentum zu respektieren.

Das Verhältnis von Christen zu Juden erlebt sie als sehr "befangen": "Das Stichwort „Jude, jüdisch“ ist bei uns mit so vielen Assoziationen belastet und befrachtet, dass an eine unbefangene Begegnung mit dem Judentum oder einzelnen Juden nicht zu denken ist."

Landesbischöfin: Erinnern, gedenken, Verantwortung übernehmen

"Die Verbrechen dürfen wir niemals vergessen und wir dürfen darüber niemals schweigen", erinnerte Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt rückblickend auf ihren Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz Anfang Januar. Dort war sie in ihrer Funktion als stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Nationalkomitees des Lutherischen Weltbundes, der im September in Krakau tagt.

Die Nordkirche unterhält ökumenische Beziehungen zu zwei Diözesen der Augsburgischen Kirche in Polen. "Versöhnung" ist ein wichtiger Baustein. Das Zentrum für Mission und Ökumene koordiniert die Arbeit.

Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt und Bischof Jerzy Samiec der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen legen in Auschwitz-Birkenau einen Kranz nieder.
"Wir müssen uns damit auseinandersetzen, wie es zu diesen Verbrechen kommen konnte - auch um unserer Gegenwart und Zukunft willen", so Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt. Gemeinsam mit Bischof Jerczy Samiec von der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen legte sie einen Kranz nieder.© Florian Hübner, LWB

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