Themensynode Klima

Klimaforscher Mojib Latif: Es ist ein ziemlich dickes Brett, das die Nordkirche bohren muss

Das Eis wird weniger: Schwimmende Eisberge in Jokulsarlon im Vatnajokull National Park, Island
Das Eis wird weniger: Schwimmende Eisberge in Jokulsarlon im Vatnajokull National Park, Island© Pilat666 / iStock

20. Februar 2022 von Agnes Zeiner

Wenn der Klimaforscher Prof. Dr. Mojib Latif sagt, dass die Kirche „ein guter Ort ist, um Nachhaltigkeit voranzubringen“, blickt er weit über die offensichtlichen Kirchensanierungen und Elektrofahrzeuge hinaus. Denn die Kirchen sollen in die Waagschale werfen, was sie ausmacht: ihre Glaubwürdigkeit. Und das nicht nur in der Gemeinde, sondern weltweit.

Professor Latif, Sie forschen zu den anthropogenen Einflüssen auf das Klima und entwickeln Modelle. Wie nehmen Sie die Klimaveränderung wahr?

Lassen Sie mich da zuerst als Privatperson antworten. Ich wurde in den 50er-Jahren in Hamburg geboren, und habe hier nicht nur meine Kindheit und Jugend verbracht, sondern fast mein ganzes Leben. Was ich deutlich merke: Die Winter sind wärmer geworden. Als Kinder sind wir zum Rodeln gegangen – stellen Sie sich vor, in Hamburg! Heute ist Schnee in der Stadt hingegen ziemlich außergewöhnlich, praktisch ein Medienereignis. 

Die Messungen bestätigen, dass das nicht nur subjektive Empfindungen sind. Anfang der 1980er-Jahre habe ich beim Max-Planck-Institut begonnen. Dort wurden schon sehr früh erste Berechnungen zur Klimaerwärmung angestellt. Und alles, was meine Kollegen damals vorhergesagt haben, ist im Wesentlichen eingetreten! Mein Doktorvater, Klaus Hasselmann, und Syukuro Manabe aus Amerika haben letztes Jahr für ihre Arbeit zur Modellierung des Klimas und ihre Vorhersagen zur Erderwärmung sogar den Physik-Nobelpreis bekommen. 

Porträtaufnahme Klimaforscher Prof. Dr. Mojib Latif
Klimaforscher Prof. Dr. Mojib Latif© Jan Steffen / GEOMAR

Zur Person:

Der Klimaforscher Prof. Dr. Mojib Latif leitet die Forschungseinheit Maritime Meteorologie am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, lehrt an der Universität Kiel und ist Präsident der Deutschen Gesellschaft CLUB OF ROME und seit 1. Januar Präsident der Akademie der Wissenschaften in Hamburg. Mehr: geomar.de/mlatif

Themenschwerpunkt Klima bei der Landessynode

Auch die Daten des DWD zeigen, dass Frosttage ab- und Hitzetage mit 30°C und darüber zunehmen. Wenn ich einen Vortrag vorbereite, wie beispielsweise jetzt für die Synodentagung der Nordkirche, kann ich mich fast immer auf sehr aktuelle Ereignisse beziehen, so wie die Flut in West- und Südwestdeutschland oder die Waldbrände in Südeuropa im letzten Jahr.

Da frage ich mich, als Privatperson und als Forscher: Wann wacht die Welt endlich auf? Die Zunahme der Extreme ist eindeutig auf die Klimaerwärmung zurückzuführen. 

Viele Unternehmen und Organisationen veröffentlichen in letzter Zeit Nachhaltigkeitsberichte und sprechen über ihre Bemühungen zum Thema Klima- und Umweltschutz. Ist das als Erfolg der Mahner (auch aus der Wissenschaft) zu werten? Wie nachhaltig ist dieser Nachhaltigkeits-Boom?

Ehrlich gesagt empfinde ich diese Nachhaltigkeitsberichte oft als „Greenwashing“, viele sind mehr Schein als Sein. Was man aber auch sagen muss: Der Ausstoß von Treibhausgasen ist in Deutschland seit 1990 um knapp 40 Prozent zurückgegangen, während er global gesehen im gleichen Zeitraum um etwa 60 Prozent gestiegen ist.

Deutschland gehört also „zu den Guten“, auch wenn uns bei dieser Entwicklung die Wiedervereinigung in die Hände gespielt hat, nach der viel veraltete durch hochmoderne Technologie ersetzt worden war bzw. Betriebe geschlossen wurden.

Aber es beweist auch: Klimaschutz bedeutet nicht automatisch, dass wir dafür unseren Wohlstand verlieren!

Fragezeichen und Glühbirne auf gelbem Hintergrund
© eyetoeyePIX / istock

Sind wir also gut unterwegs?

Ein Großteil geht auf weniger CO2-Ausstoss im Bereich der Stromerzeugung zurück. Deutschland hat den Ausstieg aus der Kohlestromversorgung beschlossen und bereits viele Kohlekraftwerke stillgelegt. Ende 2022 schalten wir das letzte AKW ab, und ich bin extrem froh darüber.

Der Anteil erneuerbarer Energien an unserer Stromversorgung beträgt heute bereits 50%. Das hätte vor 20 Jahren niemand für realistisch gehalten. Möglich wurde es, weil sich alle Bundesregierungen seither zur Energiewende bekannt und sie umgesetzt haben. Aber man muss auch sagen: In den Bereichen Gebäude ist eher wenig, und bei Verkehr und Landwirtschaft ist weniger passiert – das meiste kommt tatsächlich über den Stromsektor.

Reagieren die Politik und die Unternehmen dabei auf die Forderungen der Menschen, die sich um Klimaschutz Gedanken machen?

Nein, das würde ich so nicht sagen. Die Verbraucher beschäftigen sich erst jetzt, und teilweise auch erst langsam mit dem Thema. Hier hat die junge Generation mit der Bewegung Fridays for Future sehr viel in die richtige Richtung angestoßen und bewegt – bis hin zur Europawahl, bei der die Grünen ihren Erfolg einfahren konnten.

Menschen bei einem Streik gegen den Klimawandel
Menschen bei einem Streik gegen den Klimawandel © Halfpoint / iStock

Der Erfolg dieser jungen Menschen hat für mich einen relativ einfachen Grund: Sie sind unschuldig an der Situation unserer Erde, und ihr einziges Interesse ist, es, unsere – ihre – Lebensgrundlage zu erhalten. Dagegen kann man einfach nicht argumentieren.

Auch die Nordkirche will bis zum Jahr 2050 klimaneutral werden.

Nun ja, die Kirche bleibt damit schon hinter den politischen Vorgaben zurück! Deutschland hat sich ja Klimaneutralität bis 2045 auf die Fahnen geschrieben. Ich bin der Meinung, dass die Kirche bei solchen Themen Vorreiterin sein sollte, gerade weil sie sich auch als Bewahrerin der Schöpfung versteht. In meinen Augen hat sie das in der Vergangenheit eher versäumt, und daher empfinde ich dieses Bekenntnis zur Klimaneutralität als etwas, das selbstverständlich sein sollte.

Es ist ein ziemlich dickes Brett, das die Nordkirche bohren muss. Denn es gilt, Klimaschutz auf vielen Ebenen umzusetzen, beispielsweise bei den Gebäuden.

Hier denke ich nicht nur an die Kirchen selbst, sondern auch an Schulen, Kindergärten, und andere Immobilien im Besitz der Nordkirche. Dann geht es um Mobilität und Reisen – um Fahrzeuge und die Benützung der Bahn statt Flugzeugen; und es geht auch darum, im Bereich der Beschaffung anzusetzen und nachhaltige Produkte einzukaufen.

Wo sehen Sie die Chancen, wenn sich die Kirche zur Klimaneutralität bekennt?

Die Kirche hat Gewicht – sowohl als Institution, als auch in ihren Einzelpersonen, denen die Menschen zuhören. Die Kirche ist ein guter Ort, um Nachhaltigkeit voranzubringen, das ureigene Thema der Kirchen, und ich bin froh, dass die Nordkirche diesen Diskurs nun aufgreift.

Gibt es zwei Seiten dieser Medaille – also auch Risiken?

Nein, ich sehe hier wirklich nur Chancen. Die Kirche hat nun die Möglichkeit zu zeigen, dass sie lernfähig ist, dass sie die Zeichen der Zeit erkennt und Herausforderungen offen angeht.

Pastorin Rugenstein vor der St.-Johannis-Kirche. In der Kirche erinnert vieles an vergangene Sturmfluten. Der Boden zwischen den Bänken ist mit Sand und Muscheln bedeckt, so kann Wasser, falls die Warft geflutet wird, schneller wieder ablaufen.
Pastorin Rugenstein vor der St.-Johannis-Kirche. In der Kirche erinnert vieles an vergangene Sturmfluten. Der Boden zwischen den Bänken ist mit Sand und Muscheln bedeckt, so kann Wasser, falls die Warft geflutet wird, schneller wieder ablaufen. © Simone Viere

Wie und wo können einzelne Gemeinden ihren Beitrag leisten?

Abgesehen davon, was ich schon gesagt habe zu den Bereichen Gebäude, Mobilität und Beschaffung hat die Kirche zwei große Vorteile. Der eine ist: Sie ist glaubwürdig, da sie keine Einzelinteressen vertritt. Diese Glaubwürdigkeit können die Gemeinden ausspielen und sich beispielsweise als Moderatorin für bestimmte Themen anbieten.

Zum Beispiel: Geht es in einem Ort darum, die Windkraft auszubauen, wäre die lokale Kirchgemeinde ideal dafür geeignet, zwischen den einzelnen Interessen – Befürworter, Gegner, Betreiber, politischer Gemeinde – zu vermitteln und das Projekt aktiv voranzutreiben.

Und der zweite Vorteil?

Der ist, dass die Kirche eine globale Organisation ist. Wir brauchen eine globale Energiewende, denn Treibhausgase sind extrem langlebig. CO2 verteilt sich innerhalb von ein paar Wochen über den ganzen Planeten und bleibt über 100 Jahre in der Luft. Das Problem kann also nur global geschafft werden, und das Klimaproblem ist der Lackmus-Test für die internationale Staatengemeinschaft.

Wer, wenn nicht die Kirche, sollte solche Themen aufgreifen? Das beschränkt sich im Übrigen nicht nur auf den Themenkreis Klima und Nachhaltigkeit, sondern erstreckt sich auch auf andere Gebiete wie die Flüchtlingsproblematik oder das Artensterben. Hier tritt mir die Kirche noch zu leise auf.

Von der Staatengemeinschaft zum Einzelnen: Wie kann ich als Einzelperson das Klima schützen – möglichst ohne auf meinen Wohlstand und mein bequemes Leben zu verzichten?

Ich möchte hier keine Ratschläge erteilen, wie dass man z.B. öffentliche Verkehrsmittel benutzen soll. Ich selbst lebe in einer Großstadt und kann das relativ einfach umsetzen, während es auf dem Land deutlich schwieriger ist. 

Der wichtigste Schritt ist, sich für das Thema Klimaschutz zu öffnen. Wenn es darum geht, beispielsweise eine Photovoltaik-Anlage oder eine Wärmepumpe für das Einfamilienhaus anzuschaffen, höre ich von älteren Personen oft: „Das lohnt sich für mich nicht mehr.“ Sie meinen damit, dass es sich finanziell nicht mehr lohnt - und da frage ich mich dann: Denken diese Leute nicht an ihre Kinder und an ihre Enkel? Es ist also noch viel Aufklärung nötig, und die Kirche ist ein guter Ort für diese Aufklärung.  

Außerdem gibt es meines Erachtens einen großen Fehler in der ganzen Debatte um den Klimaschutz. Es geht nicht darum, auf etwas zu verzichten, sondern man profitiert dabei sogar! Ich nenne das „Co-Benefits“, die wir uns mehr bewusst machen sollten.

Öfters mal statt mit dem Auto mit dem Fahrrad fahren oder Fuß gehen, ein paar Mal in der Woche auf Fleisch verzichten – das ist gesund und tut auch dem Geldbeutel gut.

Ich habe mir spaßeshalber einmal ausgerechnet, wie viel Benzin man spart, wenn man nicht immer Vollgas fährt. Da kommen im Jahr – netto! – ein paar hundert Euro zusammen. Das nenne ich mal einen schönen Co-Benefit! 

Professor Latif, herzlichen Dank für das Gespräch.

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