Interview im Vorfeld der Landtagswahl

Landesbischöfin: "Demokratie ist kein Lieferservice"

Mit Blick auf die kommende Wahl stellt unsere Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt (Archivbild) noch einmal klar: "Nächstenliebe, Menschenwürde, Barmherzigkeit – für uns ist unverhandelbar, dass sie allen Menschen gleichermaßen zukommen."
Mit Blick auf die kommende Wahl stellt unsere Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt (Archivbild) noch einmal klar: "Nächstenliebe, Menschenwürde, Barmherzigkeit – für uns ist unverhandelbar, dass sie allen Menschen gleichermaßen zukommen."© Klinkhardt, Nordkirche

11. September 2026

Mit Blick auf die kommende Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern ruft unsere Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt die Menschen dazu auf, spaltenden Kräften eine Absage zu erteilen. Extrememismus widerspreche der christlichen Überzeugung, dass alle Menschen Gottes geliebte Geschöpfe sind.

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Am 20. September haben die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern die Wahl. Nach dem Ergebnis in Sachsen-Anhalt macht unsere Landesbischöfin noch einmal deutlich, dass extremistische Kräfte dem Geist der Menschenliebe entgegenstehen. 

"Unsere Demokratie ist verletzlich"

epd: Erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg ist in Sachsen-Anhalt eine vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestufte Partei stärkste Kraft geworden. Was löst das Ergebnis bei Ihnen aus?

Kristina Kühnbaum-Schmidt: Dieses Wahlergebnis erfüllt mich mit großer Sorge und mit tiefem Ernst. Es zeigt, wie verletzlich unsere Demokratie ist. Zugleich sehe ich aber hoffnungsvoll und froh darauf, wie die christlichen Kirchen in Sachsen-Anhalt klar und eindeutig auch weiterhin für Demokratie und Menschenwürde einstehen.

Darin sind wir mit ihnen und sie mit uns in großer Geschwisterlichkeit, Solidarität und im Glauben fest verbunden. Denn als Christinnen und Christen bekennen wir, dass jeder Mensch Gottes geliebtes Geschöpf ist – unverfügbar in seiner Würde. Extremismus, der Menschen in unterschiedliche Kategorien einzuteilen versucht, der im Blick auf Rechte oder Würde unterscheidet zwischen „wir“ und „die“, widerspricht dieser Überzeugung zutiefst.

Wenn eine rechtsextreme Partei stärkste Kraft wird, ist das deshalb ein geistliches und gesellschaftliches Alarmzeichen. Wir sehen solche Entwicklungen als Aufruf, weiterhin unsere im Evangelium gegründete Verantwortung für Nächstenliebe, Barmherzigkeit und damit auch für gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserem Land mit großem Engagement wahrzunehmen.

epd: Wie groß ist Ihre Sorge, dass das Ergebnis in MV ähnlich ausfallen wird?

Kühnbaum-Schmidt: Ich sehe die Spannungen auch in Mecklenburg‑Vorpommern sehr deutlich. Viele Menschen erleben Verunsicherung, manche ziehen sich zurück. Gerade deshalb ermutige ich alle Menschen, insbesondere in unseren Kirchengemeinden, dazu, wachsam zu bleiben und die Würde jedes Menschen zu schützen – besonders dort, wo sie infrage gestellt wird.

"Nächstenliebe ist unverhandelbar"

Nächstenliebe, Menschenwürde, Barmherzigkeit – für uns ist unverhandelbar, dass sie allen Menschen gleichermaßen zukommen. Dafür stehen wir jetzt und auch zukünftig klar und entschieden ein, an der Seite aller, die jetzt in Angst und Sorge sind. Im Übrigen hoffe ich sehr, dass die Menschen in unserem Bundesland sehr bewusst prüfen, wem sie bei der Landtagswahl ihre Stimme geben.

epd: Was spricht aus Ihrer Sicht dafür, dass Mecklenburg‑Vorpommern anders wählen wird?

Kühnbaum-Schmidt: Wie der Wahlausgang in unserem Bundesland sein wird, kann ich natürlich nicht voraussagen. Und ich will dazu auch nicht spekulieren. In den letzten Monaten und Wochen habe ich aber an so vielen Orten erlebt, dass sich sehr, sehr viele Menschen mit großem Engagement für ein gutes Miteinander einsetzen – in unseren Gemeinden, in Vereinen und Initiativen, in Bündnissen für Demokratie.

Diese gelebte Verantwortung füreinander ist stark. Sie zeigt, dass Demokratie immer auch eine Haltung ist: Menschen sehen einander, hören einander zu und widersprechen dort, wo Ausgrenzung und Verachtung Raum gewinnen wollen. Meine Erfahrung ist: Der Zusammenhalt in unserem Bundesland ist tragfähig, auch wenn er manchmal leise daherkommt.

epd: Was geben Sie den Menschen eine Woche vor der Wahl noch einmal zu bedenken?

Kühnbaum-Schmidt: Zuerst: Liebe wird letztlich immer stärker sein als Ausgrenzung und Hass. Dann: Unser christlicher Glaube steht dafür, dass die Angst nicht größer wird als unsere Hoffnung auf ein Leben, in dem alle Menschen einander mit Achtung und Respekt begegnen, in dem unser Zusammenleben geprägt ist durch Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Menschenwürde, Nächstenliebe und Freiheit sind Maßstäbe, an denen wir uns orientieren.

"Prüfen Sie, ob Schutz von Minderheiten garantiert ist"

Deshalb erinnere ich mit Nachdruck an den gemeinsamen Aufruf der Kirchen und Religionsgemeinschaften zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern: 'Unterstützen Sie diejenigen politischen Kräfte, die Zusammenhalt fördern, statt Menschengruppen gegeneinander auszuspielen. Geben Sie jenen ihre Stimme, die sich uneingeschränkt zur Würde jedes und jeder Einzelnen bekennen und danach handeln. Prüfen Sie, ob und wie der Schutz von Minderheiten und Schutzbedürftigen garantiert wird. Wir rufen Sie auf, unsere demokratische Gesellschaft mit ihrer Stimme stark zu machen!'

epd: Was steht für die Nordkirche bei der Wahl in MV auf dem Spiel? Insbesondere mit Blick auf den Zusammenhalt zwischen Menschen…

Kühnbaum-Schmidt: Bei dieser Wahl steht vor allem für alle Menschen in Mecklenburg-Vorpommern viel auf dem Spiel – für unser Zusammenleben, unseren Alltag, für das Vertrauen, das wir einander schenken. Wenn Menschen gegeneinander ausgespielt werden, wenn Abwertung und Angst wachsen, wird das soziale und demokratische Miteinander beschädigt.

"Jede Stimme zählt"

Als Christinnen und Christen treten wir dafür ein, dass die unveräußerliche Würde jedes Menschen geachtet wird. Demokratie braucht Schutz, persönliches Engagement und die Bereitschaft, einander als Gottes geliebte Geschöpfe zu sehen – unabhängig von Herkunft, Meinung oder Lebensweg.

epd: Warum ist es wichtig, am 20. September seine Stimme abzugeben?

Kühnbaum-Schmidt: Weil jede Stimme zählt – und weil unsere Demokratie davon lebt, dass Menschen sich einbringen. Demokratie ist eine Mitmach-Angelegenheit, kein Lieferservice.

Wer wählen geht, gestaltet mit, wie unser Land in Zukunft aussehen soll. Mit jeder Stimme besteht die Möglichkeit, Freiheit, Menschenwürde und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu stärken. So wird sichtbar, dass Respekt, Nächstenliebe und Gerechtigkeit nicht nur Worte sind, sondern Wirklichkeit werden können.

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