Im Luthergarten: Wo Gärtnern eine Gemeischaftsaufgabe ist
24. September 2026
Mitten in Hamburg liegt der Luthergarten: Wer hier sät, darf auch ernten. Auf 14.000 Quadratmetern wächst eine überraschend große Vielfalt an Kräutern, Gemüse- und Obstsorten. Organisiert wird der Anbau von Freiwilligen – ein ökologisches Projekt, an dem sich auch Demokratie üben lässt.
Unsere Landeserntedankfeste
Auf dem Gartentisch steht eine Vase mit einem üppigen Wildblumenstrauß. Die Holzschilder, die den Weg weisen, sind handbenmalt. Darauf zu lesen: "Treffpunkt", "Wallachei", "Wildness". Neben Sonnenblumen wuchern Brennesseln und Löwenzahn in ungeahnte Höhen. Das grüne Fleckchen Erde mitten in Hamburg könnte eine Bauwagensiedlung sein, in der eine Gruppe Aussteiger*innen, den Traum von Unabhängigkeit und Freiheit lebt.

Ein Projekt, das Früchte trägt
Doch die Frau, die aus dem Grün auftaucht, ist mit dem E-Bike angeradelt. Lächelnd streicht sie sich eine Locke aus dem Gesicht und blickt dann achselzuckend auf ihr kürbis-gelbes Kleid. "Ich habe nachher noch Schicht im Eine-Welt-Laden", sagt Monika Schankin. "Normalerweise gehe ich sonst nicht so in den Garten."

Der Luthergarten, das wird schnell deutlich, während sie stolz auf Kürbisbeete und Weintraubenreben deutet, ist einer ihrer Lieblingsorte. Kurz nach der Corona-Pandemie kam sie zusammen mit einer Nachbarin das erste Mal her. Sie hatte beim Spazierengehen das Schild gesehen und wollte ausprobieren, wie es ist, sich hier einzubringen.

Dabei sei es ihr zum einen um das Aussäen, Anpflanzen und Ernten unter freiem Himmel gegangen. Zum anderen fand sie aber auch die Idee, zusammen mit anderen etwas zu schaffen, faszinierend.
"Das gemeinschaftliche Tun macht einfach Spaß", sagt sie und erzählt vom vergangenen Aktionstag, bei dem sich ihre Gartengruppe zur Kartoffelernte traf. In diesem Jahr ist sie besonders üppig ausgefallen. "Wir haben noch nicht mal die Hälfte geschafft, weil sämtliche Körbe, die wir hatten, schon voll waren", sagt sie lachend.
Gemeinsames Arbeiten, gemeinsames Essen
Die regelmäßigen Aktionstage seien so etwas wie das Herzstück der Gemeinschaft: Hier können sich neue Gäste über das Projekt informieren und langjährige Mitglieder über Ideen austauschen. An jedem Aktionstag werde erst gearbeitet, dann zusammen gegessen, erklärt die Frewillige. Oft werde für die Mahlzeit direkt etwas Erntefrisches aus dem Garten verarbeitet. "Letztens gab es Mangoldsuppe, dazu frisches Brot und selbstgemachte Kräuterbutter."
Unterteilt ist der Garten in verschiedene Themenfelder. Im "Garten der Stille" wachsen alte Bäume auf einer verwunschen wirkenden Wiese, deren Blickfang ein massiver Altar aus Felsen ist. Im hinteren Teil steht dann ein erstaunlich geräumiger Bauwagen mit Panoramafenster. Im Inneren sind die Bänke gegenüber des Ofens mit Schaffellen ausgelegt – ein Wohlfühlort.
Die Ernte ist reich – auch an Melonen
"Die Wallachei", die hinter einem riesigen Baumhaus beginnt, ist hingegen Monika Schankins Revier: Hier arbeitet sie mit anderen Freiwilligen daran, Obst- und Gemüse in allen denkbaren Varianten anzubauen. In den Gewächshäusern gedeihen Tomaten in allerlei Farben und Formen, am Boden leuchten Kürbisse neben Kohl- und Zwiebelgewächsen. Gleich daneben ranken sich Weintrauben und im Hochbeet stehen Physalispflanzen.
Archiv: Ein Tag im Luthergarten
"Ich finde es super, wenn wir unser Repertoire erweitern", sagt die Gärtnerin. Immer nur Kohl und Karotten sei doch langweilig. Manchmal müsse man beim Experimentieren zwar Rückschläge einstecken – "Die Süßkartoffeln haben überhaupt nicht geklappt!". Aber es gebe auch Erfolge. "In diesem Jahr war ich super stolz auf die Melonen."

Dass diese Früchte auch in Norddeutschland gedeihen und dann auch noch zu enormer Größe heranwachsen, habe sie anfangs selbst überrascht. Doch im Großen und Ganzen sei das Gärtnern viel einfacher als gedacht.
Herausfordernd sei dagegen manchmal das Zusammenspiel aller Akteur*innen. Denn der Luthergarten ist basisdemokratisch organisiert: jede Entscheidung über Anbau und Anschaffung wird abgestimmt und dokumentiert. Finanziert wird das Meiste hingegen über ein freiwilliges Gartengeld, über dessen Höhe jede* selbst bestimmt.
Ein bisschen Bauernhof in der Großstadt
Die Zuständigkeiten für das 14.000 Quadratmeter große Gelände sind auf mehrere Gruppen verteilt: So gibt es neben der "Wallachei" auch eine für die Permakultur und die Küche. Und dann ist da noch die Hühnergruppe.

Sie besteht schon seit Beginn an, als die Kirchengemeinde die einst brachliegende Fläche vor mehr als einem Jahrzehnt in einen Gemeinschaftsgarten umwandelte. "Wahrscheinlich weil wir alle kleine Kinder hatten und wir alle das Bedürfnis hatten, dass die mal ein bisschen Bauernhofleben mitbekommen in der großen Stadt", erklärt Sabine Christiansen, warum die Hühner angeschafft wurden.

Inzwischen sind die Kinder groß, viele Mitglieder der Hühnergruppe aber weiterhin im Dienst. Per Schichtsystem wird gewährleistet, dass jeden Tag jemand vor Ort ist, um die Hühner zu füttern, den Stall auszumisten und die Eier einzusammeln. Wer sie essen möchte, kauft sie sich – und finanziert damit das ökologische Hühnerfutter. Der Hühnermist wiederum findet als Dünger Verwendung. "Das ist hier als Kreislaufwirtschaft gedacht", erklärt Sabine Christiansen.
Zisterne soll Kreislaufwirtschaft stärken
Aus diesem Gedanken heraus bauen die Freiwilligen des Luthergartens derzeit auch an einem Goßprojekt: eine Zisterne. So soll Regenwasser nicht einfach an Ort und Stelle versickern, sondern dorthin geleitet werden, wo es gebraucht wird: zu den Pflanzen, die heranreifen, um Früchte auszubilden.

In diesem Sommer ist die Zisterne nicht mehr fertiggeworden. Doch vielleicht verhilft sie den Freiwilligen schon im kommenden Jahr zu einer noch üppigeren Ernte.

