Sehe und Staune: Ein Besuch im Bibelgarten Barth
10. Juni 2026
Welche Pflanze steht für Lebensfreude, welche für die Ewigkeit? Und warum ist in der Bibel von Äpfeln die Rede, obwohl sie im Nahen Osten eher rar sind? Ein Besuch im Bibelgarten Barth bringt so manche Erleuchtung. Und ist ganz nebenbei einfach erholsam. Unser Sommer-Tipp.
"Erholungsort Barth" steht am Bahnhof der kleinen Stadt am Bodden in Mecklenburg-Vorpommern. Wer hier aussteigt, kann die mittelalterlichen Gassen durchstreifen, die St. Marien-Kirche passieren und den Hafen erkunden. Das ist die Haupt-Touristenroute.
Rundgang durch das Mini-Paradies
Wer in die entgegengesetzte Richtung läuft, wird jedoch auch nicht enttäuscht werden. Denn nur wenige hundert Meter vom Bahnhof entfernt liegt eine kleine Oase: der Bibelgarten Barth.

Hinter der St.-Jürgen-Kapelle verläuft ein grünes Idyll mit liebevoll gepflegten Beeten. Die Wege, die sie durchtrennen, lassen die Anlage kreuzförmig erscheinen: In vier Feldern blühen unterschiedliche Gewächse, deren Namen auf kleinen Tafeln zu lesen sind.
Symbolisieren soll diese Aufteilung das Paradies, das laut biblischer Überlieferung so fruchtbar war, weil es von den vier Flüssen Pischon und Gihon sowie Euphrat und Tigris, versorgt wurde, erklärt Doreen Habermann, Leiterin des Bibelzentrums Barth.
Der Apfel ist ein Missverständnis
Sie und ihre Mitarbeiter:innen bieten ganzjährig Führungen durch den Garten an, um zu erklären, welche Pflanzen einen biblischen Bezug haben – und noch heute zum Beispiel als Heilkräuter eingesetzt werden. Mit einigen Missverständnissen räumt sie dabei auch gleich auf.

Da wäre zum Beispiel die Sache mit dem Apfel: Wer an die biblische Beschreibung des Paradieses denkt, hat sogleich den Apfelbaum vor Augen und die verhängnisvolle Geschichte mit dem Reinbeiß-Verbot, das nicht eingehalten wurde.
Dass es ein Apfel war, der ins Verderben führte, sei aber schon aufgrund der klimatischen Bedingungen recht unwahrscheinlich, sagt Habermann und fügt hinzu: "Tatsächlich ist nur von Frucht die Rede."
Ein Übersetzungfehler hat uns geprägt
Luther habe daraus bei der Übersetzung einen Apfel gemacht, weil das nun mal die gewöhnlichste Frucht hierzulande ist. In Nahost ist hingegen der Granatapfel sehr verbreitet – der Luther wiederum unbekannt gewesen sein dürfte.

Andere Bezüge sind dagegen eindeutiger: So könne man davon ausgehen, dass mit Wein auch Wein gemeint ist, sagt die Expertin. Dieser stehe schon in der Bibel für Lebensfreude – eine Assoziation, die auch heute noch gegeben ist. Im Bibelgarten rankt die Kletterpflanze an der Kapellenwand – im Spätsommer können Besucher:innen die Trauben kosten.
Als die Kirchenmänner um die Heilung stritten
Ein paar Meter weiter finden die Gäste verschiedene Kräuter, die zum Teil heute noch für Tees und Salben eigesetzt werden, wie etwa Thymian und Rosmarin. Etwas überraschend für den modernen Menschen ist hingegen, dass sich um ihre Verwendung zu Beginn des Mittelalters ein handfester Streit entbrannte.

Denn während manche Geistliche Krankheiten als von Gott gegeben ansahen, denen man höchsten mit Beten entgegenwirken konnte, sahen andere die Möglichkeit, auch anders handeln zu können: "Weil Kräuter von Gottes Schöpfung sind, darf man sie auch zur Heilung verwenden", erläutert Habermann die zweite Perspektive. Es war diese Sichtweise, die sich letztlich durchsetzte – und dazu führte, dass die Kirche zur ersten Institution außerhalb der Familie wurde, die sich um Kranke kümmerte.
Auch das Bibelzentrum Barth blickt auf eine solche Geschichte zurück: Es war ursprünglich ein Hospital für Lepra-Kranke, die von der Gesellschaft ausgeschlossen waren. Hier fanden sie Zuflucht und Pflege. Vielleicht sogar durch Gewächse, von denen schon Jesus gekostet haben soll.
Die Entdeckungstour lüftet Geheimnisse
Eines, das dafür in Betracht kommt, ist Ysop. Dem lila blühenden Halbstrauch wird eine krampflösende und schmerzlindernde Wirkung nachgesagt. Der Legende nach soll einer seiner Bewacher einen Schwamm in eine Ysop-Lösung getaucht haben. Anschließend reichte er ihn dem sterbenden Jesus am Kreuz.

Ob Presterkragen, Mariendiestel oder Pfingstrose: Bei einigen Pflanzen sind die christlichen Bezüge schon im Namen zu erkennen. Bei anderen braucht man die Erklärung der Expertin – und staunt.
So etwa beim Acanthus. Das immergrüne Gewächs erinnert ein wenig an Efeu, ist aber pieksiger. Beim Betrachten fallen einem unwillkürlich Friedhöfe ein. Und das liegt nahe. Denn sehr häufig sind Kirchen, Kapellen und Grabmale mit Nachbildungen dieser Ranken verziert, sagt Habermann. "Es ist ein Zeichen für die Unsterblichkeit, die Ewigkeit. Auch unsere Barther Bibel hat an der Seite diese Verzierung." Damit solle von vornherein signalisiert werden: "Das, was hier drin steht, steht für die Ewigkeit", so Habermann.
Ein kleiner Bluff in der Not
So unmissverständlich sich die Kirchenleute in diesem Punkt zeigten, so flexibler waren sie in anderen. Deutlich wird das an der Geschichte einer anderen Pflanze: Sie trägt den namen Heiligenkraut – und war ein Ersatzprodukt. "Es gab Zeiten, in denen Weihrauch sehr teuer war. Und da hat man dann das Heiligenkraut in Büscheln getrockent und verbrannt", so Habermann. Ein kleiner Bluff also aus der Not heraus, der gelang, weil der Geruch beider Pflanzen sehr ähnlich ist.

Wer diese und ähnliche Geschichten rund um die 120 bis 150 Gewächse des Bibelgartens erfahren möchte, hat dazu ganzjährig Gelegenheit.
