Wissenschaft

Teurer Tod: Immer mehr Menschen entschließen sich zur Körperspende

Der Friedhof als Ort der Erinnerung an Verstorbene verliert in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft zunehmend an Bedeutung. Davon profitiert die Wissenschaft
Der Friedhof als Ort der Erinnerung an Verstorbene verliert in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft zunehmend an Bedeutung. Davon profitiert die Wissenschaft© epd-Bild, Rolf Zöllner

17. November 2016 von Nicole Kiesewetter

Die Möglichkeiten, sich bestatten zu lassen, wachsen stetig. Einer der ungewöhnlicheren Wege ist der, seinen Körper der Wissenschaft zu spenden. Heidi Möller ist sich sicher: "Das Geld für meine Bestattung können meine Kinder besser verwenden". Die 72-Jährige aus einem kleinen Ort in Mecklenburg-Vorpommern will ihren Körper nach dem Tod der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen. Und sie ist nicht allein mit dieser Entscheidung. Bundesweit übersteigt die Zahl der willigen Spender seit geraumer Zeit den Bedarf.

"Früher haben wir Spender aus ganz Vorpommern angenommen", erklärt Professor Karlhans Endlich, Direktor des Instituts für Anatomie und Zellbiologie der Universität Greifswald. Nun müssen sie in einem Radius von 20 Kilometern um Greifswald wohnen und dürfen nicht jünger als 50 Jahre alt sein. Bundesweit nehmen rund 35 anatomische Institute Körperspenden an. Für die steigende Spendenbereitschaft sieht der Mediziner unterschiedliche Gründe.

Starke Einschränkung bei regionaler Zugehörigkeit und Alter der Körperspender

Neben dem Wunsch, einen "Dienst für die Wissenschaft" zu leisten, treibt viele Menschen die Absicht, den Angehörigen weder finanziell für die Beerdigung und die Friedhofskosten noch durch zeitlichen Aufwand für die Grabpflege zur Last fallen. Das Verfahren ist nicht kompliziert: Nach gründlicher Information wird eine schriftliche Vereinbarung abgeschlossen, die jederzeit ohne Nennung von Gründen rückgängig gemacht werden kann. Das Institut stellt einen Körperspendenausweis aus.

Nach dem Tod wird der Leichnam konserviert und lagert rund ein Jahr im Institut, bevor er in einem Präparationskurs für Studenten eingesetzt wird. Nach Ende des Kurses werden die Körper eingeäschert und meistens bei einem Trauergottesdienst oder einer Gedenkfeier im Kreis von Angehörigen und Studenten beigesetzt. Die Grabpflege übernimmt die Universität. Längst jedoch können die meisten Universitäten die Bestattungskosten nicht mehr allein tragen.

Universitäten und Körperspender tragen Bestattungskosten gemeinsam

Vor einigen Jahren noch war das kein Problem. Doch das Sterbegeld, das im Fall einer Körperspende an die Universitäten überging, wurde 2004 abgeschafft. Jetzt müssen die Körperspender anteilige Kosten tragen. In Greifswald und Rostock sind es 800 Euro, in München 1.150 und in Hamburg 1.200 Euro. Auch wenn diese Kosten wesentlich geringer sind als für eine übliche Bestattung, sieht Institutsdirektor Endlich darin nur einen Grund für die Entscheidung zu einer Körperspende.

"Sterben und bestattet werden ist weniger ritualisiert als früher", so seine Beobachtung. Eine zunehmend individualisierte Gesellschaft, in der auch der Einfluss von Religion und Kirche abnehme, erlaube mehr selbstbestimmte Entscheidungen, auch über den Tod hinaus. Die Bestattung an sich ist kein großes soziales Ereignis mehr. Damit ist auch das Grab für die Erinnerungen und das Gedenken der Angehörigen immer weniger wichtig. Für die Wissenschaft hingegen sind die Körperspenden unverzichtbar.

Komplexe Anatomie nur am menschlichen Körper zu begreifen

Rund 40 Leichen braucht die Uni Greifswald im Jahr für die medizinische Ausbildung des Nachwuchses. Dabei ist der Anatomiekurs häufig die erste Begegnung der Studierenden mit einer Leiche. Doch nach dem anfänglichen mulmigen Gefühl stelle sich schnell ein konzentriertes Arbeiten ein, sagt der angehende Mediziner Florian Junge. Nur am menschlichen Körper könnten die künftigen Ärzte die komplexe Anatomie begreifen. "Diese Erfahrung geht weit über das hinaus, was Bücher oder Computeranimationen vermitteln können", weiß der 21-Jährige.

Die jährliche Gedenkfeier für die Körperspender ist für Medizinstudent Junge die Gelegenheit, sich noch einmal anders mit dem Thema Leben und Tod auseinandersetzen. "Da wird dir noch mal bewusst, dein Präparat hatte ja auch mal ein Leben". Die abschließende Trauerfeier sei auch wichtig für die Angehörigen, sagt der Greifswalder Dompfarrer Matthias Gürtler, der die Veranstaltung mit organisiert. "Für die Hinterbliebenen ist es die Trauerfeier, die sie bis dahin nicht hatten."

Jährliche Gedenkfeier für Körperspender wichtiges Ritual für Angehörige

Viele Monate lang wussten sie nicht genau, wo ihr Angehöriger ist, nun können sie abschließen. Aus theologischer Sicht hat Gürtler keine Bedenken. "Unser christlicher Glaube an die Auferstehung gilt nicht nur für unversehrte Körper", ist er überzeugt. "Wir machen unseren Glauben selbst klein, wenn wir so denken". Heidi Möller hat es "nicht so mit der Kirche", wie sie es ausdrückt. "Der Tod ist teuer", sagt sie. Der Spender-Ausweis, den sie immer mit sich tragen muss, ist für sie die Beruhigung: "Es ist alles geregelt".

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